Countdown: Teil 16 von Leafs Live-Tagebuch

21/11/2010
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Ich möchte das Vergangene Revue passieren lassen, möchte mich damit auseinandersetzen was war. Ich habe viel nachgedacht, im Nachhinein vielleicht zu viel. Wäre es mir möglich gewesen dieses ständige Denken auszuschalten, es wäre mir sicherlich besser ergangen. Wie oft hat man gehört, mach Dir nicht so einen Kopf, hör auf darüber nach zu denken was sein könnte und als ich endlich aufhören konnte zu denken fühlte ich mich schlecht. Es kam mir so vor als wär einfach jedes Gefühl ersetzbar und dies machte mir schwer zu schaffen. Weg waren sie, die Schmetterlinge, hinfort das Herzklopfen. Irgendwann konnte ich auch einfach überhaupt kein Fernseh mehr gucken und somit blieb er jetzt die ganze Zeit einfach aus! Ich wollte nichts über Krieg, Terror oder Stars und Sternchen hören. Wollte einfach meine Ruhe, lag stundenlang einfach auf der Couch und habe nichts getan. Dieses Nichts tat mir gut, manchmal tat es weh und jetzt im Nachhinein wird es mir fehlen.

Leaf, 25 J. aus Norddeutschland schreibt exklusiv für das Afghanistan-Blog über ihre Gedanken und Gefühle, während ihr Lebenspartner im Einsatz am Hindukusch ist.

Ich habe mich gerade so sehr daran gewöhnt allein zu sein, daran gewöhnt jedem Tag aufs Neue ins Gesicht zu lachen. Es ist quasi einfach alles von mir abgefallen. Die letzten vier Monate waren wahrlich nicht einfach. Als der Schmerz nachließ und die Trauer verflog machte sich Wut breit, Wut auf Alles und auf Jeden. Als die Wut verschwunden war, erreichte mich die Resignation. Ich resignierte vor meinen eigenen Gefühlen, so wusste Ich doch es hat eh alles keinen Sinn. Ich konnte nicht mehr heulen. Konnte nicht mehr traurig sein, es war alles wie weggeblasen. Ich verbrachte viel Zeit mit Freunden, wir redeten und lachten. Ich verbrachte noch mehr Zeit auf der Arbeit oder im Fitnessstudio und ich muss sagen, ich habe mich damit arrangiert.

Vermutlich bin ich ein ganzes Stück gewachsen, jetzt wo ich zurück blicke.  Vermutlich hat mich der Einsatz stärker gemacht als es mir überhaupt bewusst war. Manchmal habe ich das Gefühl, er hätte mich stärker gemacht als es mir lieb ist. Denn ich kann plötzlich Leben ohne jede Sekunde und Minute an ihn zu denken. Ich muss nicht mehr stundenlang am Pc hängen nur um auf eine Email zu hoffen. Ich brauche auch mein Handy nicht mehr jede Sekunde am Mann. Ich hab einfach h alles abgelegt… und manchmal wenn ich wieder anfange zu denken, viel zu viel zu denken, dann macht es mich traurig. Dann werde ich traurig weil ich mich irgendwie unnütz fühle. Ich fühle mich, als würde ich nicht mehr gebraucht.

Zu Beginn des Einsatzes habe ich viele viele Postkarten und Päckchen geschickt. Jetzt gegen Ende fehlte mir die Zeit dafür. Mein Zeitplan war so vollgestopft mit tollen Sachen, dass ich vergaß wer mich brauchte. Vielleicht wollte Ich auch einfach vergessen, wer vergisst hat es oft einfacher im Leben zumindest glaube ich das.

Auf der anderen Seite mach Vergessen einen unsagbar traurig. Es ist schlimm wenn man anfängt zu vergessen wie sich der Schlüssel im Schloss angehört hat, es ist aber noch viel schlimmer wenn man anfängt zu vergessen wie es sich anfühlt im Arm gehalten zu werden von einer Person die man eigentlich liebt. Liebe bedeutet nicht zu vergessen, Liebe bedeutet sich nah zu sein- egal wie viel Km einen trennen. Manchmal zweifelte Ich an unserer Liebe, zweifelte daran ob es alles so richtig war. Ich wusste nicht was uns der Morgen bringt und ich wusste auch nicht wie alles ausgehen wird. Also fing ich wieder an mir Gedanken zu machen. Ich dachte über Vergangenes nach, über tolle Erlebnisse, darüber was wir gemeinsam bestanden hatten, dann kamen die Erinnerungen wieder und es fing erneut an weh zu tun. Es war ein Teufelskreis, ich bin erleichtert dass ich diesen nun endlich verlassen kann.

Ich stecke in den Vorbereitungen, soweit man sowas überhaupt vorbereiten kann. Ich habe geputzt, habe poliert, habe meinen Kopf abgelenkt. Ich bin gespannt wie das Wiedersehen hier zu Hause bei uns sein wird. Ich bin gespannt wie die nächsten Tage und Wochen verlaufen, ich bin gespannt über unsere Zukunft.

Ich hätte mir mehr Unterstützung von Seiten der Bundeswehr gewünscht, hätte mir vll. jemanden gewünscht der mir sagt „Leaf, sie sind nicht verrückt. Das ist alles total normal und es wird wieder gut.“ Natürlich habe ich sowas von meinem Lebensgefährten gehört und natürlich haben es Leute gesagt die schon einmal einen Einsatz durchlebt haben, ABER ich hätte es gern von Jemandem gehört der sich Seelsorger nennt. Vll. hätte ich es dann eher glauben können. Ich weiß es nicht.

Ich weiß aber, dass der Einsatz bei weitem kein Zuckerschlecken war. Weder für mich, noch für meinen Lebensgefährten. Von seiner Seite kann ich nichts berichten, denn er hat mir selbst nichts erzählt. Ich weiß gänzlich Nichts von dem was er tut oder tat. Und da wären wir wieder beim Denken. Wenn man nur grobe Kenntnisse hat, beginnt man diese Auszubauen. Man will lernen, man sucht Informationen und dann ist es da, das Kopfkino. Es begleitet einen ständig und will einfach nicht weg. Hätte es Jemanden gegeben, der sich mit einem zusammen setzt und einem erklärt was passiert. NICHT in einer Runde mit mehreren Angehörigen, nein mit einem Allein und genau auf die eigene Situation abgestimmt. Hätte dieser Jemand einem geholfen zu verstehen dann wäre vieles einfacher gewesen. Zumindest bilde ich mir dies ein.

Ich werde nun die Ankunft meines Wüstenheldens (Ja, das ist er und jeder der unten war für mich) vorbereiten und berichten sobald etwas Luft ist.

Danke!

Leaf

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One Response to Countdown: Teil 16 von Leafs Live-Tagebuch

  1. Lucie on 22/11/2010 at 11:12

    Hey Leaf,
    ich werde deinen Blog sehr vermissen, ich fande ihn immer sehr gefühlvoll geschrieben.
    Du hast deinen Wüstenhelden bald wieder, ich muss noch ein bissel warten.
    Ich wünsche dir ein wundervolles Wiedersehen, und hoffe das alles gut wird.

    LG
    Lucie



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