Aserbaidschan – Das Land des Feuers

08/11/2010
By

Hamburg 04:30 Uhr. Mein Wecker klingelt zu einer ziemlich undankbaren Zeit. Der normale Student oder Blogger hat gerade drei Stunden geschlafen. Eine Stunde später sitze ich gut gelaunt im Wagen eines Kameraden und bin auf dem Weg zum Flughafen. Etwa sieben Stunden Flug und fünf Stunden Wartezeit im rauchfreien London-Heathrow später landen wir in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Die Lichter der Stadt hatten uns schon aus der Luft empfangen und sehen nun, auf dem Boden, nicht weniger eindrucksvoll aus. Nach der ersten Zigarette, in diesem Winkel der Erde wird noch überall geraucht, machen wir uns auf in unser Hotel. Die ganze Fahrt über sehen wir die Ausläufer einer Stadt, die von den größten Erdölreserven der Region unvorstellbar profitiert hat. Überall sieht man beleuchtete Mauern und neue Gebäude aus feinem Sandstein, nur das schärfere Auge erkennt die Häuser der Armen hinter den renovierten Fassaden.

Der erste Tag der Exkursion ist in jedem Land den offiziellen Besuchen gewidmet. Als erstes fahren wir in die Innenstadt, wo die deutsche Botschaft eine relativ unspektakuläre Etage eines Bürogebäudes belegt. Der Botschafter und einer seiner Diplomaten geben einen kurzen Lagevortrag, um unser Wissen über das Land auf den neuesten Stand zu bringen. Aserbaidschan verdient viel Geld mit dem Öl, sehr viel Geld. Allerdings ist es bisher noch nicht gelungen, große Teile der Bevölkerung an diesem Reichtum teilhaben zu lassen. Man kämpft mit einer für die Region typischen Korruption, wobei fraglich bleibt, wie konsequent ein Kampf verlaufen kann, wenn er von denen, die vom bisherigen System begünstigt werden, geführt wird.

Die eine Seite der Stadt. Der größte Teil der Bevölkerung lebt unter diesen Bedingungen.

Wir besuchen im Anschluss die Militärakademie in Baku. Hier erfahren wir einiges über den bekanntesten Konflikt der Region. Berg-Karabach ist allgegenwärtig in Aserbaidschan. Man erzählt uns vom „Genozid“ und den armenischen „Terroristen“, die eine ganze Region geraubt haben und nun nachhaltig für Instabilität sorgen. Es soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir diese starken Worte gehört haben. Neben den lokalen Einsätzen hat das Land auch Soldaten in internationale Missionen entsandt, darunter  die ISAF in Afghanistan, erzählt man uns stolz. Dafür wurden Truppen durch Ausbilder westlicher Armeen trainiert und mit neuer Ausrüstung ausgestattet, was auch bitter nötig gewesen sei, angesichts des Alters mancher Geräte und Waffen. Es soll nicht so bleiben, erfahren wir später, denn das Militär gehört ebenfalls zu den Gewinnern des Ölbooms und darf sich für nächstes Jahr auf eine Verdoppelung des Haushalts freuen. Die Meinung der Bewohner der unzähligen heruntergekommenen Hütten und Wohnsilos in den Außenbezirken der Stadt, dazu konnten wir leider nicht mehr einholen.

Öl, Öl, Öl! Seit 2006 verändert sich das Antlitz der Stadt massiv.

Diplomatenakademie und Außenministerium: Wir betreten ein brandneues transparentes Glasgebäude und treffen ebenso offene Menschen. Hier will der kleine Staat die nächste Generation seiner Diplomaten ausbilden lassen und ebenso einen Anlaufpunkt für Interessierte aus anderen Nationen schaffen. Die erste „Internationale“ läuft mir gleich über den Weg. Es ist eine junge Deutsche mit azerischen Wurzeln, die ein Praktikum absolviert. Ob sie denn länger bleiben möchte oder gar ihre Zukunft im Kaukasus sieht, frage ich sie. „Nein, eher nicht. Eigentlich will ich eher bald nach Hause“ sagt sie und fügt später noch hinzu, dass gerade die allgegenwärtige Korruption und das Clansystem viele junge gut ausgebildete Menschen abschrecken würde. Wer nicht dazugehört, der hat auch keine Chance. Auch diese Eigenheit musste ich mir während der Exkursion noch mehrmals vor Augen führen.

Den Abschluss des Tages stellt unser Besuch bei einer der ersten Nichtregierungsorganisationen (NGO) Aserbaidschans dar. Die gläubigen Muslime dieser Gruppe sehen sich in ihrem Recht auf freie Religionsausübung behindert und beklagen eine zunehmend feindliche Haltung gegenüber dem Islam in den herrschenden Schichten. Von anderen Quellen hatten wir erfahren, dass der rigorose Umgang mit islamischen Gruppen fundamentalistischer Prägung aus einer Angst vor religiöser Unterwanderung durch den Iran resultiert. Mein eigener Eindruck zeigt ein beinahe säkulares Land mit Menschen, die in etwa so muslimisch sind wie viele hierzulande christlich, nämlich nur an hohen Feiertagen.

Die Ölfelder um Baku. Bohrtürme und Förderpumpen soweit das Auge reicht.

Nach einem landestypischen Frühstück – es gibt mehr Gebäck als an Weihnachten – fahren wir zu den Ölfeldern um Baku. Die Gegend ist versteppt und öde, nur die hunderten Fördertürme und Pumpen zeichnen sich am Horizont ab. Inmitten dieser Landschaft entdecken wir einen Ort der die ersten Entdecker zu ihrer Namensgebung veranlasste. Aserbaidschan – das brennende Land. Am Fuße eine kleinen Hügels brennt die Erde durch austretendes Erdgas, dass hier an vielen Stellen einfach aus dem Boden tritt. Im Gespräch erklärt mir ein weit gereister Historiker die Gegend. Früher, so der erfahrene Forscher, hätte man das Areal „schwarzes Land“ genannt, da der Ölschlamm an vielen Stellen ganze Landstriche bedeckt hätte. Auf einmal sehe ich die Tristesse mit ganz anderen Augen.

Das Land des Feuers

Wind pfeift mir ins Gesicht und lässt mich frösteln. Ich stehe auf einem Berg über der Stadt und betrachte das Mahnmal für die bei Massaker von Chodchali getöteten Azeris. Der Trauerkult, auf dem Grabstein das Konterfei des Begrabenen abzubilden, ist für mich ungewohnt und bedrückend. Bei Gang durch die Anlage blicken einen die Gesichter hunderter Menschen an. Augenblicklich kehrt man in sich und läuft durch den Stillen Raum zu einem Monument mit einer ewigen Flamme. Der Ausblick an diesem höchsten Punkt der Stadt verdrängt die gedrückte Stimmung sofort. Von hier aus kann ich das Meer fast schmecken. Man sieht eine boomende Stadt, überall wird gebaut und die Ursache dafür riecht man durch den Dunst der Stadt hindurch. Die Ölfelder, sie sind von hier aus nicht sichtbar aber allgegenwärtig. Kleine Punkte am Horizont künden davon, dass auch auf See Öl gefördert wird.

Das Mahnmal über der Stadt

Bunte Lichter, Straßenlärm, es riecht nach Speisen und Abgasen. Wir sind im Nachtleben der Millionenstadt angekommen und suchen ein landestypisches Restaurant. Die Wahl ist schnell getroffen und so sitzen wir nun in einem Lokal, das sowohl westliche Toiletten (Schüssel, Brille, Klopapier) besitzt als auch zahlreiche Fleischgerichte anbietet.  Doch die richtige Konfrontation mit den lokalen Sitten und Gebräuchen kommt erst noch. Ein Kamerad hatte schon den „Lonely Planet“ Reiseführer zitiert, „a devil may care driving style“ sei im ganzen Kaukasus verbreitet, heißt es dort. Der Taxifahrer belegt das sofort. Blinken, Spur halten, Rücksichtnahme und Ampelzeichen werden nicht besonders honoriert. Auf einer dreispurigen Straße stehen grundsätzlich fünf Wagen nebeneinander an der Ampel, wenn sie denn bei rot stehen bleiben. Gott sei Dank fühle ich mich gut geschützt. Zwar sind auf der Rückbank des Lada keine Gurte installiert, aber die vier Kameraden, die mit mir im Wagen sitzen, füllen die Rostlaube dermaßen aus, dass kein Platz ist für Bewegungen jeder Art.

Blick auf das Kaspische Meer.

Endlose Weite. Ein raues Gebirge türmt sich vor mir auf und bietet, ich stehe am Fuße der Bergkette, einen Blick bis weit hinauf aufs Kaspische Meer. Unser Reiseführer erklärt gerade die tausenden Spuren frühester Kulturen, die sich in dem weichen Stein der Berge verewigt haben. Büffel, mehr Büffel, noch mehr Büffel. Die Urzeit-Azeris haben sich alle Mühe gegeben und jeden Fleck mit den Paarhufern oder tanzenden Menschen bedeckt. Neben diesen Barbecue-Motiven findet sich auch das Bildnis eines Bootes (oder Kamms), dass geringfügig Ähnlichkeit mit einem Wikingerschiff hat. Uns wird nicht ohne Stolz erzählt, dass der große Thor Heyerdahl in Azerbaidschan die Ursprünge der Wikingerkultur vermutet hätte. Aus Historikersicht ist dies vollkommen abwegig, den Menschen vor Ort allerdings, gefällt die Idee.

Die Felszeichnungen von Goburkan. Kamm oder Drachenboot? 😉

Wir lassen die Felswüste Gobustans hinter uns und fahren nach Norden. Dort angekommen umfängt mich das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. Seki, ein Städtchen an der historischen Seidenstraße ist mit dem Azerbaidschan, dass wir bisher erlebten, nicht zu vergleichen. Der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich ist hier nicht präsent. In kleinen Steinhäusern, eingeschossig und windschief, leben die Menschen in Großfamilien. Kinderlachen begleitet unseren Weg zur ältesten Kirche des muslimischen Landes. Hier, wenige Kilometer von Dagestan entfernt, wo islamistische Extremisten versuchen ein Kalifat auf Grundlage möglichst vieler Leichen zu errichten und die Gegenspieler keinen Deut besser sind, existiert Friede zwischen der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung und den wenigen Christen und Bergjuden.

Die Gassen der alten Handelsstadt Seki.

Am späten Abend stehe ich im Innenhof unserer Unterkunft. Das Hotel ist eine jahrhundertealte ehemalige Karawanserei und bot schon vielen Reisenden Schutz und Ruhe. Die Rufe des Muezzin klingen durch die Dunkelheit und sorgen für eine Gänsehaut. Ich bin kein religiöser Mensch, aber die Mystik, die viele Rituale dieser Art umgibt, zieht auch mich in ihren Bann.

Die alte Karawanserie von Seki

Aserbaidschan, das brennende Land, ist so gegensätzlich in seiner Landschaft wie es die Menschen dort sind. Der Staat ist auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Die Abwanderung von qualifizierten Teilen der Bevölkerung zeigt, dass es bisher noch nicht gelungen ist Verhältnisse zu schaffen, in denen sich die Menschen wohl fühlen. Der Konflikt mit Armenien um Berg-Karabach ist immer präsent und dient dem Regime, die Bevölkerung zu einen. Ein gemeinsamer Feind ist schließlich besser als gar keine Gemeinsamkeiten. Der Westen braucht das Öl des Landes, das bald auch durch die Nabucco-Pipeline strömen wird, mehr denn je. Durch kleine Kontingente an Soldaten für internationale Missionen und die Mithilfe im „Krieg gegen den Terror“ auf rhetorischer Ebene profiliert sich der kleine  Staat in der Welt. Die Zeit wird zeigen, wie lange dies ausreicht um Stabilität in einer Gesellschaft zu erzeugen, die von Massenarbeitslosigkeit und Cliquenwirtschaft geprägt ist.

Das Parlamentsgebäude in Baku - Sieht aus wie neu, quasi kaum benutzt.

Im nächsten Teil der Serie geht es hinter der Grenze weiter.  Georgien wartet…

 

Tags: , , , , , , , , , , , , , ,

2 Responses to Aserbaidschan – Das Land des Feuers

  1. Klaus on 10/11/2010 at 09:08

    Herzlichen Dank für die interessanten Ein- und Ausblicke in dieses Land.

  2. Georg on 10/11/2010 at 19:54

    Tolle Reportage mit viel Hintergrunderklärungen. Gut gemacht !
    Danke



Archive