Der Krieg hautnah…

15/05/2010
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Vor kurzem haben wir bereits an dieser Stelle von ersten beiden Blog-Einträgen des dänischen Journalisten Mads Gudiksen und seinen beiden Kollegen vom Fernsehsender TV2 Øst berichtet, die dänische Soldaten bei ihrem Einsatz in Afghanistan begleitet haben.  Mittlerweile sind die Journalisten wieder wohlbehalten in der Heimat angekommen. Ihre Erlebnisse, die einen kleinen Auszug aus dem Alltag – sicherlich nicht nur dänischer – Soldaten zeigen, habe ich nun übersetzt und zusammengefasst.

Zur besseren Orientierung habe ich zunächst allerdings ein paar allgemeine Informationen zum dänischen Engagement in Afghanistan zusammengestellt.

Das dänsichen Engagement in Afghanistan:

Dänische Truppen gehören zu den ISAF-Kräften und sind seit Januar 2002 unter NATO-Kommando in Afghanistan. Anfangs lag der Hauptbezugspunkt in Kabul, aber im Rahmen der Demokratisierung wurde das dänische Engagement in weitere Teile des Landes ausgeweitet. Seit Mitte 2006 befinden dänische Truppen sich u.a. auch im Süden Afghanistans – unter der Führung der ISAF und Kommando Briten – in der Provinz Helmand.

Übersichtskarte dänischer Stationierung in Südafghanistan

Die dänischen Soldaten sind an vielen Stellen in Afghanistan stationiert. Die Soldaten, die Mads begleitete, sind hauptsächlich Kampfsoldaten von der Charlie Kompanie und leben im Lager Budwan.

Das Hauptquartier der dänischen Kampftruppen befindet sich in Price. Hier werden mögliche Wiederaufbaumaßnamen geplant. Die Koordination zwischen zivilen und militärischen Behörden findet ebenfalls dort statt.

Im Hauptlager Camp Bastion haben die Dänen ebenfalls ein eigenes Lager. Hier ist das sog. National Support Element, von dem aus z.B. Ersatzteile oder andere benötigte Dinge beschafft werden können.

Seit Anfang 2010 wird der Integrationsprozess von afghanischen Sicherheits- und Polizeikräften in ISAF-Einheiten verstärkt vorangetrieben.

Als Konsequenz dieses Prozesses und um ein Signal an die Afghanen zu senden, wurden viele Bezeichnungen geändert, sodass man nun afghanische Wörter für viele Einheiten und Orte verwendet. So auch das Forward Operating Base (FOB) Budwan. Dieses Lager hieß vormals Armadillo.

Insgesamt befinden sich momentan ca. 750 dänische Streitkräfte in Afghanistan. Seit Beginn des Einsatzes 2002 hat Dänemark 31 gefallene Soldaten zu beklagen: Es ist das ISAF-Land mit der höchsten Anzahl an gefallenen Soldaten pro Einwohner.

Unterwegs im Einsatzgebiet

Das Camp Bastion, wo die drei Journalisten von TV2 Øst zunächst ankommen, liegt mitten in der Wüste. Von dort aus soll es dann in das Lager Budwan weitergehen, in dem die Soldaten der Antvorskov Kaserne stationiert sind. Auf dem Frachtflughafen des Camp Bastion landen immer wieder Flugzeuge aus der Heimat mit Post und anderen benötigten Dingen, losgeschickt vor ein paar Tagen in Dänemark. Fotograf Anders nervt der viele feine Sand, er hat Angst, dass dieser in seine Ausrüstung gelangen und sie kaputt gehen könnte. Lone dagegen ist um ihren Nacken besorgt und nimmt sich vor, sich gut gegen die starke Sonneneinstrahlung einzucremen.

Währenddessen stellt Mads fest, dass der Job als Wachtposten des Camp Bastion nicht gerade der spannendste der Welt ist. Der aufregendste Moment des Tages sei, wenn diesen Soldaten ihr Essen gebracht werde. Ansonsten gebe es für sie nur Sand, Sand und noch mehr Sand. Nur das stetige Surren der Helikopter erinnert Mads daran, dass nur 50 km von dem Camp entfernt Soldaten kämpfen und auf Hilfe aus der Luft angewiesen sind.

Der Chef von Camp Bastion erklärt Mads, dass es momentan eher ruhig zugehe. Seit zwei Wochen habe man kaum Verletzte und keine Toten zu beklagen. Der Grund dafür sei die Erntezeit. „Momentan sind alle mehr damit beschäftigt, ihre Ernte ins Haus zu bekommen, als gegen uns zu kämpfen. Das gilt sowohl für die Mais- als auch für die Opiumernte.“ Das freut Mads zu hören. Denn einerseits will er natürlich gerne sehen, was die Soldaten in der Greenzone, in der gekämpft wird, so machen, aber andererseits möchte er auch gerne heile wieder nach Hause kommen.

Quelle: tv2east.dk Impression aus Camp Bastion

Nur einen Tag später ist die friedliche Stimmung im Camp vorbei. Sechs Dänen und ein Brite wurden verletzt, als ihr Fahrzeug über eine Mine fuhr. „Die am schwersten verletzte Person ist ein dänisches Mädchen. Eine Fotografin, die einige von euch vielleicht kennen.“ Das tun Mads und seine Kollegen. Sie ist mit ihnen nach Afghanistan geflogen und hat mit ihnen die ersten Tage im Camp viel Zeit verbracht… Mads wird nun ganz anders: „Wir wussten ja, dass, wenn man nach Afghanistan kommt und Soldaten begleitet, ein gewisses Risiko besteht beschossen zu werden oder auf eine Mine zu treten. Aber nun ist das ganze plötzlich so nah! Das ist nicht nur eine Zeitungsüberschrift. Das ist jemand, den wir kennen. Und das ist eine Stelle, zu der wir auch bald aufbrechen werden. Es hätte ebenso gut uns erwischen können.“

Unterdessen wird „operation minimize“ ausgerufen. Das bedeutet, dass keiner im Camp in die Heimat telefonieren oder auf andere Art über diesen Vorfall berichten darf, bis nicht alle Angehörigen der Verletzten von dem Unglück erfahren haben. Letztendlich ist der Zustand aller Verletzten stabil und die Journalisten sind froh, endlich mit ihren Liebsten telefonieren und Entwarnung geben zu können. Es bleibt dennoch ein mulmiges Gefühl zurück.

Zweit Tage später geht es durch die Wüste zum Lager Budwan. Die Journalisten fahren in einem gepanzertem Fahrzeug, einem Piranha, in einem Konvoi zusammen mit weiteren zehn Piranhas und Lastwagen. Ein Soldat mit schwerem Maschinengewehr, dunkler Schutzbrille und Helm hat sein iPod auf Lautsprecher gestellt, sodass alle Tom Jones hören können, ab und zu unterbrochen von Meldungen des Kompaniechefs und den anderen Fahrzeugen. Der Soldat meint, man könne nicht jeden Tag über die Gefahren nachdenken, ansonsten werde man wahnsinnig.

Fotograf Anders in der Wüste
Quelle: tv2east.dk Fotograf Anders auf dem Weg nach Budwan

Der Tross fährt auch an der Stelle vorbei, wo die Mine hochging und sieben Menschen verletzte. Mads versucht das zu verdrängen und stattdessen den Sonnenuntergang zu genießen, Interviews zu führen und Bilder zu bekommen. Im Langer Budwan angekommen, spürt er allerdings eine gewisse Erleichterung.

Im Lager herrscht entspannte Stimmung, innerhalb der dicken Mauer, die rund ums Camp gebaut wurde. Man sonnt sich, trinkt Kaffee, hält Smalltalk. Wenn man auf die Mauer zu den Wachtposten möchte, muss man Schutzweste, -brille und Helm tragen. Von dort aus hat man eine schöne Aussicht auf das Helmand-Tal, eine Oase mitten in der Wüste. Keine hundert Meter vom Lager entfernt befinden sich überall Taliban und deren Sympathisanten. Bereits am Fuße des Hügels, auf dem Budwan liegt, wurden Minen entdeckt. Zum Helmand-Fluss ist es nur ein Kilometer, allerdings war noch kein einziger dänischer Trupp dort. Zu gefährlich. Ein absurder Kontrast: Gemütlichkeit im Lager, unmittelbare Bedrohung davor.

Ein paar Tage später geht es auf Patrouille ins Feindesland. Für Mads ist es das furchteinflößendste, was er je gemacht hat: Schutzweste und Helm anziehen, die dicken Mauern des Lagers verlassen, hinaus in die Greenzone, wo schon viele Soldaten auf Patrouillen wie diesen verletzt wurden oder sogar gefallen sind. Einen Tag zuvor waren noch fünf dänische Soldaten auf eine Mine gefahren und britische Soldaten kämpften gegen Taliban. Aber das ist das Alltägliche für die Soldaten. Einige machen flapsige Sprüche, andere scheinen mehr mit sich selbst beschäftigt. Mads selbst hat ein flaues Gefühl im Magen, als sie ihre Wanderung zwischen Opium- und Weizenfeldern beginnen.

Als man erste Häuser passiert, kommen afghanische Männer und ein paar Kinder um mit den Dänen reden. Mads beginnt sich zu entspannen. Bis ein Funkspruch kommt, dass die Taliban in der nächsten Häuserreihe vermutet werden und diese wohl bereit seien, zu schießen. Man beschließt, umzukehren und fordert auf, in Bewegung zu bleiben oder niederzuknien, sodass man kein leichtes Ziel abgibt.

Anders auf Patrouille
Quelle: tv2east.dk Auf Patrouille durch Talibangebiet

Die gesamte Tour dauerte zweieinhalb Stunden, war zwei Kilometer lang. Die Journalisten sind erschöpft und glücklich, wieder heil im Lager angekommen zu sein. Man ist sich einig, dass das die wohl härteste Aufgabe war, die man jemals bewältigen musste.

Wieder ein paar Tage später sitzt Mads zusammen mit einem dänischen Soldaten. „Das war genau die gleiche Stelle, an der wir den Bach das letzte Mal überquert haben, vielleicht einen Meter weiter rechts…“ Er wurde einen Tag zuvor Opfer eines IED-Anschlags (improvised explosive device), als er auf Patrouille war. Glücklicherweise wurde kein Soldat ernsthaft verletzt. Zwei seiner Kameraden mussten zur Aufsicht ins Feldkrankenhaus gebracht werden, weil die Kopfschmerzen von der Explosion hatten. Er selbst hat ein blaues Auge davongetragen und erzählt Mads nun bei einer kalten Cola seine Geschichte.

Mads und sein Kollege Anders schätzen sich ebenfalls glücklich. Ein paar Tage zuvor waren sie an der gleichen Stelle unterwegs, vielleicht ein bisschen weiter weg, sodass die Bombe nicht losging. Anders hat eine Gänsehaut. Die beiden waren so nah am Geschehen, wie es eben geht, ohne direkt im Kampf involviert zu sein. Doch sie können bald zurück in die Heimat, der Soldat vor ihnen nicht. Er muss zurück in den Krieg.

„Ich möchte sehr gerne zurück. Zurück zu den anderen, und meine Furcht überwinden, wieder nach draußen zu gehen. Aber ich darf nicht auf Patrouille, solang ich nicht wieder vollkommen fit bin.“

Respekt für deinen Mut, denkt Mads. Er jedenfalls ist froh darüber, bald wieder in die Heimat zu können.

Schon vor dem Treffen mit dem Soldaten erleben Mads und seine Kollegen eine nervenaufreibende Nacht in der Basis von Brisdar. Vom Camp aus kann man auf der einen Seite weit in die Greenzone schauen, auf der anderen Seite auf ein kleines Dorf mit einem Labyrinth aus braunen Häuserwänden. Das Camp hat seinen Charme, wäre da nicht die permanente Gefahr eines Angriffs.

Als die Dunkelheit hinein bricht, ziehen alle ihre Sicherheitswesten und Helme an und gehen in die Gebäude. Die Taliban schleichen in der Nähe herum und warten auf ihre Möglichkeit, das kleine Lager anzugreifen. Drei bis vier Stunden vergehen, bevor sich die Gefahrenlage bessert.

Nun erfahren Mads und seine Kollegen, dass zwei Tage nach ihrem dortigen Aufenthalt das Camp einem Angriff ausgesetzt war. Elf Soldaten der Antvorskov Kaserne wurden dabei verletzt. Die Taliban griffen im Schutze eines Sandsturms an.

Am letzten Tag in Afghanistan, den die Journalisten in Kabul verbringen und eigentlich zum Entspannen nutzen wollten, müssen sie nun vom Dach der Associated Press über den Brisdar-Angriff berichten. Live nach Dänemark. Mads hofft, dass die Berichte von ihm und seinen Kollegen den Menschen in der Heimat die Welt der Soldaten in Afghanistan ein wenig näher bringen können. Dass sie verstehen, welch enorme Arbeit die Soldaten schon geleitest haben und weiterhin leisten.

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