„Ich schaue mal wieder bei euch rein…“

17/12/2011
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Liebe Blog-Gemeinde, das Jahr neigt sich dem Ende zu, Weihnachten und ein Neues Jahr stehen vor der Tür – Grund genug, sich einmal wieder retrospektiv zu Wort zu melden. Viele von euch werden bemerkt haben, dass sich in den letzten Monaten hier im Blog wenig getan hat. Das hat und hatte seine Gründe. Ich wurde müde, ewig immer wieder die gleichen Geschichten zu erzählen. Warum sind wir in Afghanistan, was bringt das überhaupt? Die Medienberichterstattung hat sich seit der Guttenberg´schen „Kriegs-Kampagne“ zwar geändert, aber besser und umfassender ist sie kaum geworden. Plötzlich sehen wir Tonnen an Reportagen im Fernsehen: vom ersten Truppenarztbesuch über die Kontingentausbildung, Gefechtsszenen im Einsatz, Trauerfeiern und Einsatzheimkehrern bei der Gepäckabholung, die mit ihren Einsatzerfahrungen alleine gelassen werden von der Gesellschaft.  Alles viel zu spät. Diese mediale Transparenz hätte es viel früher geben sollen/müssen.

Auch im nächsten Jahr schaue ich wieder bei Ihnen rein. Allen Leserinnen und Lesern einen ruhigen Jahresausklang...

Seit der Afghanistan-Konferenz von London im Januar 2010 steht der Rückzug der internationalen Gemeinschaft aus Afghanistan fest und wurde nebulös auf der Bonner Konferenz diesen Jahres manifestiert und „man“ feiert sich selber, kommuniziert angebliche Erfolge…und wofür? Um das eigene Gesicht nicht zu verlieren? „Militärisch sei dieser Einsatz nicht zu gewinnen“, sagte unsere Bundeskanzlerin am 5. Dezember im World Conference Center in der ehemaligen Bundeshauptstadt.. Wofür sind über 50 deutsche Soldaten in Afghanistan gefallen? Was haben wir über die Afghanen erfahren, denen wir helfen wollten? Ist es richtig, sie jetzt nach und nach im Stich zu lassen?

Deshalb habe ich versucht, den Blick auf die afghanische Perspektive hier im Blog zu richten. Vor vier Jahren hatte ich damit begonnen, die bescheidene Medienberichterstattung über den AFG-Einsatz hier zu diskutieren, probierte, die Menschen für die Gesamtproblematik zu „interessieren“. Mittlerweile gibt es Tonnen an Web-Gemeinschaften – vor allem bei Facebook – die das gleiche Ziel verfolgen: Aufmerksamkeit schaffen…und das ist auch gut so. Viele meiner Leser engagieren sich mittlerweile selber für Afghanistan oder für Bundeswehrsoldaten im Einsatz. Das macht mich stolz. Und in einer der größten afghanischen Facebook Communities wurde ich als Admin geworben, als einziger „Ausländer“. Danke für dieses Vertrauen an die Macher von „Die Zukunft Afghanistans„.

Einige juristische Schlachten hatte ich dieses Jahr zu schlagen. Mein werter Ex-Verlag hat Pleite gemacht, eine Insolvenz wurde mangels Masse abgelehnt. Für die verkauften Bücher von „Kabul, ich komme wieder“ habe ich bisher keinen Cent gesehen. Der Ansatz, durch diese Einnahmen, Projekt zu unterstützen, ist gescheitert. Vielleicht war ich aber auch zu naiv zu glauben, dass es Menschen gibt, die sich eher ernsthaft und seriös mit einer gesellschaftspolitischen Gesamtproblematik beschäftigen wollten als in ihre eigenen Taschen zu wirtschaften. Mittlerweile habe ich die Rechte an meinem Buch zurückerstritten und jetzt heißt es, wieder nach vorne zu schauen. Es gibt noch sehr viele weitere Geschichten zu erzählen. 2012 werde ich schauen, dass sie ihren richtigen Platz finden werden.

Was hat das Jahr 2011 aus Blogperspektive  erfolgreich gemacht? Zu aller erst war da ein interkulturelles Grillfest bei mir im Garten, das probiert hat, Kulturen füreinander zu interessieren. Dass einige Deutsche zusammen mit Afghanen am Rhein „Attan“ getanzt haben, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht geglaubt. Ein voller Erfolg. Und in afghanischen Facebookgruppen wird schon über eine „Zugabe“ diskutiert. Strike! Der Brief, den mir der afghanische Schmuckhändler Abdullah 2007 in Kabul geschrieben hat, wurde in Hellmut Karaseks Buch „Briefe bewegen die Welt“ veröffentlicht – und zwar zwischen Adenauer und Bismarck. Mittlerweile dient er auch als Unterrichtsmaterial für deutsche Schüler durch die Stiftung Lesen. Vielen Dank dafür.

Der European Tolerance Award des Kulturforums Europa für Blog und Buch war und ist eine Art Ritterschlag für unsere gemeinsame geleistete Arbeit hier im Blog. Dafür möchte ich vor allem Ihnen danken. Denn ohne Sie und euch, hätte dieses Blog niemals eine solche Aufmerksamkeit erlangt.

Diverse Nischenmedien schenkten dem Blog Aufmerksamkeit, in denen ich unser Anliegen transportieren durfte. Besonderer Dank geht da an Radio Darmstadt und an einundzwanzig.tv in Köln. Viele andere Medienvertreter suchten immer wieder die Nähe zum Blog und ich konnte ihnen geeignete Gesprächspartner für ihre Sendungen und Zeitungen vermitteln. Aber auch eine ständige Blog-Kolumne im IMS-Magazin oder auch Interviews anlässlich der jüngsten Afghanistan-Konferenz zeigten, dass Interesse besteht.

Desweiteren ist die Facebook-Gruppe zum Blog weiter am wachsen. Viele Geschichten poste ich dort, weil es „bequemer“ ist und schneller geht. Ohnehin entstehen dort umfassendere Diskussionen als hier auf dieser Seite. So gesehen eine Verschmelzung zwischen Blog und Socialmedia. Anfangs stand ich dieser Entwicklung skeptisch gegenüber, mittlerweile weiß ich sie zu schätzen. Eine funktionierende Synergie. Und: ich konnte einige afghanische Gastautoren gewinnen, die hier und da eine neue andere Perspektive aufzeigten.

Für 2012 stehen einige Ideen zur Umsetzung an, die, insha allah, neuen Wind ins Blog bringen sollen. Vielleicht entsteht nächstes Jahr eine Kooperation mit einem afghanischen TV Sender und ich überlege, an den Hindukusch zurückzukehren. Drücken Sie mir dafür bitte die Daumen. Es erstaunt mich immer wieder, dass unser Blog für viele Betrachter zu einem kleinen „Leitmedium“ geworden sind. Viele Soldaten melden sich bei mir, um ihr Herz auszuschütten…senden ihre „Probleme“ ans Blog. Ob anonym oder mit Klarnamen, einige von ihnen habe ich persönlich kennenlernen dürfen, über die in den Medien viel spekuliert werden. Und diese Off-the-records-Gespräche bleiben auch das als was sie geführt wurden: Hintergrundsgespräche. Vertrauen ist nach wie vor das A & O. Und die zahlreichen Begegnungen mit afghanischen Freunden, die zu Stammlesern geworden sind, freuen mich sehr. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen ruhigen und besinnlichen Jahresausklang. Ich denke, dass ich mich noch ein paar mal melden werde, bevor wir alle auf das Neue Jahr anstoßen. Dieses Jahr muss ich das Feuerwerk vom Brandenburger Tor übertragen, sieben Minuten Live-Feuerwerk aus der Senderegie…vielleicht schauen Sie mal rein 😉 Khoda hafez…

Herzlichst, Ihr Boris Barschow

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