Teil 10 einer Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen

22/08/2010
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Wie sagte ein weiser Mann einst? „Jetzt bist du da, wo das Tagebuch schreiben gerade erst anfängt…auch wenn es weh tut.” Tja da wäre ich dann wohl. „Am Scheidepunkt angekommen, auf der einen Seite der Abgrund, der mich innerlich auffrisst. Ich stehe davor und drohe zu fallen – doch von hinten werde ich festgehalten. Das ist die andere Seite, tief und noch finsterer als der Abgrund.

Eine knöcherne Hand versucht, mich dem Abgrund zu entziehen, sie reißt an mir. Meine Haut zerrissen durch die vielen vergeblichen Griffe. Ich weiß nicht, woher sie kommt oder wohin sie mich ziehen will. Ich weiß nur…wenn sie mich einmal hat, dann lässt sie nie mehr los. Hinter dieser Hand sehe ich nichts als schwarze schemenhafte Schatten. Ich habe Angst vor dem was sein könnte und lasse mich fallen.

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Leaf, 25 J. aus Norddeutschland schreibt exklusiv für das Afghanistan-Blog über ihre Gedanken und Gefühle, während ihr Lebenspartner im Einsatz am Hindukusch ist.

Ich rase vorbei an vielen Dingen, an Erinnerungen die mir ein Lächeln entlocken, doch dann… ein Blitz zischt an mir vorbei und alles ist grellweiß. Ich versuche etwas zu sehen, ich kann es nicht. Es ist einfach zu schmerzhaft für meine Augen. Langsam gewöhnen sich meine Augen an das Licht. Ich sehe Menschen, Männer in Uniform… sie rennen schreiend herum, sie weinen. Sie weinen bitterlich, ich will sie trösten doch ich kann sie nicht erreichen. Sie rennen davon, irgendetwas hat ihnen furchtbare Angst gemacht und ich weiß nicht was es war. Ich drehe mich im Kreis, plötzlich schnellt ein Spiegel auf mich zu, er stoppt wenige Meter vor mir. Ich trete auf ihn zu und blicke hinein. Was ich sehe lässt mich erschaudern, das bin nicht ich… mich blickt eine ausgemergelte Frauengestalt an. Sie weint und hat schwarze Augenränder. Ihr Gesicht von Falten gezeichnet, die Schultern hängen tief, sie trägt ein schwarzes Kostüm. Es wirkt als wäre sie stark gewesen, stark und selbstbewusst. Deshalb trug sie dieses Kostüm, doch dann geschah etwas, das sie nicht mehr losließ. Sie wurde mitgerissen in eine Welt ,die sie nie hatte sehen wollen, doch sie konnte sich nicht wehren. Wurde fremdbestimmt, gezwungen stark zu sein. Es wurde verlangt, dass sie immer und überall zur Stelle stand, dass sie hart bleibt und niemals Gefühl zeigt.

Ich schaue weg, der Spiegel folgt meinem Blick.

Ich sehe mich, ich sehe mich wie sie da steht und den Kampf verloren hat. Den Kampf gegen das schlimmste im Innern… Die Angst!  Schweißgebadet liege ich im Bett, mein Atem geht schnell und ich suche nach „Schorsch“ …ich kann ihn nirgendwo finden und werde panisch. „Schorsch“ ist mein Schutzhund. Ihn habe ich vor 3 Jahren von meinem Mann geschenkt bekommen. Er bedeutet mir sehr viel und jetzt, wo ich in dieser Situation feststecke ,brauche ich ihn zum Einschlafen und wenn ich wieder einmal von einem Alptraum geweckt wurde. Alpträume verfolgen mich schon viele Nächte lang. Mal sind sie intensiver mal nicht ganz so schlimm. Keiner war so schlimm wie der obige. Ich versuchte zu verstehen was er bedeutet…man sagt ja Träume haben immer eine Bedeutung.


Mich beschleicht die Angst… sie kommt immer näher und ist zäh wie Harz. Sie lässt sich nicht abschütteln und wird immer hartnäckiger. Sie sitzt mir im Nacken und reißt an meinen Haaren. Seit vier Wochen habe ich kein Fernsehen mehr geschaut, die Nachrichten ausgeblendet. Auf der Welt, scheint nur noch schlimmes zu geschehen. Ölpest, Klimakatastrophe, Überschwemmungen, Waldbrände, Krieg, verlorene Kinder, getötete Kinder, gequälte Kinder, Atomstreitereien mit der Weltmacht mit drei Buchstaben, müssen die Affen sich eigentlich überall unbeliebt machen? Pardon! (Und für die Kreuzworträselsüchtigen unter euch, ich meinte natürlich nicht mich ;) – Weltmacht mit drei Buchstaben= ICH)

Ich wünschte es gäbe eine Nachrichtensendung für all Diejenigen unter uns ,die gerade die rosa Brille benötigen. Ich benötige sie so dringend wie ich jetzt 10 Tafeln Schokolade benötigen könnte. Leider hab ich beides nicht zur Hand. Also sitze ich hier und schreibe, ich schreibe für mich und ich schreibe für Dich. Es gab Lageänderungen, wie lautet der berühmt berüchtigte Spruch des Y-Tours Unternehmens? „Nichts ist so beständig wie die Lageänderung“ oder so ähnlich… tja, wie die Faust ins Gesicht trifft sie einen und ich könnte allein beim Gedanken daran kotzen, ich mag nicht mehr! Mir reichen die vier Wochen total und ich wünschte Er wäre wieder hier. Wir haben SCHON WIEDER Freitag. Schon wieder kein „Freutag“ …erneut ein „Heultag“
Kennt ihr das Gefühl wie es ist wenn man eine Nachricht erhält und im selben Moment krampft sich der ganze Magen so sehr zusammen, dass einem richtig schlimm schlecht wird und man furchtbare Bauchschmerzen bekommt? Ja??? Dann dürft ihr euch gemeinsam mit mir einreihen, denn ich glaube die Schmerzen, welche ich momentan habe, könnt ihr gut nachempfinden.

Das Schild „Heavy Load“ könnte ich mir um den Hals binden und es würde den Gefühlszustand meiner Seele sehr gut beschreiben. Tiefe Seufzer entstehen aus heiterem Himmel und ab und an muss man schluchzen. Die Arbeit lenkt einen ab, aber Arbeit ist zum arbeiten da und nicht um sich abzulenken. Zumindest sehe ich das so. Und wenn man dann noch Kommentare wie   “die Wahrscheinlichkeit bei einem Autounfall ums Leben zu kommen ist 1000mal höher als in Afghanistan zu fallen”,höre, ja dann, ja dann möchte ich ganz schnell, ganz feste und ganz tief meine Faust in des Gesichts dieser Person versenken. Da macht der Ausdruck „eine starke Frau“ doch gleich nochmal was her oder etwa nicht? Ist es mir nicht gestattet ,sauer auf Menschen zu sein, die solch geistigen Dünnschiss von sich geben? Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich so denke oder ist es legitim? Was wenn ein Mensch beim Spaziergang am Strand, während des Landaufenthalts einer Kreuzfahrt, von einer Kokosnuss erschlagen wird. Spricht man dann auch von Prozentualem oder was sagt man dann? Ich finde es schlimm genug, dass es überhaupt einen einzigen Menschen gibt, der sterben musste, weil gewisse Menschen der Meinung sind, Krieg und Terror sei legitim. Blöd für die vielen Arbeitslosen Soldaten, wenn es keine Armee mehr gäbe, aber ich verspreche euch… ich finde schon nen Job für euch. Jaja Leaf fängt an zu spinnen und Leaf´s Mann springt im Dreieck ,wenn er das liest. Schade, dass ich nicht dabei sein kann, das würde ich doch zu gern mal sehen ;-)

Manchmal kommt er eben doch zurück, der Humor, welcher mich so sehr auszeichnet. Manchmal makaber, manchmal tief schwarz, manchmal leicht und beflügelt, manchmal einfach nur glücklich und manchmal ja manchmal sehnsüchtig wartend. Ich, Leaf möchte euch allen, die hier mitlesen, meine große Anerkennung aussprechen. Den Männern für ihre Tapferkeit, den Frauen für ihre Stärke und den Kampf gegen die Angst. Aber noch viel mehr möchte ich mich bedanken für die unausgesprochenen Dinge ,welche vielleicht durch meine Tagebucheinträge wach gerüttelt werden.

Wer macht sich schon sonderlich viele Gedanken über Alpträume, wenn er noch nie einen hatte, wen kümmert der Nachbar wenn er ihn noch nie gesehen hat. Wer weiß schon wie viele Soldaten genau gerade im Einsatz sind und Wer ist in der glücklichen Situation sie alle kennengelernt zu haben. Wer darf sich Freund nennen, wer darf jeden Abend gemeinsam mit seinen Liebsten einschlafen… all diese Dinge lernt man zu schätzen wenn man sie einmal vermisst hat.

Nicht, dass ich Alpträume vermisst hätte, aber jede Nacht die ich gegen sie erfolgreich angekämpft habe weiß Ich ein Tag weniger bis zum erlösenden Ende! Ich grüße meine Nachbarn, gehe auf Straßenfeste, versuche, jeden von ihnen zu achten und vor allem versuche ich, eine nette Nachbarin zu sein. Wer weiß wann ich sie das nächste Mal wieder sehe?

Ich weiß nicht wie viele Soldaten gerade im Einsatz sind, aber ich bin in der glücklichen Situation, einige von ihnen persönlich zu kennen. Ich habe den Beruf des Soldaten in 3,5Jahren sehr zu schätzen gelernt und ich weiß was all diese Menschen für uns täglich leisten. Für dich und für mich! Dass wir die Möglichkeit haben, auch morgen noch unsere Nachbarn zu grüßen…

DANKE!

Ich kann nicht jeden Abend mit meinen Liebsten einschlafen, aber ich kann an sie denken. Egal wo sie gerade sind. Ich sehe dann zu den Sternen, denn auf der ganzen Welt sind es die selben. Ich blicke zum Mond und manchmal bin ich der Meinung, ich könnte ihn lächeln sehen. Auch jetzt gerade habe ich hinauf geblickt und ihm zu gezwinkert, vielleicht schickt er dieses Zwinkern weiter und es landet bei demjenigen,  der es gerade am dringendsten benötigt?

Immerhin hat es auch was gebracht,s das ihr liebe Soldaten in Afghanistan kräftig der Sonne zu gesprochen habt… dieses Wochenende haben wir mehr als 30C°, wenn das nicht ein Zeichen ist…na dann weiß ich auch nicht!

Es drückt Euch,
Leaf


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One Response to “ Teil 10 einer Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen ”

  1. Helga D. on 24/08/2010 at 09:41

    Liebe Leaf,

    ich wünsche Ihnen zukünftig Nächte ohne solche Albträume – ausreichend und einigermaßen erholsamer Schlaf sind in diesen Monaten unglaublich wichtig. Wenn das nicht hinhaut, reißt es einen von den Füßen. Ich habe es oft selbst genug erlebt und erkannt, dass man gegensteuern muss. Versuchen Sie sich ein abendliches Ritual zuzulegen, indem Sie ein wenig Ruhe und Entspannung finden – ich weiß, wie schwer es ist, aber wir müssen! Schauen Sie vor dem Schlafengehen nicht mehr ins Internet, führen Sie keine Telefonate, in denen es um Afghanistan etc. geht – alles wühlt auf und das nehmen Sie mit ins Bett. Suchen Sie sich ein schönes Buch mit einem ganz anderen Thema, ruhig etwas Seichtes, unsere Seelen brauchen dies wie Schokolade als Nahrung in dieser Zeit.
    Und: Bitte belasten Sie Ihren Soldaten nicht damit – er hat doch eh schon so ein schlechtes Gewissen, weil er Ihnen das antun muss. Darüber reden die Soldaten nicht, aber das ist so. Man muss auch nicht gleich übertreiben, indem alles “easy Schatz” ist, sondern, dass man den Umständen entsprechend ganz gut klar kommt und sich riesig auf das Wiedersehen freut.

    Die Soldaten erzählen uns nicht alles, um uns nicht zu beunruhigen, wir sollten es auch nicht tun! Die Soldaten haben den Kopf mit sich, ihren Kameraden, ihrem Auftrag und ihrem Überleben voll – sie sollten sich keine Sorgen und Gedanken um uns zu Hause machen müssen.

    Viel Kraft und gutes Gelingen und Ihrem Soldaten eine Riesenportion Soldatenglück
    Ihre
    Helga D.

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