Afghanistan. Bald fast 10 Jahre dauert nun dieser multinationale Einsatz am Hindukusch – schon länger als der 2. Weltkrieg. Viele Menschen reden über diese Mission, noch mehrere interessiert das alles gar nicht. Es wird viel geredet über Afghnaistan: Tagungen, Konferenzen, sogenannte Expertenrunden…ich habe viele selber mitgemacht. Aber Afghanen selber wurden wenig bis gar nicht gehört. Einen kenne ich mittlweile sehr gut und ist ein Freund fürs Leben geworden. Elijah Escobar alias Sabur S. aus Hannover. Er ist der Hauptdarsteller von dem Theaterstück “Tariqs Auftrag”, über das ich hier kürzlich berichtet habe. Er, selber Flüchtling aus Afghanistan, mischt sich nun ein in eine Debatte. Lesen Sie hier seinen Bericht über eine Afghanistan-Diskussion, die die Grünen vergangene Woche veranstaltet haben, bei der Sabur als Gast eingeladen wurde.
Der Traum vom Frieden. Dass es leicht wird, hat keiner gesagt.
von Elijah Escobar alias Sabur S.
Kurz vor 18 Uhr, mein letztes Red Bull, vor paar Stunden noch in Moringen und mit dem Schüler des KGS Moringen diskutiert über Tariqs Auftrag, Afghanistan und den Krieg. Ich komme in das Gebäude der Kargah e.V. in Hannover an und ich muss wieder an Tariqs Geschichte denken. Ich stelle fest, dass es bei uns Afghanen tausende Schicksale gibt, die dem Tariqs gleichen. Ich muss ihre Geschichten erzählen, ich muss den Menschen deutlich machen, dass wir direkt von ihrer Politik betroffen sind, dass wir mehr als nur Kollateralschäden sind. Manchmal hab ich das Gefühl, dass die Weltmächte Afghanistan als ihren persönlichen Spielplatz sehen, sich eine Runde austoben und dann bye-bye. Afghanistan. Es hört sich so weit weg an und plötzlich ist es so nah. Tausende Probleme schießen durch meinen Kopf. Was ist ein Störfaktor für den Frieden in Afghanistan? Die internationalen Schutztruppen? Die Warlords? Die korrupte Regierung? Die Taliban oder doch die fehlende Infrastruktur und die Perspektivlosigkeit der Menschen dort? Wo setze ich an? Jahrzehnte hat es nicht die Welt interessiert, wie es die Menschen in Afghanistan geht und plötzlich interessiert sich die ganze Welt für die Afghanen? Ganz selbstlos, mit reinem Herzen und natürlich ganz ohne Hintergedanken will man Afghanistan helfen? Zu viele Fragen in meinem Kopf, aber ich finde keine Antworten.
Die Politik füttert uns mit der Wahrheit nur häppchenweise, wenn überhaupt. Als Herr von zu Guttenberg das erste Mal vom „Krieg“ sprach, dachten viele, er habe das Feuer neu erfunden. Was dachten die Menschen, was da unten los ist? Ein Lagerfeuerverein trifft sich und macht eine Schnitzeljagt durch Afghanistan? Die Wahrheit ist, man hat sich ein Feind erschaffen, in diesem Fall die Taliban. Dass die USA durch Umwege die Taliban finanziert und beliefert haben, ist natürlich nie so gewesen. Wie dem auch sei, egal von welcher Strategie grade gesprochen wird, nichts ist so wie es wirklich scheint und man tut das alles sicher nicht aus dem Grund, weil man nur das Wohl der Afghanen im Auge und im Herzen hat. Das wäre zu schön um wahr zu sein, aber die Welt ist leider nicht immer schön. Dies hat mir die Welt bzw. haben die Menschen oft bewiesen.
Vertieft in meinen Gedanken treffe ich Corina, eine sehr sympathische Mitarbeiterin von Sven Kindler. Sven Kindler selbst scheint ein Mensch zu sein, der sehr ehrgeizig ist und für seine Ziele kämpft. Einer, der die Welt verändern will, sie verbessern will und sei es auch nur einen Zentimeter. Gleich ist die organisatorische Besprechung des Abends. Sven Kindler ist Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen aus Hannover. Er ist Mitglied im Haushaltsausschuss des Bundestags u.a. zuständig für den Einzelplan des Auswärtigen Amtes. Wir gehen gemeinsam die ersten Fragen des Abends durch. Wir kommen auf die Darstellung der Deutschen Soldaten in den Medien. Die Medien haben das Bild der Deutschen ISAF Soldaten von Anfang an falsch vermittelt. Die deutsche Bevölkerung hat geglaubt, die Soldaten gingen runter nach Afghanistan und könnten jedem einzelnen Afghanen den Mantel der Demokratie umhängen, shakehands und gehen da wieder raus. Das Bild, dass die deutschen Soldaten dort als Brunnenbauer aktiv sind und wenn sie schießen aus ihren Gewehren statt der Munition Rosen rauskommen stimmt nicht und diese Realität hat uns spätestens nach der Kunduz-Affäre eingeholt. Ich merke, es wird eine kontroverse Diskussion werden.
Die zentrale Frage des Abends ist, wie kann Afghanistan befriedet werden und wie müsste ein Strategiewechsel aussehen, der den Traum vom Frieden Realität werden lässt. Diese Frage soll nicht nur aus der bundespolitischen Sicht beantwortet werden. Die Stimme der Afghanen muss in jede weitere Entscheidung wahrgenommen werden und einfließen. Was wollen die Afghanen also? Wer sind die Afghanen? Hier ist es interessant zu berücksichtigen, dass Afghanistan ein Vielvölkerstaat ist. Die Afghanen gehören zu einer Vielzahl ethnischer Gruppen und Stämme, wobei sich aus historischen Gründen die Paschtunen häufig als staatstragendes Volk ansehen. Außerdem gibt es die Tadschiken, die Hazara , die Usbeken und viele weitere Gruppierungen. Diese komplexe Konstellation der Bevölkerung macht deutlich, dass es mehrere Gruppen gibt die berücksichtig werden müssen. Mittlerweile gibt es mehr als 2000 bewaffnete Gruppen, die in und aus Afghanistan operieren. Gruppen, die aus dem Ausland gesteuert werden. Privatarmeen der Drogenbosse, Warlords und kriminelle Vereinigungen. Sie alle verdienen am Krieg und haben kein Interesse am Frieden. Bekanntlich kann man von Krieg ganz gut leben, siehe Waffenlobby etc.
Ziehen wir eine Bilanz: ca. 5 Millionen Afghanen sind von Hunger und Durst direkt betroffen. Mehr als einer Million Kindern fehlt es an ausreichender Ernährung. Die Analphabetenrate bei den Männern liegt bei zirka 70 % und bei den Frauen sind es sogar 90 %. Unter den Taliban war es verboten Drogen anzubauen, somit hatte Afghanistan eine sehr geringe Rate an Opiumproduktion. Doch seitdem die internationale Schutztruppe da ist, kommt 92 % der Opiummenge auf der Welt aus Afghanistan. Das sind die Ausgangswerte in Afghanistan und die Gegenseite stellt eine von den USA installierte Regierung dar, die nicht fähig ist außerhalb Kabul zu reagieren. Die Menschen haben schon lange das Vertrauen an die Regierung verloren, nicht nur weil sie korrupt ist, sondern auch weil die Regierung nicht in der Lage war und nebenbei angemerkt es heute auch nicht ist, die politische Situation in Afghanistan nachhaltig zu verbessern. Die Taliban gewinnen immer mehr ihrer Macht zurück. Naja , kein Wunder. Da bombardiert man Tanklaster und Hochzeiten, bezeichnet die Toten als Kollateralschäden, baut dann im Gegensatz drei Brunnen und gut ist. Kann man so langfristig Frieden erschaffen? Reicht ein „Sorry“ und wird so die Wut der Afghanen über die „Kollateralschäden“ besänftigt?
Irgendwas macht man im Afghanistan falsch. Die bisherige Strategie geht nicht auf und das wird von Tag zur Tag deutlicher. Wir brauchen einen Strategiewechsel, weniger Militär und mehr zivilen Aufbau. Die Politik muss das Vertrauen der Afghanen zurückgewinnen. Man muss starke und nachhaltige Zeichen setzen. Die Politik muss sich ihrer Fehler bewusst werden und an einem Neubeginn arbeiten. Eine sture Aufstandsbekämpfung und fragwürdige Angriffe können nicht den langersehnten Frieden bringen. Nachhaltig muss man an einer zivilen Konfliktlösung arbeiten und auf alle Ebenen muss verhandelt werden. Auch die Taliban müssen berücksichtigt und neu integriert werden. Man muss zwischen den Talibankämpfern differenzieren. Viele kämpfen, weil sie von den Taliban besser bezahlt werden als von der Regierung. Daher muss man Anreize schaffen, an soziale Maßnahmen arbeiten und versuchen diese Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren.
Ich denke das Wichtigste ist, dass man die Warlords entwaffnet und diese Menschen an Verhandlungstische bringt. Der Westen muss die Rolle des Vermittlers übernehmen und dieses Mal zur Abwechslung ohne Hintergedanken und Eigeninteressen. Afghanistan war zulange das Schachbrett der Weltmächte. Zu viele Kriege wurden auf dem Rücken der Afghanen ausgetragen. Frieden mit Gewehre zu bringen- paradox in sich. Afghanistan braucht humanitäre Hilfe, was ist die Basis für jede weitere Entwicklung ist. Dieser Krieg kann nicht allein mit militärischer Macht gewonnen werden. Man muss versuchen, die Herzen der Menschen dort zu gewinnen und das tut man nur, wenn man die Afghanen als gleichberechtigte Partner ansieht, ihre Religion, Kultur und Mentalität versteht und akzeptiert.
Um 21 Uhr geht die Diskussionsrunde zu Ende, Sven Kindler wie ich auch sind der festen Überzeugung, dass wir einen Strategiewechsel in der Afghanistan-Politik brauchen. Wir sind uns auch einig, dass wenn die Truppen sofort abziehen, das Land im Chaos versinken würde. Vielleicht ein etappenweiser Abzug? Mal ehrlich, sobald die Deutschen raus aus Afghanistan sind, wen interessiere dann noch das Land und die Afghanen, wie oft in der Geschichte hat man Afghanistan im Stich gelassen und einfach vergessen? Wir gehen in Linden in einen Cafe und unterhalten uns über Politik, Gott und die Welt und je mehr ich darüber nach denke, desto mehr komme ich zu dem Entschluss, dass die Welt ziemlich krank ist und sie keiner heilen kann aber wer weiß, die Hoffnung stirbt zuletzt.
Es ist kurz nach 00 Uhr, ich muss zurück nach Hamburg, schon komisch, dass man für den Frieden kämpfen muss. Es wird Zeit, dass der Frieden heimkehrt, es tut mir leid Frieden, Menschen kennen nicht deinen Wert.












Danke für diese tolle Sache. Ich find das Projekt ehrlich gut!
Aber die Ideen sind noch nicht ausgereift, wie zum Beispiel will man humanitäre Hilfen verstärken aber gleichzeitig Warlords entwaffnen ohne eine intakte Armee oder Polizei zu haben…iwer muss die NGO´s beschützen und so schlimm es ist, ohne die Warlords funktioniert das nicht wirklich. Keine andere Institution, sei es die ANA, die ANP oder ISAF kann die Helfer beschützen…noch nicht…wie man die Taliban bekämpft oder die vielen Völker an einen Tisch bringt weiß auch noch niemand so recht…3Generationen vom Krieg gezeichnet..Traumata überall, kein Schulsystem, keine Wirtschaft…die ISAF hat´s angefangen dann sollen sie jetzt weitermachen, und das nicht halbherzig…bis 2014 soll alles den Afghanen übergeben werden…ein Witz…leider.
Aber dennoch danke das es Menschen gibt die sich dafür interessieren und versuchen das Geflecht zu entwirren,
Hochachtung!