PTBS mal anders: Indianer und ihre Krieger…

08/09/2011
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Heute möchte ich Ihnen etwas Neues vorstellen – ich zumindest habe darüber noch nichts gehört oder gelesen. Wie gehen andere Länder bzw. Kulturen mit den Belastungen der Soldaten in Kriegseinsätzen um. Hierzulande nennen wir diese Belastungen PTBS – Postraumatische Belastungsstörungen. Innerhalb der Bundeswehr und ihrer Führung immer noch ein hochsensibles Thema, immerhin gibt es in Deutschland seit geraumer Zeit diverse Privatinitiativen und erste Verbände, die sich mit dieser Thematik beschäftigen und für Öffentlichkeit sorgen, vorallem für Soldatenschicksale, die aus Afghanistan zurückkehren….um die sich niemand mehr kümmert.

Die Rolle des Kriegers als soziale Komponente? Frank Usbeck ist Historiker am Institut für Amerikanistik der Universität Leipzig und arbeitet derzeit an einer Studie zu kulturellen, sozialen und psychologischen Aspekten des Einsatzes Neuer Medien in Militäroperationen. Kriegertradition, Stammesgemeinschaft und PTBS – Indianer in der US-Armee, dies ist sein Thema. Wie geht diese Kultur in den USA mit ihren Kreigsheimkehrern um, wie behandeln sie posttraumatische Zustände? Lesen sie folgenden Gastbeitrag von Frank Usbeck.

Teilnehmer des Muckleshoot Veterans Powwow in Auburn, Washington / Foto: Jacelle Ramon-Sauberan

 

Kriegertradition, Stammesgemeinschaft und PTBS – Indianer in der US-Armee

Seit Gründung der USA haben in jedem Konflikt auch Vertreter indigener Stämme, teils individuell, teils als Alliierte, auf Seiten der US-Armee gekämpft. Selbst heute sind sie in z.T. überproportionalem Anteil an militärischen Operationen beteiligt. Dieser hohe Anteil drückt sich nicht zuletzt – gemessen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung – in sehr hohen Zahlen für Kampfeinsätze, Verluste, und nicht zuletzt psychische Belastung der Veteranen aus. Typische soziale Probleme ethnischer Minderheiten, wie etwa hohe Arbeitslosigkeit oder mangelnde Schulbildung machen das Militär attraktiv für sie, weil es ein geregeltes Einkommen und Chancen zur Aus- und Weiterbildung verspricht. Es gibt aber auch einzigartige kulturelle Hintergründe, die den auffällig großen Beitrag indigener Soldaten zu den militärischen Operationen der USA (wie übrigens auch Kanadas) erklären. Die alten Traditionen und Konzepte von “Kriegertum,” so bezeugen Studien seit Vietnam, trugen nicht nur zur Wiederbelebung der Stammeskulturen ab Mitte des 20. Jhd. bei, sondern sie beleuchten auch die Chancen indigener Veteranen, die psychischen Folgen von Kampfeinsätzen besser zu verarbeiten als nicht-indianische Veteranen.

Tom Holm, Vietnam-Veteran und einer der Pioniere der Forschung zu indianischer Militärgeschichte, beschreibt die kulturelle Funktion des Kriegers in einer Stammesgemeinschaft als hauptsächliches Unterscheidungsmerkmal zum nicht-indigenen Soldaten: Krieger, so Holm füllen keine soziale Rolle aus, sondern haben eine Beziehung zu ihrer Gemeinschaft. Während Krieger von der Gemeinschaft als Individuen gesehen und behandelt werden und die Mitglieder ihrer Gemeinschaft meist persönlich kennen, werden Soldaten häufig als de-individualisierte Funktionäre eines unpersönlichen Staatsgefüges wahrgenommen, und sie selbst empfinden sich häufig auch als Ausübende eines solchen unpersönlichen Apparates. Während die Loyalität des Kriegers sowohl im Einsatz als auch zu Hause in erster Linie Familie und Stammesgemeinschaft gilt, wird das Zugehörigkeitsgefühl der Soldaten im Einsatz schnell von Loyalität zum Vaterland, zur eigenen Waffengattung, und/oder zur eigenen Einheit bestimmt. Dies ermöglicht Soldaten zwar ein enges Bindungsverhältnis unter den Kameraden oder Buddies, verkompliziert aber das Verhältnis zwischen Soldaten und der Zivilgesellschaft. In indigenen Kriegertraditionen hingegen dienen Zeremonien und Rituale dazu, dem Krieger den Übergang vom zivilen Zusammenleben zum Kriegserlebnis sowie die Wiedereingliederung nach dem Kampf sowohl auf psychischer als auch auf sozialer Ebene zu erleichtern.

Indianische Kriegszeremonien trennen Krieg und Frieden auf rituelle Art und verkörpern oft auch Aspekte des Schöpfungsmythos der jeweiligen Gruppe. Vorbereitende Zeremonien, wie etwa die rituelle Übergabe von Amuletten, zeigen die Sorge und den Einsatz der Gemeinschaft für den körperlichen wie mentalen Schutz des Kriegers. Nach Abschluss des Kampfes finden Ehren- Reinigungs- oder Heilungsrituale statt. Während dieser Rituale dankt die Gemeinschaft dem Veteranen für seinen Einsatz, gibt ihm aber auch zu verstehen, dass die Gewalt, die er im Kampf anwenden musste, nun wieder den Regeln friedlichen Zusammenlebens weichen muss. Weiterhin bekommt der Veteran die Gelegenheit, seine Erlebnisse in Form von Gesang, Erzählung oder Tanz mit der Gemeinschaft zu teilen, die dies mit rituellen Beifallsbekundungen kommentiert. Diese Interaktion zwischen Erzählen des Erlebten und rituellem Zuspruch wird in der Forschung als “social absorption” bezeichnet, die laut Holm ein Wesensmerkmal der besseren Heilungschancen für psychische Erkrankungen unter Veteranen darstellt, die einem starkem Gemeinschaftsgefüge entstammen. Die Gemeinschaft nimmt im Laufe dieser, bei Stammeszeremonien oftmals wiederholten, Veteranenehrungen dem Krieger einen Teil der Last des Erlebten ab, absorbiert quasi teilweise das Trauma. In diesem Zusammenhang spricht Holm auch von “age acceleration” (Reifebeschleunigung), die bei Stämmen mit Kriegertradition aktiv das soziale Gefüge der Gruppe beeinflusst: Durch den sozialen Schock, Gewalt gegen sich selbst ausgesetzt zu sein, aber auch Gewalt gegen andere Menschen anwenden zu müssen, gewinnt der Krieger Erfahrungen und reift zu einer Person heran, der die Gemeinschaft verantwortungsvolle Entscheidungen zutraut. Ein Ältester der Winnebago brachte dies während eines powwow (einer traditionellen Zeremonie mit Veteranenehrung) auf den Punkt: “Wir ehren unsere Veteranen für ihre Tapferkeit und weil sie, auf dem Schlachtfeld den Tod sehend, die wahre Größe des Lebens erkennen lernen”. So ist es nicht verwunderlich, dass, damals wie heute, in vielen Stämmen der Veteranenstatus Voraussetzung zur Bekleidung verschiedener öffentlicher Positionen innerhalb der Gemeinschaft ist, und dass viele, die in indigenen Gemeinschaften großes Ansehen gewonnen haben, nicht als Kämpfer, sondern als Diplomaten oder Friedensstifter mit Kampferfahrung berühmt geworden sind.

Tom Holm hat zum Thema verschiedene Texte publiziert. Sein Buch über Vietnam und indigene Kriegertraditionen heisst Strong Hearts, Wounded Souls. Native American Veterans of the Vietnam War (http://www.amazon.de/Strong-Hearts-Wounded-Souls-American/dp/0292730985/ref=sr_1_1? ie=UTF8&qid=1311584509&sr=8-1).

In den letzten Jahren sind ausserdem verschiedene Filme erschienen: Way of the Warrior ( http://www.wpt.org/wayofthewarrior/), Wounded Spirits, Ailing Hearts (http://www.ptsd.va.gov/public/videos/wounded-spirits-ailing-hearts-vets.asp ). Die indianische Online-Zeitschrift Indian Country Today betreibt eine eigene Rubrik für Veteranen, in der regelmäßig neue Artikel erscheinen: http://indiancountrytodaymedianetwork.com/

 

 

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4 Responses to PTBS mal anders: Indianer und ihre Krieger…

  1. Hypnose Berlin on 19/10/2011 at 23:40

    Interessant. Ich kann es mir sehr gut vorstellen, dass wenn die “Krieger” integriert sind in einer Gemeinschaft, welche auch die Erfahrungen des Krieges anerkennen die Heilung geschehen darf.

  2. Michl on 30/10/2011 at 13:24

    Interessant!!!

    Ich kann mir gut vorstellen, dass sowas gut funktioniert. Weil man hierdurch interesse an dem Erlebten bekundet und versucht diese Erfahrungen durch Anteilnahme, z.B. durch Zuhören oder auf andere Art und Weise, zu teilen.

    Tragisch nur, dass in unserer Gesellschaft dies wohl nicht durchführbar scheint, da sich die meisten einen “Dreck” um das erlebte der Soldaten scheren.

    So muss es nicht verwundern, dass es in verschiedenen Einheiten der Bundeswehr zu diversen Ritualen kommt, um auch das Erlebte zu verarbeiten. Das dann aber die Gesellschaft dies missbilligt, zeigte die jüngste Diskussion – ich glaube im letzten Jahr – um Soldatenrituale in der Bundeswehr. Natürlich übertreiben so manche bei diesen Ritualen. Aber wenn die Gesellschaft und unsere Regierung schon kein Intresse zeigt die Erlebnisse mit “ihren” Soldaten zu teilen, geschweige denn unsere Soldaten als Mörder darstellen, muss es doch nicht verwundern, dass man dann eben intern sich ein Ventil schaft.

    Interessant ist dann auch zu sehen, wie empört die Politiker dann sind, ob solcher Rituale, die wiederum unsere Jungs und Mädels immer wieder in diverse Einsätze schicken.

    Natürlich muss auch die Bundesrepublik ihren Bündnisspflichten nachkommen. Jedoch sollte man dann auch ein gewisses Verständniss zeigen bzw. sich um seine Soldaten kümmern. Ich musste leider feststellen, dass weder das Verständniss vorahnden ist, noch dass sich die Regierung sich um ihre Leute kümmert (außer man ist ein armer Bankmanager der für sein klägliches und vorsätzliches Versagen ja keine Schuld trägt und hierfür Millionen gar Milliarden absahnt).

    Traurig aber wahr wie mit unseren Veteranen umgegangen wird, die sich für Frieden einsätzen und sogar bereit sind ihr Leben dafür zu Opfern, während andere durch ihr verbrecherisches Tun die Säulen unserer Gesellschaft ins wanken bringen und teilweise sogar schon zerstört haben.

    Ich hoffe dass man in Zukunft unseren Veteranen endlich jegliche Hilfe gibt, die sie benötigen und auch verdienen.

    Meine Gedanken sind bei meinen Kameraden, egal ob im Ausland oder in der Heimat. Ich denke an euch.

    Gruß Michl.

  3. Frank Usbeck on 26/11/2011 at 15:25

    Das ist ein sehr spannender Hinweis, Michl! An interne Rituale der Bundeswehr hatte ich in diesem Zusammenhang noch nicht gedacht. Es scheint mir aber sehr einleuchtend – in der Forschung zu Vietnam-Veteranen in den USA wird immer wieder betont, dass man, anders als nach WK I und II, keine Parade veranstaltet hat, also kein öffentliches Ritual, in dem die Soldaten geehrt werden und in dem die Gesellschaft den Krieg den Soldaten gegenüber quasi mit einem “Dankeschön” als beendet erklärt. Ich könnte mir vorstellen, dass der Vorwurf der US-Veteranen, man habe ihnen die Parade vorenthalten, im Zusammenhang mit diesen internen Ritualen gesehen werden kann.

    Andererseits hat das Time Magazine in seiner Ausgabe vom 21. November 2011 eine Titelstory über zumehmende Entfremdung zwischen US-Gesellschaft und Militär gebracht, obwohl man doch nach all den “support the troops” Bezeugungen seit 2001 das Gegenteil annehmen sollte. Die “Garnisonskultur” und die Rekrutierungskampagnen der Freiwilligenarmee werden in dem Artikel als Faktoren für diese Entfremdung gesehen. Die häufigen und rituellen Dankesbezeugungen gegenüber US-Soldaten, die aus Afghanistan und Irak heimkommen, werden hier als ein Zeichen gesehen, dass die Gesellschaft mit der Realität des Krieges nichts zu tun haben will. Ein General wird zitiert: “Wir lieben die Truppe, denn wir wollen nicht die Truppe sein”, d.h. man ist dankbar, dass jemand anders diese “Dreckarbeit” macht. Diese Entwicklung scheint mir für den Vergleich mit gegenwärtigen Reformen in Deutschland sehr brisant zu sein.
    Viele Grüße,
    Frank Usbeck

  4. Frank Schwartz on 24/12/2011 at 16:05

    Hallo Herr Usbeck,

    Ihr Artikel beleuchtet einen wichtigen Punkt in der Behandlung von Veteranen, traumatisiert oder nicht: Es geht um das Verhalten der gemeinschaft zu den veteranen.
    In unserer postheroischen Gesellschaft (von der Bundeskanzlerin bis zum letzten Abgeordneten, quer durch alle Gesellschaftsschichten, außer denen, die als Familie betroffen sind) werden Veteranen nicht gerne zur Kenntnis genommen, das sie die Idylle stören, wir uns selbst auferlegt haben oder aufgelegt bekommen haben.
    Ihr Artikel zeigt, wie es in “heroischen” Gemeinschaften besser laufen kann, da Veteranen als Teil der Gemeinschaft verstanden werden, als Männer, die etwas zu vermitteln haben.
    Der Umgang mit Veteranen ist auch der Schwerpunkt des Buches “Olysses in America” von Jonathan Shay, das ich gerade ausgelesen habe. Es geht darum, wie Veteranen des Vietnamkrieges die Aufnahme in der Familie und Gesellschaft empfinden und wie sie ihr Land nach der Rückkehr selbst erleben. Shay spricht u.a. von dem wichtigen Aspekt der “purification”, des öffentlichen und sozialen Vergebens der Kriegstaten durch öffentliche Anerkennung der Leistungen der Veteranen. Dies fehlt bei uns vollkommen. Daher sind Veteranenverbände eine ganz wichtige Sache für das Wieder-Heim-Kommen. Deshalb bin ich auch Mitglied beim Bund Deutscher Veteranen.
    Die Gemeinschaft der Gleichgesinnten kann helfen, die Isolierung der Heimkehrer zu verringern.
    Der soziologische Aspekt wird meist nicht betrachtet. da haben wir, d.h. die Verantwortlichen in Berlin und die “Gesellschaftsflüsterer” (Medien, Politiker, Verbände etc.) eine wichtige Aufgabe.
    Bitte halten Sie mich über den Verlauf Ihrer Studien informiert.
    Mit herzlichen Grüßen und den besten Wünschen für die Weihnachtszeit und das neue Jahr
    Frank Schwartz

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