„Das Ringen um eine Zukunft…“

05/02/2012
By

Welche Gemengelage steckt hinter den Verhandlungen für eine neue Zukunft Afghanistans? Exklusiv fürs Blog analysiert Prof. Dr. Thomas Jäger von der Uni Köln das aktuelle Geschehen zwischen Washington, Kabul und Doha. Das Treffen der „Nationalen Allianz Afghanistans“ in Berlin steht dabei im Mittelpunkt.

Prof. Dr. Thomas Jäger - Uni Köln

Einige Aspekte des politischen Ringens um die zukünftige Gestalt Afghanistans

Inzwischen wird es unübersichtlich. Das ist angesichts der komplexen Interessenlage aber auch nicht verwunderlich. Denn seitdem sich in Washington die Einsicht Bahn gebrochen hat, dass für die Zukunft Afghanistans eine politische Lösung gefunden werden müsse, bringen sich unterschiedliche Akteure ins Spiel. Sie konkurrieren darum, welche Rolle sie in dieser Zukunft spielen werden und welche Profite sie daraus erzielen können.

Eine „politische Lösung“ steht dabei als Formel für die schmerzlich gewonnene Erkenntnis, dass die angestrebte Ordnung eines von Kabul aus regierten demokratischen Zentralstaats militärisch nicht durchzusetzen ist. Diesem politischen Zweck ihres Handelns sind die NATO-Staaten lange gefolgt, in der Praxis sogar länger als in den dann doch schon seit Jahren zunehmend unsicheren Formulierungen. Nach dem enger militärischen Kampf gegen den Terrorismus waren clear, hold and build die Formel, unter der die Aufstandsbekämpfung erfolgreich ausgeführt werden sollte. Dies misslang nicht überall, auch wenn die Kosten jeweils im Vergleich zur Zwecksetzung ausgesprochen hoch waren. Aber es gelang auch nicht so umfassend, dass die westlichen Staaten dem Ziel des Aufbaus eines demokratischen Nationalstaats wichtige Schritte entgegengekommen wären. So steht Afghanistan nach mehr als zehn Jahren militärischer, ökonomischer, rechtlicher und verwaltungstechnischer Aufbauhilfe noch immer als politisch amorphes, uneinheitlich regiertes Land da, das vor allem eines nachhaltig aufweist: gewaltmarktliche Strukturen.

In dieser Lage nun, getrieben nicht zuletzt von den Wahlkämpfen in den USA und Frankreich, mehr noch aber, und damit verbunden, durch die schiere finanzielle Belastung – die Gesamtkosten der USA werden sich am Ende auf eine Billion USD für diesen Krieg belaufen, nach über zwei Billionen USD für den Irakkrieg – haben sich die USA entschieden, eine politische Lösung zu finden. Das heißt, sie geben den Zweck eines demokratischen Zentralstaats auf und versuchen nun eine andere Lösung herbeizuführen. Offensichtlich vorrangiges Ziel ist es nunmehr, zur Umsetzung eines politisch zumindest nicht in einen neuen Bürgerkrieg zurückfallenden Zustandes, gewisse Talibangruppen für eine Koalitionsregierung zu gewinnen. Hierzu sind die anderen westlichen Verbündeten nicht unerheblich; wichtiger aber sind die afghanischen Akteure. Denn mit dem Abzug der amerikanischen Truppen werden allein aus Gründen der mangelnden generellen und spezifischen Fähigkeiten auch alle anderen NATO-Truppen das Land verlassen, soweit sie nicht in Ausbildungsaufgaben eingesetzt werden. Während diese also das Land vorhersehbar verlassen werden, bleiben die afghanischen Akteure vor Ort und dies mit neuem, von den ausländischen Truppen nicht mehr im bisherigen Maß eingeschränktem Handlungsspielraum.

Die verschiedenen Verhandlungen

Die von der Bundesregierung noch 2009 abgelehnten Verhandlungen mit den Taliban werden nun zwischen diesen und den USA stattfinden. Die Taliban werden in Doha, der Hauptstadt Katars ein Büro eröffnen und derzeit finden wohl schon Vorgespräche mit der amerikanischen Regierung über vertrauensbildende Maßnahmen und die Freilassung von  Gefangenen statt.  Dabei ist geplant, diese Verhandlungen bilateral zu führen. Nach Angaben aus amerikanischen Regierungskreisen wurde Doha als raumnaher Standort gewählt, um den Einfluss Pakistans auf die Verhandlungen zu schmälern. Denn die Taliban hätten sich in den letzten Jahren mehr und mehr von Al Quaida einerseits, dem pakistanischen Gemeindienst ISI  andererseits gelöst. Da die Regierung des Gastlandes nicht ganz ohne Einfluss auf den Fortgang der Verhandlungen sein dürfte, beispielsweise weil sie in schwierigen Situationen Vermittlung und gute Dienste anbieten könnte, haben Repräsentanten der Taliban Katar vorgeschlagen.

Die afghanische Regierung fühlt sich bei diesen Verhandlungen übergangen und ohne ausreichenden Einfluss. Deshalb versucht sie derzeit, parallel Verhandlungen mit den Taliban in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens anzubahnen. Es ist noch nicht völlig abzusehen, ob diese Verhandlungen Gestalt annehmen werden, oder ob sie von der Regierung Karzai als Hinweis benutzt werden, die eigene Rolle in den Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban doch stärker zu berücksichtigen. Auch hier ist der Standort von Bedeutung, denn die engen Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Pakistan würden den Einfluss des pakistanischen Geheimdienstes auf die Positionen und Verhandlungsführung der Taliban erhöhen können. Beide Staaten haben finanziell und operativ eng zusammengearbeitet, um die Sowjetunion aus Afghanistan zu vertreiben; so weit reicht die enge afghanistanpolitische Kooperation zurück. Interessant an diesem Vorstoß ist, dass die Taliban bisher direkte Verhandlungen mit der Regierung von Präsident Karzai abgelehnt hatten. Diese sahen und sehen sie als Marionettenregierung an, weshalb sie stets direkte Verhandlungen mit dem Puppenspieler, den USA, gefordert hatten.

Überschattet werden diese nebeneinander geplanten Verhandlungen durch den NATO-Bericht State of the Taliban 2012, der schildert, dass die Taliban in großer Selbstsicherheit und Siegesgewissheit den Abzug der NATO-Truppen erwarteten. Überall dort, wo sich die NATO-Truppen zurückzögen, würden sich zwischen den lokalen Eliten und den wiederkehrenden Taliban neue Koalitionen bilden. Die Zuwendungen und die Rekrutierung der Taliban habe in den letzten Monaten erheblich zugenommen. Die erneute Machtübernahme der Taliban würde von diesen selbst als unvermeidlich angesehen. Dass die Taliban sich geschlagen geben könnten, sei auf gar keinen Fall zu erwarten.

Die beiden Verhandlungsprozesse in Doha und Riad, so sie denn wirklich zustande kommen, könnten somit unterschiedliche asymmetrische Koalitionen für die politische Machtzentrale in Afghanistan hervorbringen. Besonders unterschiedlich würde in den Absprachen die zukünftige Rolle der USA ausfallen können.

Ausgeschlossen von diesen Verhandlungen sind die in der Nationalen Front zusammengeschlossenen Führer aus dem Norden Afghanistans. Einige dieser Gruppen sind  in der Regierung vertreten. Sie treten dort aber nicht als einheitliche Gruppierung mit von der paschtunisch dominierten Administration Karzai unterscheidbaren Interessen auf. Als Gruppierung sind sie jedoch inzwischen ebenfalls in Verhandlungen mit den USA getreten, die zu Beginn von Kongressabgeordneten geführt wurden. Am 9. Januar trafen sich in Berlin diese amerikanischen Kongressabgeordneten mit afghanischen Politikern aus der Nationalen Front.

Die Liste der afghanischen Teilnehmer ist eindrucksvoll. Manche von ihnen, etwa General Dostum haben bei den letzten Wahlen noch Stimmen für Präsident Karzai beigesteuert. Inzwischen haben sie mit ihm gebrochen und zu einer Opposition zusammengeschlossen. Die Teilnehmer waren: General Abdul Rashid Dostum Leader, National Islamic Movement of Afghanistan, Ahmad Zia Massoud Chairman, National Front, Haji Mohammad Mohaqiq Leader, Yunus Qanuni Former Speaker, Wolesi Jirga, Amrullah Saleh Former Director, National Security Directorate, Hussain Yasa Chairman, Afghanistan Group of Newspapers, Faizullah Zaki Vice Chairman, National Islamic Movement of Afghanistan.

Auf amerikanischer Seite nahmen vier Abgeordnete des Kongresses teil, die nicht alle tief in außen- und sicherheitspolitischen Fragen engagiert sind, jedoch jeweils schon lange dem Repräsentantenhaus angehören, nämlich der Abgeordnete Dana Rohrabacher (R-CA) als Vorsitzender der Delegation, seit 1988 Abgeordneter und schon lange in afghanistanpolitischen Fragen engagiert; aus dem angrenzenden kalifornischen Wahlkreis die Abgeordnete Loretta Sanchez (D-CA), die seit 1996 im Repräsentantenhaus sitzt und inzwischen verteidigungspolitische Aufgaben übernimmt. Aus Texas der Abgeordnete Louie Gohmert (R-TX) Mitglied seit 2004 und insbesondere mit Heimatschutz befasst – seine Stellungsnahme zum Treffen kann man hier nachlesen: http://gohmert.house.gov/News/DocumentSingle.aspx?DocumentID=274224 ; und der Abgeordnete Steve King (R-IA), der seit 2002 insbesondere Landwirtschaftspolitik bearbeitet.  Aus dem außenpolitischen Ausschuss des Repräsentantenhauses nahmen zudem Paul Berkowitz,  Scott Cullinane und William Hawkins teil.

Anders als die ersten beiden Verhandlungsforen wurde bei den Berliner Gesprächen nicht nur eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, sondern auch eine klare politische Richtung vereinbart. Es ging darum, Alternativen zur politischen Absicht von Präsident Karzai auszuloten, der, so die Befürchtung der nationalen Front, zusammen mit den Taliban eine Koalitionsregierung eingehen wolle. Dies ist jedenfalls die Ausgangsanalyse der Verhandlungsdelegationen. Hingegen solle nicht die Stärkung einer historisch und kulturell fremden zentralstaatlichen Struktur angestrebt werden, sondern ein dezentrales politisches System, das der sozialen und kulturellen Heterogenität Afghanistans besser entspräche. Während die in der Nationalen Front zusammengeschlossenen Gruppen jahrelang für die Freiheit der Eigenentwicklung in Afghanistan  gekämpft habe, ginge es dem korrupten und inkompetenten Regime Karzai nun darum, die eigenen Pfründe durch eine Koalition mit den Taliban über den Tag des Abzugs der NATO-Truppen hinaus zu bewahren. Für den Abgeordneten Dana Rohrabacher ist die Integration der Taliban in das politische System Betrug an den Zielen, für die die USA über zehn Jahre in Afghanistan gekämpft haben (Stellungsnahmen und Interviews auf seiner Homepage: http://rohrabacher.house.gov/).

Gemeinsam formulierten die Teilnehmer eine Stellungnahme, die den Vorstellungen der anderen Verhandlungsrunden strikt entgegenläuft. Wenn es umfassende politische Gespräche in Afghanistan geben solle, dann nur unter Beteiligung aller Gruppen, also auch der Nationalen Front. Zudem solle die politische Macht der Zentralregierung beschränkt werden, etwa durch eine stärkere regionale politische Autonomie. Die Vereinbarung mit der Nationalen Front ist im Wortlaut hier nachzulesen: http://rohrabacher.house.gov/News/DocumentSingle.aspx?DocumentID=274226 .

In einem Interview vom 24. Januar erklärt Dana Rohrabacher zudem, dass das amerikanische Außenministerium alles unternommen habe, ihn von den Gesprächen mit der Nationalen Front abzuhalten. Das State Department sieht er in enger Koalition mit Pakistan und den mit Pakistan verbündeten Taliban agieren. Es habe sich auf eine paschtunische Lösung festgelegt, die seit Jahren ihren Misserfolg dokumentiere. So stellt sich die Frage, mit welcher Motivation und welche Interessen verfolgend Dana Rohrabacher hier initiativ wurde.

Politische Implikationen

Deutlich werden in den nun angelegten Gesprächen drei unterschiedliche Interessenlagen: die amerikanische Regierung strebt an, als Moderator zwischen den politisch relevanten Kräften in Afghanistan auftreten zu wollen. Das geschieht aus gutem Grund, nicht nur der geopolitischen, sondern auch der geoökonomischen Bedeutung des Landes wegen.  Geopolitisch ist Afghanistan in die Rivalität zwischen Indien und Pakistan eingebunden, zwei bevölkerungsstarke Nuklearmächte mit erheblichem Potential, sowohl hinsichtlich der kooperativen als auch der konfrontativen Gestaltung der regionalen Beziehungen. Zudem spielt die geographische Nähe zu Iran eine wichtige Rolle (auch wenn, was hier nicht unser Thema ist, die iranische und amerikanische Afghanistanpolitik die volle Breite der Interessenkongruenzen und möglichen Kooperation nicht ausgelotet hat). Schließlich ist die geographische Nähe Chinas von Bedeutung; dies einerseits der Beziehungen zu Indien und Pakistan wegen, die für das regionale Gleichgewicht von Bedeutung sind, aber auch – weiter unten wird dies detaillierter ausgeführt – wegen der erheblichen Ressourcenvorkommen in Afghanistan. Die amerikanische Regierung muss der eigenen Interessenlage folgend verhindern, dass deren Abbau weitgehend in chinesische Hände fällt. Insofern verschieben sich die Koordinaten der Afghanistanpolitik: es geht nicht mehr vorrangig um sicherheitspolitische Interessen im engeren Sinne, um Terrorismus und die Existenz parastaatlicher Gebiete, sondern um die geoökonomische und geopolitische Auseinandersetzung zwischen der Vormacht USA und der herausfordernden Macht Chinas.

Das bewerten die Abgeordneten um Dana Rohrabacher in ihren offiziellen Statements anders. In ihrer Bewertung kann eine Koalitionsregierung mit Beteiligung der Taliban keine ausreichende amerikanische Einflussnahme garantieren. Welche Interessen Dana Rohrabacher vertritt, war bisher nicht zu recherchieren. Es wäre aber vordergründig verkürzt, davon auszugehen, dass es angesichts der enormen Rohstoffvorkommen in Afghanistan bisher nicht dazu gekommen sei, dass sich wirtschaftliche Interessen in den USA politischen Beistand suchen. Zahllose Beispiele belegen dies, so dass es eher zu vermuten ist, dass amerikanische Montanunternehmen in den letzten zwei Jahren versucht haben, über die politischen Bedingungen für ein wirtschaftliches Engagement in Afghanistan nachzudenken und entsprechende politische Verbündete zu finden.

Das Szenario könnte man sich möglicherweise, von mir freilich völlig frei erfunden!, so vorstellen: Über die weiterlaufende milliardenschwere Entwicklungs- und Aufbauhilfe werden Infrastruktur, Verkehrsanbindung und Energieversorgung in Afghanistan von den NATO-Staaten mit öffentlichen Mitteln gewährleistet. Der Abbau der Rohstoffe geschieht dann privatwirtschaftlich durch langfristige Verträge zwischen den Unternehmen und der afghanischen Zentralregierung. Wenn dies für das ganze Land nicht gewährleistet werden könne, so könnte dies föderal geschehen, denn die regionale Verteilung der Rohstoffvorkommen erfordert im Norden, Süden und Osten verschiedene Gewährleistungen. Wobei dieses Wort „föderal“ (das in unterschiedlichen politischen Kulturen ja sehr unterschiedlichen Klang entfaltet) für Afghanistan bedeuten würde: jeder Warlord organisiert seinen Beritt und kassiert entsprechend, sofern er die korrespondierenden Gewinne ermöglicht.

Dabei gehen die Meinungen der Diskursbeobachter darüber auseinander, ob die Diskussion über die Föderalisierung Afghanistans wirtschaftlichen Interessen geschuldet ist oder einen genuin politisch-kulturellen Ansatz vertritt.

Der frühere amerikanische Botschafter in Indien Robert D. Blackwill beispielsweise vertrat schon im Juli 2010 die Ansicht, dass eine de facto Teilung Afghanistans die beste Option amerikanischer Außenpolitik sei. Es sei unvermeidlich, schrieb Blackwill schon vor fast zwei Jahren, dass die Taliban den Süden des Landes wieder beherrschen würden. Also ginge es nicht mehr um die beste aller Lösungen, sondern um die mögliche Zweitbeste: dies sei die de facto Teilung des Landes. Denn die Strategie der Aufstandsbekämpfung werde scheitern. Der derzeitige amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta, damals noch Direktor der CIA äußerte sich ebenfalls bezüglich der erfolgreichen Integration der Taliban skeptisch.

Seine Bewertung unterschiedlicher amerikanischer Optionen ging davon aus, dass die USA ohne strategische Interessen in Afghanistan seien. Dies kann nach den Bewertungen der Ressourcenvorkommen in Afghanistan jedoch seriös nicht mehr angenommen werden. Die Rohstoffvorkommen konstituieren ein geoökonomisches Interesse der NATO-Staaten und insbesondere der USA. Dieses Interesse schließt hingegen alle Optionen aus, die sich drauf konzentrieren, den Taliban die ruralen Gegenden zu überlassen und die Hauptstadt als Faustpfand zu halten. Das ist nicht länger eine den Interessen angemessene Strategie.Dies gilt insbesondere deshalb, weil die bisher bekannten großen Vorkommen an Seltenen Erden im Süden des Landes gefunden wurden.

Man kann die von Blackwill eröffneten Optionen freilich anders bewerten, wenn die ökonomischen Interessen ausgeblendet und die sicherheitspolitischen Interessen fokussiert werden. Dies scheint mir jedoch die anzunehmenden innenpolitischen Wirkkräfte auf die amerikanische Außenpolitik nicht ausreichend zu berücksichtigen. Hier spielen ökonomische Interessen im Eisernen Dreieck von Unternehmen, Bürokratie und Parlament eine nicht zu unterschätzende Rolle. Jedenfalls legt Blackwill dar, dass aus seiner Sicht die Verteidigung des Nordens Afghanistans gegen den von Taliban beherrschten Süden eine mit den verfügbaren Ressourcen zu bewältigende Aufgabe sei. Für die USA und die NATO-Staaten bedeutet dies, zwei Strategien gleichzeitig zu verfolgen: der Aufbau einer Nation im Norden und Kampf gegen Terroristen im Süden. Hierfür müssten sich die westlichen Staaten auf einen Interventionszeitraum von nochmals zehn Jahren festlegen. Es sei dann an den afghanischen Streitkräften, die Einheit des Landes herzustellen. Dass er die stärkere Konzentration auf die Konkurrenz zu China als einen der Gründe für den Rückzug in den Norden anführt scheint angesichts der Ressourcenlage widersprüchlich, ist jedoch seinem auf den Kampf gegen Terroristen geschuldeten Blick zurückzuführen.

Die von den USA und der afghanischen Regierung avisierten Gespräche mit den Taliban führen weiterhin zu der Frage, mit welchen Teilen dieser Gruppierung jeweils Vereinbarungen getroffen werden könnten. Nicht auszuschließen ist, dass versucht wird, die Taliban zu spalten. Divide et impera ist eine der ältesten Herrschaftstechniken. Dazu passt, dass die Meldung, am 15. Januar sei Hakimullah Mehsud von einer Drohne getötet worden, von Barbara Elias-Sanborn genau in dieser Richtung interpretiert wird. Denn die Verhandlungen mit der von ihm geführten Pakistani Taliban war bisher alleinige Sache der pakistanischen Regierung, die sich eine Einmischung der USA in ihre inneren Angelegenheiten verbat. Diese Gruppierung jedoch wollte in keinem Fall in Verhandlungen mit Washington eintreten, sondern den Kampf weiterführen. Mit Hakimullah Meshsuds Tod könnte, wie schon 2009 ein gewaltsamer Streit um seine Nachfolge ausbrechen, der die Pakistani Taliban erheblich schwächen würde. Denn die Ankündigung, verschiedene Taliban Gruppen aus Afghanistan und Pakistan in der Shura-i-Murakbah zusammenzuführen, würde sowohl pakistanischen als auch amerikanischen Interessen widersprechen. Beide Regierungen sehen in gegeneinander in Stellung zu bringenden Talibangruppen einen politischen Vorteil bei der Verfolgung ihrer jeweiligen Interessen. Strategisch ist nicht auszuschließen, dass die Zersplitterung der Taliban angestrebt wird. Das ist ein doppelschneidiges Schwert, denn die Anwendung physischer Gewalt, als einem Moment, diesen Zwist auszulösen, kann einen politischen Vorteil versprechen, wenn es zu Nachfolgekämpfen oder anderen Verwerfungen innerhalb der Taliban kommt. Gerät eine der Taliban-Organisationen aber derart unter Druck, dass sie ihre Handlungsfähigkeit öffentlich beweisen muss,  kann dies dazu führen, dass sie nicht mehr bereit ist, überhaupt zu verhandeln, weil sie ansonsten auch im innerpolitischen Prozess als schwach und unbedeutend angesehen werden kann.

Die Zersplitterung und Schwächung der Taliban in den verschiedenen Verhandlungsforen liegt wohl im Interesse der jeweiligen Gegenseite. Sie stellt eine neue strategische Herausforderung dar. Im bisherigen Entwicklungsprozess der westlichen Strategien wurde das Gegenhandeln häufig nicht ausreichend berücksichtigt. Dies könnte erneut geschehen, insbesondere, wenn die unterschiedlichen Zeiterfordernisse und Raumbeherrschungen nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Wirtschaftliche Interessen

Mit der Kenntnis der afghanischen Rohstoffvorkommen hat sich die strategische Bedeutung des Landes geändert. Es handelt sich um strategisch wichtige Rohstoffe, die hier in großer Menge ausgemacht wurden, so dass zu vermuten ist, dass rohstoffdiplomatische Interessen größeres Gewicht erlangen. Zudem existieren ganz spezifische wirtschaftliche Interessen der Montanindustrie, die sich vermutlich leicht und angesichts der hohen Gewinnerwartungen finanziell gut ausgestattet organisieren lassen. Diesen Aspekt wird man bei der Bewertung der unterschiedlichen politischen Verhandlungen in Zukunft stärker berücksichtigen dürfen.

Die Rohstoffvorkommen Afghanistans wurden in den 1980er Jahren von sowjetischen Geologen untersucht.  Im Jahr 2004 fanden amerikanische Geologen Karten, in denen von sowjetischen Geologen Rohstoffvorkommen vermessen worden waren. Diese Karten aus den 1980er Jahren waren während der Talibanherrschaft privat gesichert und erst nach 2001 wieder öffentlich zugänglich gewesen. Auf der Grundlage dieser Analysen begannen amerikanischen Geologen in den Jahren zwischen 2004 und 2007 eine umfassende Vermessung und Erkundung des Landes aus der Luft und zu Boden. Diese Ergebnisse erstaunten und wurden erneut zwei Jahre nicht beachtet. Erst 2009 wurde ein Pentagonteam, das mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes befasst war, hierauf aufmerksam und informierte die politische Spitze des Pentagon über die Ergebnisse. Daraufhin wurden private Firmen beauftragt, das afghanische Ministerium für Bergbau entsprechend zu beraten, weil die Dimensionen der abzubauenden Rohstoffe enorme Ausmaße hatte und entsprechende industrielle Fähigkeiten erforderte. Im September 2011 wurden die Funde einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die Pentagon Task Force for Business and Stability veröffentlichte die Daten in einem 2000 Seiten starken Report. Der Wert der Vorkommen wird konservativ auf über 3 Billion USD geschätzt.

Gefunden wurden Eisen und Kupfer in einem Maß, dass Afghanistan der größte Produzent weltweit werden könnte; Lithium, und zwar ähnlich große Vorkommen wie in Bolivien, dem weltweit größten Lithiumlager; große Vorkommen von Gold; Nobium; Seltene Erden, Lanthanum, Cerium, Neodymium – allein in einem einzigen Vorkommen im Süden des Landes insgesamt mehr als eine Million Tonnen; Kobald.

Afghanistan würde mit der Erschließung der Rohstoffe international zu einem der wichtigsten Förderländer. Insbesondere die Vorkommen an Seltenen Erden würden den Rohstoffmarkt drastisch verändern. Derzeit verfügt China über 97 Prozent der gehandelten Seltenen Erden. Vorkommen gibt es auch in anderen Staaten, den USA und Deutschland beispielsweise, die jedoch teuerer abzubauen sind.

Allerdings mangelt es in Afghanistan derzeit sowohl an Sicherheit als auch an der notwendigen Energieversorgung und Infrastruktur, um die Bodenschätze abbauen zu können.

Bisher hat sich China den Abbau der Kupfermine Aynak in der Provinz Logar gesichert.

Quellen:
Biddle, Stephen / Christia, Fotini / Their, J Alexander: Defining Success in Afghanistan. What Can the United States Accept?, Foreign Affairs Jul/Aug 2010, unter: http://www.foreignaffairs.com/articles/66450/stephen-biddle-fotini-christia-and-j-alexander-thier/defining-success-in-afghanistan
Blackwill, Robert D.: A de facto partition for Afghanistan, in Politico, 7.7.2010, unter: http://www.politico.com/news/stories/0710/39432.html
Blackwill, Robert D.: Plan B in Afghanistan Why a De Facto Partition Is the Least Bad Option, in Foreign Affairs Jan/Feb 2011, unter:  http://www.foreignaffairs.com/articles/67026/robert-d-blackwill/plan-b-in-afghanistan
Borger Julian:Taliban believe they will take over from US and Nato in Afghanistan. Pakistan and Nato reject assertions by Taliban and al-Qaida detainees in document based on interrogations, The Guardian, 1.2.2012, unter: http://www.guardian.co.uk/world/2012/feb/01/taliban-afghanistan-leaked-report-pakistan
Bowley, Graham  und Walsh, Declan: Afghan Officials Consider Own Talks With Taliban, The New York Times, 30.1.2012, unter: http://www.nytimes.com/2012/01/31/world/asia/afghan-officials-consider-separate-talks-with-taliban.html
Bumiller,  Elisabeth: U.S. to End Combat Role in Afghanistan as Early as Next Year, Panetta Says, The New York Times, 1.2.2012, unter: http://www.nytimes.com/2012/02/02/world/asia/panetta-moves-up-end-to-us-combat-role-in-afghanistan.html
Elias-Sanborn Barbara:  The Pakistani Taliban’s Coming Divide. How the Death of Its Leader Could Be Bad for the United States, in: Foreign Affairs, 2.2.2012, unter: http://www.foreignaffairs.com/print/134340
Gohmert, Louie: Afghan Strategy Carve Out Balochistan From Ally Pakistan To Beat Taliban, Interview unter:  http://www.youtube.com/watch?v=zQylmP4nrjE&feature=related
McAuliff, Michael: Republican congressman: Supply more arms to the Northern Alliance and carve out Balochistan from Pakistan, in: The Huffington Post, 26.1.2012, unter: http://www.e-afghan.com/
Nordland, Rod and Rubin, Alissa J.: Taliban Captives Dispute U.S. View on Afghanistan War, The New York Times, 1.2.2012, unter: http://www.nytimes.com/2012/02/02/world/asia/nato-plays-down-report-of-collaboration-between-taliban-and-pakistan.html
Peters, Stephen G. / King, Trude V.V. / Mack,Thomas J. / Chornack Michael P. : Summaries of Important Areas for Mineral Investment and Production Opportunities of Nonfuel Minerals in Afghanistan, unter: http://pubs.usgs.gov/of/2011/1204/
Risen, James: U.S. Identifies Vast Mineral Riches in Afghanistan, The New York Times, 13.6.2010, unter: http://www.nytimes.com/2010/06/14/world/asia/14minerals.html?pagewanted=all
Rohrabacher, Dana: White House Wrong on the Taliban, unter: http://rohrabacher.house.gov/News/DocumentPrint.aspx?DocumentID=276154

The Economist: Clausewitz: Reading the Taliban, 1.2.2012, unter: http://www.economist.com/blogs/clausewitz/2012/02/pakistans-security-state
Walsh Nick Paton:  Secret NATO Taliban report revives Pakistan fears, CNN, 1.2.2012, unter: http://edition.cnn.com/2012/02/01/world/asia/pakistan-nato-report/index.html

Tags: , , , , , , , , , , ,

2 Responses to „Das Ringen um eine Zukunft…“

  1. Gisi on 22/03/2012 at 16:14

    Ein toller und sehrrrr langer Bericht.

    Dazu kann man eigentlich NUR sagen :
    “ ES WIRD SICH IN ZUKUNFT IN AFGHASNISTAN NICHTS ÄNDERN !“

    Aber DAS ist nur meine unmaßgebliche Meinung.

  2. Friesen on 18/05/2012 at 19:40

    Interessante Analyse!

    Zur aktuellen politisch-militärischen Situation in Afghanistan und den Lehren aus den beiden verlorenen Afghanistankriegen der USA und der Sowjetunion siehe:
    Anton Friesen: ,,Aufstandsbekämpfung am Hindukusch. Die Sowjetunion und die USA im Vergleich.“ Reihe Gesellschaftswissenschaften. Akademikerverlag. Saarbrücken 2012.

    Hier eine kurze Zusammenfassung des Buches:

    Zwei Supermächte scheitern in einem entlegenen Dritte-Welt-Staat. ,,Gotteskrieger“ mit Koran und Kolaschnikov besiegen die hochgerüsteten Militärmaschinen der USA und der Sowjetunion. Wie kann das sein? Warum siegen Aufständische in einem Guerillakrieg? Dieses Buch, entstanden aus einer Masterarbeit an der Freien Universität Berlin, gibt eine praktisch relevante und theoretisch elaborierte Antwort: Das Scheitern des Stärkeren im Kampf gegen Partisanen ist die Folge der wachsenden Kriegsskepsis seiner eigenen Öffentlichkeit, die unter den Bedingungen einer möglichst freien Medienlandschaft gegen die wachsenden Verluste an Menschen und Geld opponiert. Die Niederlage in einem Guerillakrieg hat letztendlich einen politischen Charakter. Wer siegen will, muss in der Tat die ,,hearts and minds“ erobern. Und zwar die der eigenen Bevölkerung.

    Siehe auch:
    http://www.amazon.de/Aufstandsbek%C3%A4mpfung-Hindukusch-Die-Sowjetunion-Vergleich/dp/3639404521/ref=cm_cr-mr-title

    oder:

    http://www.libri.de/shop/action/productDetails/19064140/anton_friesen_aufstandsbekaempfung_am_hindukusch_3639404521.html#reviews

    bzw.

    https://www.morebooks.de/store/de/book/aufstandsbekaempfung-am-hindukusch/isbn/978-3-639-40452-4



Archive