AFG: Anonymer Bericht eines Reservisten

24/11/2010
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Das IMS-Magazin hat einen anonymen Autoren, der sich gerade als Reservist im Afghnaistaneinsatz befindet. Oleg Schwartz – Name von der Redaktion geändert – berichtet über seine Erfahrungen als Staatsbürger in Uniform. Zirka 10% aller Soldaten im AFG-Einsatz sind Reservisten – ohne die dieser Einsatz für die Bundeswehr nicht umsetzbar wäre.  Erstaunlich, was sie alles über sich ergehen lassen müssen: Einsatzbürkratie, Nicht-Wahrnehmung, Verwaltungschaos und vieles mehr. Ähnliches mußte ich auch mehrmals durchleben. Und dafür riskieren viele ihr Leben. Und was ist der Dank dafür? allgemeines Desinteresse. Machen Sie sich selbst ein Bild:

von Oleg Schwartz

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über die große Frage des große „Warum“ sinnieren. Allerdings ist seit dem letzten Blogeintrag ein ganze Weile vergangen und ich bin bereits im Einsatzland angekommen.  Die Einarbeitungsphase ist mittlerweile abgeschlossen und nun ist endlich wieder mehr Zeit zum schreiben. Und da mittlerweile eine Menge passiert ist, muss ich erst einmal ein anderes, grundlegenderes Thema abarbeiten.

Wie im letzten Eintrag schon geschildert, wird man als Reservist im System Bundeswehr gar nicht wahrgenommen. Einerseits gut, andererseits aber sowohl eine Belastung für den Reservisten, als auch für die aktive Truppe. Reservisten bedürfen nun einmal in der Ein- als auch in der Ausschleusungsphase mehr Koordination und Vereinbarungen. Diese Informationen kommen aber nicht auf allen Ebenen und bei allen beteiligten Stellen in dieser Form an bzw. stoßen dort auf angemessene Berücksichtigung. In der Konsequenz wird dem Reservisten, in diesem Falle mir, immer unterschwellig vermittelt, dass ich für das ein oder andere Problem selbst verantwortlich sei. Einerseits sind die Regularien durch die Bundeswehr vorgeschrieben, zum anderen werde ich jetzt dafür kritisiert.

„…dort werden die Daten nur minderqualifiziert ausgewertet und verarbeitet.“

Irrtum liebe Truppe! Ihr sammelt alle nur erdenklichen Informationen von mir. Keine Ahnung, wie viele unzählige Dokumente ich schon zu allen nur erdenklichen Fragen ausgefüllt habe. Das Problem liegt Truppe selbst, denn dort werden die Daten nur minderqualifiziert ausgewertet und verarbeitet.
Aber was meine ich damit. Es ging bereits mit dem Einberufungsbescheid los. Ich sollte mich abends bis 18 Uhr in der Kaserne in Köln melden – obwohl der Abflug für den folgenden Tag 12:30 Uhr terminiert war. Nach Rücksprache mit dem Einsatzleitverband solle die Zeit noch genutzt werden, um im Status Soldat letzte Vorbereitungen vornehmen zu können. Diese Aussage klang so kompetent, dass ich mich ohne weitere Gedanken zur Kaserne begab. Und da ging das Problem los: Bereits am Kasernentor konnte keiner was mit mir anfangen. Meldekopf? Sowas gibt es hier nicht. Unterkunft? War nicht angefordert. Ärztliche Eingangsuntersuchung? Wenn dann überhaupt erst am nächsten Morgen, jedoch nicht ohne 90/5, den ich allerdings vom nicht vorhandenen Einsatzleitverband oder wahlweise vom Spieß bzw. der G1 Personalabteilung erhalte. Soviel zum Thema letzte Vorbereitungen!

„im Einsatzland werden grundsätzlich keine Einstellungsuntersuchungen vorgenommen! Ja und jetzt?“

In Afghanistan angekommen, wurde ich von der G1 Abteilung sehnsüchtig erwartet und mit der Frage begrüßt, was ich hier überhaupt mache, denn ich wäre derzeit gar nicht für einen Einsatz vorgesehen. Aha! Dazu muss ich anfügen, dass mir ca. fünf Wochen vor dem geplanten Beginn des Einsatzes telefonisch mitgeteilt wurde, dass ich kurzfristig von der Einsatzlist gestrichen wurde. Zwei Wochen später wurde diese Entscheidung rückgängig gemacht bzw. das Datum des Abfluges sogar noch vorverlegt. Wie auch immer, jetzt bin ich hier, wie es der Einberufungsbescheid der Bundeswehr mir vorgeschrieben hat. Ich ziehe mir ja nicht aus Langerweile eine Uniform an und fliege nach Afghanistan. Also was soll bitte schön dieser subtile Unterton!? Fazit des Gesprächs, ich solle jetzt in eine andere Abteilung. Der Einwand, dass ich darauf fachlich nicht vorbereitet bin, fiel nur geringfügig ins Gewicht. Einige Tage später konnte ich dann doch im Einsatz sowie in der ursprünglichen Abteilung bleiben. Aufgrund der Übernahme bzw. Einarbeitung war ich die ersten Tage gut ausgelastet. Irgendwann kam mir aber der Gedanke, dass zu Beginn einer Wehrübung doch prinzipiell eine ärztliche Untersuchung erforderlich ist. Ach ja, man wollte sich da noch bei mir melden, wurde mir bei der G1 Abteilung auf Nachfrage mitgeteilt und gleichzeitig die Frage gestellt, warum ich denn keine Untersuchung vor Abflug in Deutschland gemacht hätte? Danke, dass ich mir jetzt diesen Schuh anziehen darf. Dafür ist eigentlich der Einsatzleitverband zuständig! Wie auch immer. 90/5 er geschnappt und ab zum Truppenarzt. Der hat nicht schlecht geschaut und dann aber abgewiegelt, im Einsatzland werden grundsätzlich keine Einstellungsuntersuchungen vorgenommen! Ja und jetzt? Dass man irgendwann mal schlechte Laune auf den Dienstherren bekommt, bleibt da nicht aus. Und dann wundern sich die aktiven Soldaten, was denn nun schon wieder mit einem los sei. Immer diese Reservisten. Jungs, das Problem liegt nicht bei mir, sondern bei Euch. Nur ihr versteht das nicht, weil ihr Euch damit nie auseinandersetzt.
Ergo muss man den Aktiven das Reservethema mit dem gesamten Spektrum, welches damit verbunden ist, erst einmal vermitteln. Verständlich versteht sich und man muss sie davon auch noch überzeugen. Das ist echt eine Herausforderung da man mit der Wehrpflicht anfangen muss und das Bedarf Zeit, einer guten Vorbereitung der Argumente sowie das richtige Vorgehen. Zu aller Anfang steht der Zugang zum Zuhörer überhaupt. In diesem Falle dem langjährigen Angehörigen der Bundeswehr.

„Trägt man eine Uniform, dann ist man Soldat. Isso!“

Man muss sich das so vorstellen. Für aktive Soldaten gibt es nur schwarz oder weiß – entweder man ist eben Soldat oder nicht. Trägt man eine Uniform, dann ist man Soldat. Isso! So einfach geht das – ansprechen, beurteilen, folgern. Nur schauen die Jungs oftmals nicht hinter die Kulissen und das muss man ihnen dann anhand der Auswirkungen des eigenen Handelns verdeutlichen. Und da das Prinzip Befehl und Gehorsam vorherrscht, braucht es dann wieder einen, der ihnen das befiehlt. Den gibt es allerdings was das Thema Reserve anbelangt nur sehr selten. Also muss man das selbst machen – ran an den Feind. Im direkten Verkaufsgespräch, wie ich so gern dazu sage. Aber wie, denn mein Gegenüber will erstens gar nichts vom Thema wissen und zweitens finden die meisten Gespräche nur zwischen Tür und Angel statt. Aber irgendwann ist das aufgrund der vielen kleinen und subtilen Anspielungen das Interesse geweckt. Und dann kann ich als Vermittler zwischen Bundeswehr und Gesellschaft den Advokaten in eigener Sache spielen.

Wie gesagt, der Reservedienst ist an die Wehrpflicht gekoppelt. Und seit einigen Jahren besteht im Bereich der Reserve ein Freiwilligkeitsprinzip. Soll heißen, dass ich nun selbst entscheiden kann, wann mich die Bundeswehr einberuft.
Grundsätzlich muss ich nach dem Ableisten des allgemeinen Grundwehrdienstes nicht mehr zu Bundeswehr. Aber als Bürger in Uniform fühle ich mich weiterhin für mein Land verantwortlich. Dazu aber in einem der nächsten Blogeinträge mehr.

Ein „Run“ durch die Dienststellen

Wie nun weiter? Ach ja, vielleicht zähle ich mal alle Dienststellen auf, mit denen ich so während eine Wehrübung zu tun habe, bevor ich auf den gesamten Ablauf en detail eingehe. Zu aller Anfang steht die Absprache mit dem Mob- bzw. Übungstruppenteil. Der wiederrum veranlasst, dass ich einen Einberufungsbescheid erhalte. Mit diesem informiere ich Krankenkasse, Arbeitgeber und Unterhaltssicherungsbehörde. Von letzterer erhalte ich den Differenzbetrag zwischen zivilem Gehalt und Wehrsold, den ich wiederrum von der Bundeswehr erhalte. Dann wäre es nicht empfehlenswert, sich bereits um einen Termin zur Einkleidung als auch zur ärztlichen Einstellungsuntersuchung zu beschaffen. Und die dienstlichen Unterlagen wie Truppenausweis, Erkennungsmarke, dienstliches Impfbuch sowie dienstlicher Führerschein sollten aus langjähriger Erfahrung heraus ebenfalls eigenständig angefordert werden. Das bedeutet letztendlich, dass man den gesamten Vorgang selbst im Blick haben muss, obwohl es dafür eigentlich einen Verantwortlichen bei der Bundeswehr geben sollte. Das ein oder andere Mal klappt es, aber viel zu häufig läuft irgendetwas schief. Also muss man während man noch Zivilist ist, sich um dienstliche Angelegenheiten kümmern. Entweder während der Arbeit, der man ja nachgeht, wenn man nicht bei der Bundeswehr ist, oder die Freizeit muss herhalten.

„Zumindest der zivile Arbeitgeber kürzt den Urlaubsanspruch“

Die Regularien sind natürlich auch immer so ein Thema für sich. Zum Beispiel darf der Arbeitgeber ab vier Wochen Wehrübungszeitraum den zivilen Urlaubsanspruch kürzen. Umgekehrt hat die Bundeswehr u.a. die Regelung, dass bei einem Lehrgang kein Urlaubsanspruch gewährt wird. Bedeutet in der Summe betrachtet, dass am Jahresende weniger Urlaub zur Verfügung steht. Was ebenfalls nicht berücksichtigt wird, wenn mehrere Wehrübungen aneinander anknüpfen und somit Urlaubsanspruch entstünde. Zumindest der zivile Arbeitgeber kürzt den Urlaubsanspruch. Die Bundeswehr hingegen argumentiert, dass kein zusammenhängender Dienst geleistet wurde und demzufolge kein Anspruch besteht.

Und das alles muss man sich als Reservist zumuten, will man seiner gesellschaftlichen Verpflichtung nachkommen.
Das ließe sich doch alles zusammenfassen und vereinfachen, höre ich dann von den aktiven Soldaten, denen ich just das eigene System erkläre, mit welchen Herausforderungen ich mich während jeder Einberufung rumschlage. Und stressig klinge das ja auch, bei all den Ansprechpartnern und Prozederen, die zu beteiligen bzw. zu berücksichtigen sind. Eine interne Studie hat vor zwei Jahren herausgefunden, dass die Arbeitgeber der Reservisten auf zahlreiche Ansprechpartner auf Seiten der Bundeswehr treffen, was zu Friktionen führt. Gleiches gilt wohl teilweise auch für den Reservisten. Den Trubel habe ich immer wieder aufs Neue, egal ob eine Wehrübung drei Tage dauert oder ein Jahr. Ach nein, irgendwer hat festgelegt, dass eine Wehrübung nicht länger als sieben Monate dauern dürfe. Mit welcher Begründung eigentlich?

„Ob die Truppe diesen Vorsatz halten kann, mich an diesem Tag bis 24 Uhr heil nach Deutschland zu bringen?“

Wie auch immer, das Problem zwischen den vielen beteiligten Dienststellen ist der Informationsverlust. So halte ich derzeit einen Einberufungsbescheid in der Hand, dessen Datum exakt mit dem Datum des Rückfluges zusammenfällt. Ob die Truppe diesen Vorsatz halten kann, mich an diesem Tag bis 24 Uhr heil nach Deutschland zu bringen? Und was passiert eigentlich, wenn dies nicht eingehalten werden kann? Bin ich dann im Status Zivilist im Einsatz? Darf ich dann meine Uniform ausziehen und einfach zum Tor rauslaufen und mir Afghanistan ganz in Ruhe anschauen? Und was ist eigentlich mit dem Erholungsurlaub, der ärztlichen Entlassungsuntersuchung und dem psychologischem Nachbetreuungsseminar, dass ich zum Ende des Einsatzes absolvieren soll? Macht sich hier überhaupt jemand mal ausführlich Gedanken dazu? Und wann wird das Reservesystem generalüberholt und dabei vereinfacht?
Ich hoffe sehr, dass die laufende Strukturreform das Thema Reserve umfassend beleuchtet, denn noch stehen genügend motivierte Reservisten bereit.

*Name des Verfassers von der Redaktion geändert (Fundstelle ims-magazin.de)

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19 Responses to AFG: Anonymer Bericht eines Reservisten

  1. Sascha Stoltenow on 24/11/2010 at 13:53

    Irgendwie fast gut, zu wissen, dass sich in den vergangenen 20 Jahren nichts Grundsätzliches geändert hat 😉 Das ist natürlich für diejenigen, die davon betroffen sind, weniger erfreulich, aber – isso. Allerdings stelle ich mir folgende Fragen:
    1. Braucht „man“ die Reservisten wirklich im Einsatz, oder ist es eher der Wille des Reservisten, der auf den Einsatz drängt, und den der Dienstherr nicht abweisen will? Hierzu läse ich gern mal ein paar Zahlen.

    2. Sind die Verwaltungshürden nur für den Reservisten erlebbar, oder liegt es an der Verwendung? Ich war als Aktiver dreimal in Exotenrollen auf dem Balkan unterwegs, und habe ähnliches wie Kamerad Oleg erlebt. Vielleicht liegt es also auch daran, das Reservisten häufiger in Exotenverwendung im Einsatz sind.

    • Thomas on 27/11/2010 at 11:16

      Reservisten im Einsatz braucht man unbedingt, vor allem wenn der Einsatzleitverband aufs Ende seines Einsatzes zu geht, ihr eingenes Personal ist da meißt schon bei den vorhergehenden Einsätzen aufgebraucht worden sodaß die Lücken mit Reservisten geschlossen werden müßen.

      Allgemien wird der Stellenwert in der Armee für Reservisten ab nächstes Jahr mit Sicherheit wichtiger als je zuvor. Viele Einheiten werden aufgrund der Aussetzung der Wehrpflicht, danke nochmal an unseren supertollen Wehrzersetzungsminsiter, nicht mehr in der Lage sein ihre Kompanien Einsatzbereit zu halten. Es gibt Fälle da fehlen fast 60% des Personals.

      Zum Thema Verwaltungshürden, naja solange sich unsere Politiker nicht trauen sich hinter unsere Soldaten zu stellen wird sich auch an den Bittstellergängen der Reservisten und Formularhaufen nix ändern.

      Es ist traurig was in Deutschland mit den aktiven und den Reservisten gemacht wird. SCHÄMT EUCH DEUTSCHLAND

      “Gott und den Soldaten ehret man, In Zeiten der Not und zwar nur dann, Ist aber die Not vorüber und die Zeiten gewandelt, Wird Gott bald vergessen und der Soldat schlecht behandelt.

  2. Klaus on 25/11/2010 at 09:40

    Bewundernswert, dass sich so viele Reservisten das alles überhaupt noch antun.
    Vielen Aktivisten geht es aber nicht anders – um Hin- und Rückflug muss man sich als Einzelkämpfer selber kümmern, selbst was man wo eigentlich machen soll, erfährt man nur über Umwege oder im Einsatz selbst. Wie komme ich vom Flughafen dorthin, wo ich hin muss – selbst ist der Mann.
    Die Küche in Köln-Wahn erwartet wenige Stunden vor Weihnachten einige Dutzend Soldaten, die einen Tag später in den Einsatz fliegen, nicht mehr – gut, dass es in der näheren und weiteren Umgebung Döner- und Imbiss-Buden gibt. Es ist „äußerst wichtig“, dass bei einem mehrmaligen Hin und Her bezügl. des Abflugs (im November heißt es, nicht mehr in diesem Jahr) dann plötzlich innerhalb weniger Stunden alles Hals über Kopf gehen muss – Soldaten und Familien müssen die Bescherung erst einmal verkraften und viele Tränen der Kinder trocknen.
    Die Wichtigkeit lag lediglich in einem leeren Flugzeug, denn wer fliegt schon wenige Stunden vor Heilig Abend in den Einsatz, nur die, die sich nicht mehr wehren können.
    Am Flughafen in AFG angekommen, steht keine Abholung bereit, im Feldlager ist alles überrascht, weil niemand mit dem Kommen gerechnet hat, kein Problem bei dem Überangebot von Schlafplätzen 😉
    Es herrscht halt von Köln bis Kunduz immer noch das gut bekannte „normale Chaos“ innerhalb der Bundeswehr und auch sonstigen Amtsstuben in Deutschland – Isso!

    Nochmals meinen Respekt für alle, die nicht müssten und sich das dennoch antun! Der „Dank des Vaterlandes“ ist Ihnen, wie allen Soldaten gewiss…

  3. EPH on 25/11/2010 at 15:25

    Ich hatte einmal ein Papier angeregt, welches die grundlegenden Fragen für die Einsatzvor- und Nachbereitung aus der Sicht der Aktiven, als auch des Reservisten beantwortet. Die Reaktion war Unverständnis, da ja jeder Einsatz vollkommen anders sei.

    Mir der Bereitstellung im Internet, und der Bekanntgabe, das es das gibt, sollte man zumindest einen Teil der Probleme lösen können.

  4. Meier Zwo on 25/11/2010 at 18:51

    Selbst schuld, wer sich so etwas antut. Ich habe das einmal gemacht und daraus gelernt. So wenig Professionalität wie bei der Bundeswehr habe ich Personalbereich nirgendwo anders erlebt.

  5. Gudrun S. on 26/11/2010 at 11:09

    Ich ziehe meinen Hut vor den Reservisten auch wenn mir da Hintergrundwissen fehlt. Und ganz ehrlich – ich wehre mich gegen die Botschaft, dass die Bundeswehr ein unorganisierter Haufen ist, nicht nur im Umgang und Einsatz von Reservisten.
    Und grundsätzlich hilft die Aussage *Selbst Schuld* niemandem und nichts.
    Ich hab es zu oft gehört in den letzten Monaten im Zusammenhang mit meinem Soldaten im Einsatz. Es macht mich nur nicht mehr traurig.

    Hält so eine Aussage wirklich andere Reservisten vom Ruf in den Einsatz zurück?

  6. Memphis on 27/11/2010 at 10:48

    Das sich Abflugtage Hals über Kopf ändern, gilt auch für aktive Soldaten. Das hängt unter anderem z.B. mit der Flugplanung aus dem Einsatzland heraus zusammen. Und da das „Out“ das „In“ bestimmt, ist das manchmal nervtötend. Daraus jetzt ein spezielles Problem der Reservisten zu machen, ist übertrieben.

    Und jetzt stelle ich mir die Frage, warum „Einsatz“ bei anderen Reservisten, mit denen ich unterwegs war, alles geklappt hat – inkl. Einberufung zur vorbereitenden Ausbildung und Nachbereitungsseminaren? Ohne das die sich sonderlich beklagt hätten?

    Und warum muss ein Reservist im Einsatz seine Rolle erklären?? Wen interessiert das da? Sie tragen Uniform und gelten als Aktiver – mehr Anerkennung geht nicht, oder? Es soll aber auch Leute geben, die ihren Reservestatus bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorschieben, das durfte ich im letzten Einsatz leider auch erleben:“ Nein, das kann ich nicht ausführen, ich bin Reservist. / Nein, dazu wurde ich nicht ausgebildet. / Nein, dazu wurde ich nicht einberufen.“ Und es waren noch nicht einmal schwierige, oder gefahrvolle Aufträge – und das von einem, der sich freiwillig für OMLT meldet, ohne zu wissen, was das eigentlich heißt.

    Bei solchen Kameraden sollte man sich dann nicht wundern, das der Reservist bei „gebrannten Kindern“ zuerst einmal skeptisch beäugt wird.

  7. Helga D. on 27/11/2010 at 11:18

    @ Gudrun S.

    Ja, dieses „selber Schuld“ ist wirklich unerträglich – wobei man unterscheiden sollte, zwischen den aktiven und „Reservisten“-Soldaten. Gerade weil Letztere wirklich nicht „müssen“, ist deren Engagement nicht hoch genug ein- und wertzuschätzen. Und diejenigen, die von ihrem Tun überzeugt sind, werden sich auch nicht abhalten lassen. Allen gebührt jedenfalls großer Dank und Anerkennung.

    Leider gibt es in der Gesellschaft immer noch zu wenig oder falsches Wissen und damit auch Verständnis, warum und unter welchen Bedingungen sich deutsche SoldatInnen in einem Krieg befinden und was sie alle höchstpersönlich und wir als ihre Familien dafür in Kauf nehmen sowie leisten.
    Wer hat hier versagt, dass ist die „Gretchenfrage“, die schon seit drei Bundesregierungen und zehn Jahren Einsatz in AFG und noch länger im Kosovo/Bosnien durch die Lande geistert. Waren es die Politiker, waren es die Medien, war es gar die Bw selbst – ich denke, alle Genannten haben sich wirklich nicht mit Ruhm bekleckert.

    „Unorganisierter Haufen“ – nun so will ich es mal nicht unbedingt beschreiben, immerhin durfte ich 20 Jahre lang für diesen „Haufen“ bis in die höchste Spitze hinein tätig sein. Ich muss gerade persönlich feststellen, dass sich manche Behörde, manches Amt und manche Institution im Öffentlichen Dienst eine Riesenportion von der Bw abschneiden kann. Habe ich stets gedacht, schlimmer gehts nimmer – ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich schätze heute wieder die Strukturen innerhalb der Bw.
    Und doch gibt es immer wieder Unzulänglichkeiten und Verbesserungswürdiges – vor allem da, wo es um die Sicherheit und dem Schutz des Lebens unserer Soldaten geht.
    Und hier wiederholen und ähneln sich seit Jahren die Berichte von Heimkehrern: Über manches Skurriles mag man schmunzeln, über manches wird man richtig wütend. Manche Führungsschwäche oder vermeintlich fehlender gesunde Menschenverstand und die auch in einem Einsatz und unter Bedrohung vorhandende persönliche Eitelkeit, die oft genug scheinbar mit Blick auf die nächste Beförderung gerichtet ist, macht oft genug fassungslos. Vielleicht hat sich auch schlicht und ergreifend manch einer überschätzt, evtl. drückt die Last der Verantwortung auch manch einen zu Boden. „Vorsätzlichkeiten“ mag ich nun wirklich keinem unterstellen wollen, aber ein „situationsbedingtes gesundess, verantwortliches und vor allem menschliches Denken und Handeln“ sollte m. E. über Paragraphen und Verfügungen siegen – es gibt stets im Leben ein „Dazwischen“ oder ein sog. „Handlungsspielraum“ und „etwas auf die eigene Kappe“ nehmen.

    Sicherlich wird auch Ihr Soldat davon nach seiner Rückkehr einiges zu berichten haben, ich wünsche Ihnen jedenfalls, dass er berichtet.
    Und gerade wegen des Wissens so mancher „Absurditäten“, denen die Soldaten im Einsatz Tag für Tag ausgesetzt sind, zolle ich all jenen meinen allerhöchsten Respekt! Denn immerhin geht es hier in den meisten Fällen nicht um „Bequemlichkeiten“ oder einem „Wunschkonzert“, sondern oftmals um (Über-)Lebenswichtiges, und oft genug sind es „Kleinigkeiten“, die für den externen Betrachter unwichtig erscheinen und dennoch große Wirkung haben. Dieses Wissen, diese unbequemen Wahrheiten möchte man so gerne mal den Politikern um die Ohren hauen. Es macht mich auch schon lange nicht mehr traurig, sondern wütend.

    Vielleicht können Sie die dunklen Wintertage nutzen und „kämpfen“ sich durch die mittlerweile Vielzahl von Büchern, die von Soldaten aus ihrem jeweiligen persönlichen Blickfeld geschrieben sind. Außer selbstverständlich „Kabul, ich komme wieder“ des Blogbetreiber „himself“ 😉 – es war im Übrigen mein Allerstes mit diesem Thema und ich hatte das Gefühl, endlich ist hier mal jemand, der mir aus der Welt der Soldaten erzählt – empfehle ich Ihnen das Buch von Heike Groos „Ein schöner Tag zum Sterben“ – lassen Sie sich bitte nicht durch den Titel verwirren oder auch „Ruhet in Frieden, Soldaten“ – zwei „BILD“-Redakteure berichten. Demnächst wird es auch ein Buch vom rowohlt-Verlag geben, in dem die Feldpostbriefe von Soldaten (in der letztjährigen Weihnachtsausgabe der Süddeutschen erschienen) veröffentlicht sind. Wenn Sie dann noch Zeit und Raum haben, tauchen Sie ein in die für uns sonderbare Welt in Afghanistan – es lohnt sich. Vor allem wird es Ihnen helfen, Ihren Soldaten besser zu verstehen.
    Wir können und dürfen nicht erwarten, dass sie uns „Nachhilfestunden“ geben, sondern wir müssen unseren „Lernstoff“ selbst bewältigen – das unterscheidet uns vom Rest der Gesellschaft: Wir können uns nicht wegducken und desinteressieren, wir müssen hinschauen, hinhören, sie vor Angriffen von innen verteidigen und vor allem unseren Soldaten den Arm reichen, damit sie nach ihrer hoffentlich gesunden Rückkehr gestützt zurück in den Alltag finden.
    Eine große und schwere Aufgabe, die einen stärker machen, der aber auch manchen in die Knie zwingt. Gescheiterte Beziehungen sprechen hier leider Bände, keinen trifft hier eine Schuld, wenn er/sie die „Last“ nicht mehr tragen kann. Aber was machen wir, die Mütter und Väter? Wir können uns nicht „scheiden“ lassen, wir werden diesen Weg bis zum bitteren Ende mitgehen und diese Angst und diesen Schmerz um das Liebste, was hier haben, aushalten müssen. Nur, derjenige, der es er- und durchlebt hat, kann hier mitreden – so wie es auch unsere Soldaten immer wieder betonen, aber Wahrnehmung wäre auch ein wenig Balsam für unsere Seelen. Anerkennung für unsere SoldatInnen und auch PolizistInnen wäre auch Anerkennung für uns.
    Viel Kraft für Sie und möge Ihr Soldaten stets „im richtigen Augenblick am richtigen Ort“, sein.

    Ihre
    Helga D.

    • Line G. on 28/11/2010 at 21:22

      @ Helga,
      ich glaube, dass ich bereits einen Reply zu Leafs Tagebuch von Ihnen gelesen habe. Da ich den dort leider nicht mehr finden kann, kontakte ich Sie über diesen Weg. Mich hat bereits Ihr damaliger Beitrag tief berührt, weil Sie wie jemand wirken, die weiß wovon sie spricht und trotzdem für alle Einsatzbeteiligten ein großes Verständnis und Mitgefühl aufbringt. Ich brauche als gute Freundin eines Soldaten im Einsatz auch dringend Nachhilfestunden. Mir kommt es vor, als wenn dieser mir liebe Mensch in eine Parallelwelt eingetaucht ist, die mir gänzlich verschlossen bleibt. Bücher und Internet bringen vielleicht einige Erklärungen in meinen Kopf, aber wie Heike Groos es so treffend formuliert, vom Kopf ins Herz ist es ein langer Weg.Sie hatten damals von den verschiedenen Einsatzphasen gesprochen, die es für die Soldaten als auch die Daheimgebliebenen gibt. Könnten Sie mir Ihre Erfahrungen damit vielleicht noch etwas eingehender beschreiben? Es wäre mir eine große Hilfe….Vielen Dank im voraus
      Line G.

  8. Helga D. on 29/11/2010 at 22:10

    @Line

    Die Psychologen der Bw sprechen von den 4 Phasen, die der Soldat im Einsatz durchlebt. Sicher sollte man nichts verallgemeinern, aber diese Erkenntnisse werden von fast allen so bestätigt.

    Eigentlich beginn schon alles mit dem „Marschbefehl“. Der Soldat geht ab diesem Moment ganz, ganz langsam schon in Richtung Hindukusch und entfernt sich von uns. Er konzentriert sich auf die Vorbereitung, die nicht nur sein, sondern auch das Leben seiner Kameraden u. U. retten kann. Er wird mit Bedrohung, Geiselnahme, Verletzung, Tod etc. konfrontiert. Er muss Vorsorgevollmachten, Patientenverfügungen und Testamente schreiben. Was er meist überhaupt nicht will, ist, sich mit seiner Familie oder Freunden über den Sinn des Einsatzes unterhalten. Und wir? Wir wollen Antworten, Antworten auf die Sinnfrage, Antwort darauf, warum gerade er. Wir haben Angst, Angst um ihn und Angst um uns und er will davon nichts hören.
    Bereits an dieser Stelle kommt der Soldat einem manchmal vor, als wäre er ein anderer, als würde man ihn gar nicht kennen. Wieso kann er so cool sein, warum spricht er nicht auch darüber, dass auch er eine Sch… Angst hat, dass er nicht lebend wieder kommt?
    Hat man Angst vor dem Tag des Abschiednehmens, sehnt man ihn am Ende auch wieder herbei, denn dann kann man endlich rückwärts zählen. Und man merkt es auch dem Soldaten an, er ist unruhig, er will endlich weg, er will diesen letzten Moment endlich hinter sich haben und eintauchen in seine eigene Welt der Kameraden. Und das müssen wir begreifen, wir müssen ihn wirklich gehen lassen, er muss sich auf uns verlassen können, dass wir hier das Schiff schon schaukeln. Er kann sich nicht auch noch um uns kümmern, er hat genug mit sich zu tun und das jeden Tag aufs Neue.

    Phase 1: Der Soldat ist angekommen, er ruft an oder mailt. Er berichtet, wie es dort ist, er will sich mitteilen, manchmal sprudelt es nur so ob der vielen fremden und beeindruckenden Erlebnisse. Und wir saugen sie auf, wie ein nasser Schwamm. Er ist gut angekommen, es geht ihm gut, er hat so viel zu erzählen und wir erfahren so viel von einem unbekannten und fremden Land. Es hilft uns, es lenkt ab, es macht einen fassungslos, es macht einen auch manchmal wütend, aber alles ist besser, als diese Unwissenheit.

    Phase 2: Es hat sich beim Soldaten eine gewisse Routine eingespielt, nicht jeden Tag gibt es Neues oder man berichtet lieber nicht davon, sie wollen uns in der Heimat nicht beunruhigen. Aber wir wundern uns, warum er nicht mehr so häufig anruft, warum kein Brief kommt und wenn man ihn fragt, dann antwortet er oft „ja, alles wie immer.“ Und wir haben das Gefühl, er ist nicht gut drauf, irgendetwas muss doch sein, was hat er bloß. Bohren wir nach, wird er erst recht unwirsch und ablehnend „sag ich doch, alles ist o. k.“ Und wir stehen hier ratlos mit unserem Talent… Die Zeit zieht sich, erst so wenig vom Maßband weg, wie soll man das bloß ertragen?

    Phase 3: Der Soldat hat das Bergfest hinter sich, sie gehen sich untereinander auf den Geist, alles ist soeng, nie hat man seine Privatsphäre, heute der eine nicht gut drauf, morgen der andere. Die eine Beziehung wird beendet per SMS oder Mail, man selber kann den Partner auch seit Tagen nicht erreichen und macht sich Gedanken, bin ich der Nächste? Oftmals unsinnige ABM-Maßnahmen, um die Zeit tot zu schlagen, man hat die Nase gestrichen voll und will nur noch Hause – aber es ist noch so weit hin. Der Soldat nöhlt nur noch am Telefon, alles nervt…
    Und uns nervt ebenfalls alles: Keiner fragt, wie es unserem Soldaten oder uns geht, keiner interessiert sich wirklich, hat seine vorgefasste Meinung und von nichts eine Ahnung. Man isoliert sich ein wenig, hat keine Lust auf dieses öde Gequatsche von Leuten, die keinen Schimmer haben. Was soll ich mit denen? Da bleibe ich liebe alleine zu Hause. Die Telefonate, die Briefe des Soldaten bauen einen auch nicht gerade auf, der hat die Nase voll und ich erst recht…

    Phase 4: Jetzt geht nichts mehr, weder bei ihm/ihr noch bei uns. Jetzt haben wir es so weit geschafft, jetzt bitte nichts mehr dazwischen kommen. Der Soldat freut sich nur noch auf zu Hause, er schmiedet Pläne, alles will er nachholen, auf dass er so lange hat verzichten müssen. Unter jeder Mail, bei jedem Anruf: „Ich freue mich riesig auf die Heimat“ – damit hält er sich bei Laune, er ist schon langsam auf dem Weg nach Hause, er ist nicht mehr ganz im Einsatz, er nähert sich wieder uns an. Aber gleichzeitig hat er auch Angst, wie werde ich alles empfinden, habe ich mich verändert, hat sich meine Partnerin verändert, wie wird es sein, wenn ich das erste Mal wieder im normalen Verkehr ein Auto bewege, wie werde ich meine Freund empfinden, die inzwischen nur Party gemacht haben?

    Und wir können es nicht glauben, aber wir sind genauso unruhig und ängstlich wie zu Beginn und stellen uns die gleichen bangen Fragen. Mittendrin haben wir gelernt, mit der Angst umzugehen, sie ist zu unserem täglichen Begleiter geworden. Der Druck im Magen, an den wenigen und unruhigen Schlaf hat man sich „gewöhnt“, nicht vorhandener Appetit, Müdigkeit, Lustlosigkeit, das „nah am Wasser gebaut sein“, Schweißausbrüche – „isso.“ Aber warum jetzt kurz vor Ende? Ich habe die letzten drei Wochen ebenso schlimm empfunden, wie die kurz vor der Abreise.

    Meine Phase „5“: Der Tag der Ankunft ist da, alles ist vorbereitet, man kann es noch gar nicht glauben, dass es wirklich geschafft sein soll, man drückt sich die Nase platt an der Glasscheibe des Flughafens und wartet auf den dunklen Punkt am Horizont – und endlich, er ist da! Ein unbeschreibliches Gefühl einerseits, andererseits wundert man sich, dass nicht alles von jetzt auf gleich von einem abfällt. Es ist so unwirklich. Bei mir hat es Wochen gedauert, bis ich endlich begriff, Du brauchst keine Angst mehr haben, Du kannst wieder jeden Tag so nehmen, so wie all die anderen Menschen auch. Der große „Plumps“ bleibt irgendwie aus, er geht ganz langsam mit dem Ankommen in der Realität.
    Und beim Soldaten: Sein Körper ist da, seine Seele kommt ganz langsam über den Hindukusch hinterher. Eins steht fest: Niemand kommt so wieder, wie er gegangen ist. Er hat Dinge gesehen und erlebt, die sein bisheriges Weltbild völlig verändert haben.
    Und wir erwarten, dass er erzählt und erzählt und uns teilhaben lässt am Erlebten. Aber er will nicht, er will das einerseits abhaken, wieder in der normalen Welt ankommen und genießen, andererseits wird er aber auch vermissen, darüber erzählen zu können, aber die haben ja alle keine Ahnung. Ja, bitte wie denn? Dass muss er auch verstehen. Man kann einen Sonnenuntergang beschreiben, aber „verstehen“ und „empfinden“ kann man ihn nur, wenn man am selben Ort zur selben Zeit war…

    Und bitte den Rückkehrer nicht pausenlos und ängstlich beobachten, ob er denn traumatisiert ist. Ist er es, wird es sich früher oder später herausstellen und im Einsatz schon „Erste Hilfe“ geleistet haben, hier gibt es für Fachleute auch einfache Mittel dies zu diagnostizieren. Hilfe tut hier wirklich Not und der Soldat sollte sie sich holen. Genauso wie ihm Nachbereitungstage und auch eine Kur zustehen – er hat es sich einfach verdient! Auch, wenn man dann wieder für eine Zeit von zu Hause fort ist, aber jeder der Partner kann doch diese Zeiten für sich sinnvoll gestalten und auch als wichtig ansehen, „jetzt lässt Du mich/uns schon wieder alleine“ hilft dem Soldaten sicherlich nicht. Wie wäre es mit „jetzt haben wir es so lange Zeit alleine schaffen müssen, jetzt kriegen wir die Tage oder drei Wochen doch auch noch hin, tu das, es tut Dir gut…“

    Wir müssen aber akzeptieren, dass viele, fast alle, mit „Akuter Belastungsreaktion“ und „Anpassungstörungen“ nach Hause kommen. Dieses Zurückfinden dauert seine Zeit, wir müssen sie ihm geben. Nicht gewaltsam eindringen in „seine Welt“, aber signalisieren, wir sind da, wenn Du uns brauchst. Du bestimmst, wann und wie viel Du erzählst. Auch das müssen wir uns klar machen: Er wird uns niemals alles erzählen und das ist auch sein Recht. Wir müssen einsehen, er hat 3, 4, 5 MOnate oder länger in einer anderen Welt gelebt, zu der wir niemals wirklich Zugang finden werden. Aber auch wir haben in unserer Welt gelebt, haben unseren Alltag und entsetzliche Angst bewältigen müssen, von dem der Soldat sich nicht vorstellen kann, wie sich das anfühlt – wie sollte er auch. Dies sollten wir uns zu- und eingestehen, ohne „eifersüchtig“ zu sein.
    Was man m. E. auch nicht tun sollte – was ich zwar verstehen kann – ist, dieses „jetzt bin ich auch mal dran, ich habe so lange verzichtet“ des Partners, der Familie. Der Soldat hat verzichtet, wir haben anders gelebt, verdammt schwer war die Zeit für uns. Und auch wir brauchen unserer Streicheleinheiten, aber nicht „er“ ist dafür zuständig. Er hat mit sich alle Hände voll zu tun. Gemeinsame Unternehmungen ja, aber bitte ihm auch den Freiraum geben, dass er sich mit seinen Biker-Kollegen, Skat-Brüdern etc. treffen kann oder ihm auch einfach mal Zeit für sich alleine geben – er war monatelang „eingefercht“ mit einem Haufen anderer Menschen, evtl. hat er deswegen keine Lust, sich wieder in eine Menschenmenge zu begeben, z. B. auf dem Weihnachtsmarkt, vielleicht erzeugt so ein „Bad in der Menschenmenge“ aber auch Panik, immerhin wusste er bis vor kurzem nicht, ob sich in der Menge nicht ein Selbstmordattentäter befindet. Vielleicht hat er auch keine Lust, in der Familie herumgereicht zu werden und mit Willkommensfeiern etc. konfrontiert zu werden, er zieht es vor, endlich mal wieder so lange am PC herumzuhacken, wie er will und nicht, wie es im Lager möglich war, wenn überhaupt.
    Und wir sollten diese Zeit nutzen und endlich wieder freudig und relaxt auf Shopping-Tour gehen – vorher war es doch nur Frust, mal ganz ehrlich. Oder beim Weiber-Treff endlich wieder unbeschwert lachen und lustig sein zu können – ist das nicht der reinste Luxus? Alltägliche Dinge bekommen wieder eine ganze andere Bedeutung.

    „Leben zwischen den Einsätzen“ – das ist zu unserer Grundeinstellung geworden, wenn mal nicht wieder einer einem ein Bein stellt 😉

    Liebe Grüße und viel Kraft und noch mehr Durchhaltevermögen
    Helga D.

    • Line G. on 30/11/2010 at 21:56

      Liebe Helga,
      ich kann Dir in Worten gar nicht ausdrücken, wie sehr mir Deine „Übersetzung“ weiter hilft. Das war, als hättest Du für mich eine Brücke gebaut, zwischen diesen beiden Realitäten, der Einsatzwelt des Soldaten und der Welt hier zu Hause.
      Das hat mir bislang immer gefehlt,jemand der mir übersetzt, wie sich so ein Einsatz auf die beteiligten Menschen auswirkt und wie es zu einer Entfremdung zwischen meinem Soldaten und mir kommen konnte. Und, dass das vielleicht nicht nur eine persönliche Sache ist. Sondern, dass sich da ein ganzes System spiegelt. Welches aber nicht von irgendwo herkommt, sondern das auch wir mit gestalten. Sei es mit unserer Ignoranz oder einer Prise Menschlichkeit.
      Das macht es nicht leichter, ermöglicht aber eine andere Sichtweise und Verständnis.
      Durchhaltevermögen und Kraft kann ich bestimmt gut gebrauchen, für diesen Drahtseilakt zwischen den beiden Welten, einen für alle Seiten maßvollen Kontakt zu halten. Ich weiß nicht wirklich, wie das gehen soll, aber es braucht Geduld und der Weg entsteht beim Gehen. Ich hab mir das alles ganz anders vorgestellt, was aber auch einfach naiv war.
      Vielen lieben Dank, mach weiter so.
      Ganz liebe Grüße
      Line

    • Klaus on 06/12/2010 at 16:13

      Du schreibst „niemand kommt so wieder, wie er gegangen ist.“ Also das kommt mir stark übertrieben, ja schon etwas wehleidig vor. Man bedenke, das 8 von 10 BW-Soldaten das Camp in Afghanistan nur einmal, nämlich zur Abreise, verlassen. Sie sehen also keine Toten oder Feuergefechte, einzig das das Camp beschossen wird. Sie kochen Essen, putzen und reparieren Gerät und ähnliches, sicher 6 Monate da eingesperrt zu sein ist psychisch nicht ganz einfach. Aber wenn einen das schon traumatisiert, was kommt dann erst auf Patrouille mit Gefechten?

  9. Gudrun S. on 29/11/2010 at 22:57

    Danke, ich hab das so ungefähr geahnt. Danke, dass du das hier für uns schreibst.
    Damit kann ich jetzt gut schlafen gehen. Vorher habe ich mich gefreut darüber, viele Aktionen gefunden zu haben, die die Jungs zur Weihnacht dort erfreuen sollen.
    Und mit Verlaub – was du hier oben schreibst – bekommt die Familie sozusagen als Manual für den Heimkehrer. Da muss ich nichts mehr sagen.
    Herzlich
    Gudrun S.

  10. Helga D. on 30/11/2010 at 09:38

    Vor dem ersten Einsatz habe ich mich gewundert, dass mir viele Soldaten sagten: „Ist alles gut gegangen, will man eigentlich die Zeit, die Erfahrung nicht missen.“ Im Nachhinein kann ich es nur bestätigen, ich muss diese Erfahrung zwar auch kein drittes Mal mehr machen, werde aber nicht darum herumkommen.

    Diese Einsatzzeit kann im Übrigen auch zu einer großen Belastungserprobung für die Beziehung zwischen den Eltern führen, also nicht nur zwischen dem Soldaten und seinem Partner. Mein Mann und ich haben uns in dieser Zeit manchmal gezofft, was das Zeug hält. Wir wussten nicht, was mit uns los war und was da abläuft. Bis wir begriffen, wir sind „einsatzbelastet“, wir haben Probleme, mit dieser Angst umzugehen. Der eine wollte darüber reden, der andere wollte genau in diesem MOment seine Ruhe. Den Männern werfen wir Frauen oft vor, sie würden nicht so „trauern“, ihre Gefühle zeigen. Dabei merkte ich irgendwann, mein Mann litt teilweise mehr als ich, er konnte nur nicht darüber reden.
    Ich habe im FBZ gestandene und einsatzerfahrene Soldaten und Offiziere erlebt, die mit Tränen in den Augen davon sprachen, dass sie eine unbändige Angst um ihre Tochter/ihren Sohn im Einsatz hätten. Immerhin wüssten sie ja, wovon sie sprechen. Wenn sie könnten, würden sie sofort anstelle des Sohnes/der Tochter in den Einsatz gehen…

    Es sind tatsächlich durch diese Einsatzbelastungen Ehen von Eltern in die Brüche gegangen. Vielleicht ist bei manchen tatsächlich nicht mehr viel von dem vorhanden, was verbindet, man hat nur die Augen davor verschlossen. Aber vielleicht hilft es hier jemandem, wenn er es aus dem Blickwinkel betrachtet, diese Probleme, diese Aggressivität hat nichts mit Dir und mir zu tun, es ist der Einsatz. Da müssen wir durch, das kriegen wir hin.

    Die jetzige Adventszeit, das nahende Weihnachtsfest lässt Emotionen noch stärker hervorkommen, im vergangenen Jahr waren wir auch „dabei.“ All jenen, die in diesem Jahr davon betroffen sind, wünsche ich viel Kraft und viel Durchhaltevermögen. Auch diese Tage gehen vorbei, es ging eigentlich leichter, als ich vorher gedacht habe.
    Vielleicht alles eine Betrachtungsfrage, bedauere ich mich oder gehe ich es offensiv an. Viele Menschen sind auch an Weihnachten alleine und einsam, traurig, krank, manch einer weiß nicht, ob er das nächste Weihnachten noch erlebt oder der erkrankte Partner, die Mutter, der Vater. „Unter jedem Dach ein Ach“, das sollten wir in unserem Weltschmerz nicht vergessen. Anderen geht es genauso oder noch viel schlimmer als mir, kann hier helfen.

    Allen eine besinnliche Adventszeit und alles erdenkliche Soldatenglück der Erde für Ihre SoldatInnen
    Ihre
    Helga D.

  11. Klaus on 06/12/2010 at 16:02

    Offensichtlich sind die Prozesse einen Reservisten einzuberufen deart schlecht, das dies zu solchen Bürokratiechaos führt.
    Das Reservisten noch gewünscht sind bei der Truppe habe ich auch schon anders gehört, da ihr Dienst das Bataillon eine Menge Geld vom Budget nimmt.

    Als Laie würde ich sagen, derjenige, der einen Reservisten zu sich ins Bataillon holen will, muss auch die organisatorische Federführung haben, also alles organisieren, damit der Reservist auch pünktlich und bereit bei ihm landet. Mit dem kann sich der Reservist dann auch jederzeit verständigen, wenn es zu Problemen bei seiner Vorbereitung kommt.

    Aber klar die BW leidet auch sehr an bürokratischen Wuchs, der über Jahre oft nur verschlimmbessert wird. Gleiches gilt für das Verteidigungsministerium.

  12. Daniel Lückinig on 06/12/2010 at 21:42

    Die beschriebenen Abläufe tragen nicht dazu bei, einen Einsatz bei mir noch einmal attraktiv erscheinen zu lassen.
    Vielleicht ist mein Anspruch zu hoch, jedoch wäre ich auch informationsmäßig gern ganzjährig auf dem Stand, den die Soldaten im aktiven Dienst haben. Dazu zählt ein transparentes und kurzfristig abzuarbeitendes Vorbereitungskonzept. Als Soldat wusste ich, was vor dem Einsatz zu erledigen ist – als Reservist mit ggfs. mehreren Jahren Abstand kann das niemand mehr blicken,

    Ein Tag in der Kaserne, der von Arztuntersuchung, Impfstatusabgleich, Empfang der Einsatzausrüstung und dem obligatorischen Kampf an der Papierfront die Erforderlichkeiten abdeckt, bevor der Flieger in das Einsatzland geht muss doch zu organisieren sein.

    Dazu ein monatliches Clipping an den infragekommenden Kreis von Reservisten sollte keine all zu schwere Aufgabe sein. Ich
    möchte mir nicht aufwendig aus Medien und DBwV-Monatsschrift ein Bild vom Einsatz zusammenreimen müssen, das ich mühsam vor Ort abgleichen muss, um mich integrieren zu können.

    Da ich vor 2013/14 keine Reserveübungen plane, kann ich ja noch auf Besserung bis dahin hoffen. Vorerst bleibt es aber dabei, dass ich Auslandseinsätze unter diesen organisatorischen Voraussetzungen nicht antreten werde.

    Traurig auch, dass die Kritikfähigkeit so gering ist, dass es einer Veröffentlichung unter Pseudonym bedarf – aber das dient sicher (auch) dem Schutz des im Einsatz befindlichen Soldaten.

  13. Helga D. on 07/12/2010 at 09:54

    @ Klaus – es scheint zurzeit hier zwei zu geben…

    Diese Erkenntnis „Keiner kommt so wieder, wie er gegangen ist“ habe nicht nur ich getroffen, so äußern sich die meisten Soldaten selbst, die ihre Erfahrungen im Einsatz machen durften, auch z. B. ein „Staber“, der das Feldlager so gut wie nie verlassen hat, betont dies immer wieder vor den Familien im FBZ und auch in den Medien.
    Das hat m. E. nichts mit Wehleidigkeit zu tun, sondern entspricht der Realität. Tritt zunächst ein „normaler Kulturschock“ aufgrund der von den meisten Soldaten wohl noch nie so gesehenen und erlebten Armut auf, wird man im Laufe des Einsatzes mal mehr, mal weniger – je nach Verwendung – Berührung mit Gefahr, Verletzung und Tod machen. Auch jemand, der nur im Lager „lebt“, kann die Augen vor den verwundeten Kameraden, die in den SanBereich getragen werden, nicht verschließen und so manch einer fragt sich, sehe ich die Kameraden, die heute morgen das Lager verlassen, heute abend wieder.
    Ich glaube, es war in der 37 Grad-Sendung im ZDF, in der ein Soldat berichtete, er sei nie in eine unmittelbar bedrohliche Situation geraten, aber allein die ständigen nächtlichen Bunkeralarme mit der „durch Mark und Bein gehenden Sirene“ hätten ihn „fertig gemacht“ und „traumatisiert“ – er befindet sich seit längerem in psychiatrisch/psychotherapeutischer Behandlung. Auch sollten wir die vielen Soldaten nicht vergessen, die mit der Belastung und auch Trennung von ihren Familien nicht zurechtkommen.
    Von den Belastungen der Soldaten, die täglich ihre Nsse außerhalb des gesicherten Feldlagers in den Wind halten dürfen, mal ganz zu schweigen.

    Sicherlich geht jeder Mensch damit anders um, es hat auch etwas damit zu tun, aus welchem stabilem sozialen Umfeld er kommt. Aber erkennt ein Mensch nicht meist in einer bestimmten Situation, wie „belastbar“ er tatsächlich ist?

    Ich persönlich habe erlebt, wie sich mein Soldat in zwei Einsätzen, die er außerhalb des Feldlagers absolviert hat, verändert hat: Nicht negativ, nein sondern reifer, bewusster, sensibilisieter, über den deutschen Tellerrand hinausschauend, die Dinge und das Leben mit einer anderen Wertigkeit betrachtend. Und so hat er dies selbst auch bereits im ersten Einsatz empfunden: Ich bin froh, dass ich diese Erfahrungen machen durfte, es tut mir kein einziger Tag leid…

    Ich denke, jeder der einmal wirkliches Leid und Armut, ob in Pakistan, Tahiti, Indien oder sonst irgendwo, mit eigenen Augen gesehen hat, oder ein Mensch, der sich in realer Gefahr befunden hat und Angst um sein oder das seines Kameraden/Freundes gespürt hat, wird verändert sein und diese Bilder niemals vergessen. Man muss nur einen Weg finden, damit umzugehen, um nicht in tiefe Depression zu verfallen oder keine Freude mehr im Leben zu verspüren.
    Und ich bin froh, dass sich mittlerweile eine andere Kultur innerhalb der Bw eingefunden hat, indem man die Soldaten und ihre Familien auf diese Veränderungen hinweist und Hilfe anbietet. Auch die „seelischen Verwundungen“ dürfen nicht verschwiegen werden, die manch einer davonträgt.

    Aber alle Soldaten als „traumatisiert“ oder „seelisch schwer gestört“ zu bezeichnen, dagegen wehre ich mich immer wieder. Und für diese „normalen Reaktionen auf unnormale Ereignisse/Erlebnisse“ wird viel zu wenig getan und auch in der Öffentlichkeit nicht berichtet – es wird den Soldaten nicht gerecht. Es sind keine „bis zu den Zähnen bewaffnete Monster oder gefühllose Roboter“, es sind Menschen mit Herz, Seele und Verstand. Hat nicht jeder von uns seine eigenen Erfahrungen, wie das Leben und gemachte Erfahrungen uns „verletzt und verwundet“ haben, sei es das Beziehungsende, Verlust des Arbeitsplatzes, geringe oder fehlende Wertschätzung, Tod von Angehörigen und Freunden, Angst um ein erkranktes Kind oder den Partner – das alles haut uns aus den Schuhen und macht unsere psychiatrischen Ambulanzen und Kliniken bis unters Dach randvoll, versuchen Sie einmal, einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu bekommen – monatelange Wartezeiten.
    Und dann sollen die Erlebnisse eines Soldaten ihn nicht verändert haben??? Jemand, den das alles „kalt“ gelassen hat, der nicht wahrgenommen hat, was die Kameraden mit in das Feldlager abends oder nach Wochen zurückbringen, also der, der macht mir persönlich wirklich Sorgen. Ich möchte nicht wissen, was da zu Tage kommt, wenn dieser Schutzpanzer eines Tages Risse bekommt, verschleppte Erkrankungen sind wesentlich schlechter zu behandeln, als Akutes…

  14. Gudrun S. on 07/12/2010 at 11:24

    Was ich so oft gedacht habe in diesen Einsatzmonaten – zum Glück hat das mein Vater weder erleben noch erfahren müssen, dass eins seiner vielen Enkelkinder nach AFGH geht. Er hat mir nicht lange vor seinem Tod sinngemäß gesagt, dass Menschen, die keine Seele haben auch an ihr nicht erkranken könnten.
    Wir haben seit mehr als 30 Jahren einen *seelisch* kranken Angehörigen, kennen seine und unsere Grenzen, sind sensibel für das Thema, können offensiv sein, wissen auch, wie wichtig die richtige Betreuung zur richtigen Zeit ist.
    Helga, du liegst wieder 100% richtig.
    Ich bereite die Familie auf die Heimkehr vor, auch wenn unser Soldat erst nur Andeutungen gemacht hat.

  15. Klaus on 07/12/2010 at 11:31

    Ich, Klaus, bin derjenige, der sich voll und ganz den Äußerungen von Helga D. anschließt – ich habe die gleichen Erfahrungen zweimal in meiner Familie machen dürfen. Einmal habe ich Veränderungen bei meinem Vater erlebt, als er aus dem Krieg heim kam. Darüber gesprochen hat er nie, wir als Familie mussten es erdulden. Viel zu viele haben viel zu viel mit ins Grab genommen.

    Und auch die Veränderungen bei meinem Sohn musste ich erleben. Da wir Glück gehabt haben, dass er mehrere Male gesund nach Hause zurückgekehrt ist, werten wir auch diese Veränderungen der Persönlichkeit als eher positiv. Wir wollen nur nicht hoffen, dass da noch etwas im Verborgenen schlummert, was sich eines Tages Bahn bricht.

    Warum finden wir als Gesellschaft es als völlig normal, wenn verschüttete chilenische Bergleute, Überlebende und Helfer bei Flugzeug-, Bus-, Auto- und
    Zugunglücken, Feuerwehrleute am 11. September etc. selbstverständlich nicht nur medizinische, sondern auch psychologische Hilfe bekommen? Warum werden Mitarbeiter von NGO`s z. B. nach einer Weile ausgetauscht, sie sind nicht nur körperlich durch extreme Hitze o. ä. belastet? Warum erhalten auch Mediziner und Psychologen immer wieder Supervision?
    Warum sollte ein Soldat dies nicht auch für sich beanspruchen können und dürfen? Warum wird er dann als „Weichei“ bezeichnet?
    Wie sagte eine Mutter dieser Tage in den „Tagesthemen“ – Wie feiern Soldatenfamilien Advent – „unsere Soldaten sind nicht nur in Afghanistan und Weihnachten nicht zu Hause, sie sind in einem Krieg, das will hier nur keiner wahrhaben…“ Recht hat sie!

    Wie Kriegserlebnisse „verändern“ können: Durch Zufall kam ich mit einem ca. 85-jährigen, mir gänzlich unbekannten Mann bei einem Glas Rotwein ins Gespräch. Er schwor auf einen Bordeaux, während ich den hiesigen preiste. Er begann zu erzählen, woher seine „Leidenschaft“ kommt. Er war als junger Mann als „Kriegsverlierer“ von den Franzosen in der Gefangenschaft gut behandelt worden, er erzählte von den Begegnungen mit jungen und hübschen Französinnen und deren eifersüchtigen männlichen Dorfbewohner, von harter Arbeit und auch vom vorzüglichen Wein. Noch Jahrzehnte später ist er in Friedenszeiten mit seiner Frau und seinen Söhnen immer wieder an die Stelle des Geschehens zurückgekehrt, es haben sich tiefe Freundschaften mit den Franzosen entwickelt – „diese Zeit hat mein ganzes Leben geprägt, ich habe eine tiefe Zuneigung zu unserern französischen Nachbarn und vor allem eine Liebe zum „einem guten französischen Roten) entwickelt. Ich habe viel Schlimmes erlebt, aber auch viel Gutes erfahren…“

    Ein ihn begleitender Freund fragte uns, warum wir fast zwei Stunden ihm so aufmerksam zugehört haben, „alles olle Kamellen“ nach seiner Meinung. Ich sagte, das ist ein Zeitzeuge, besser kann man nicht an Wahrheiten kommen. Ein Krieg ist nicht nur das, was in Geschichtsbüchern steht oder was uns Politiker weis machen wollen. Da sind tausendfache Einzelschicksale, die es wert sind, erhalten zu bleiben.
    Meine Frau sagte: Ich höre zu, nicht nur weil es mich interessiert, sondern, weil ich hoffe, dass es vielleicht „irgendwann und irgendwo einmal einen Menschen gibt, der meinem Sohn zuhört, wenn er von seinen Kriegserlebnissen spricht…“

    Krieg verändert den Menschen, ob es z. B. die afghanische Bevölkerung ist oder ob es die Isaf-Soldaten sind.



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