Er ist wieder daheim: Leafs letzter Tagebucheintrag

13/12/2010
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Lesen Sie nun Leafs letzten Tagebucheintrag: ihr Mann ist nun endlich aus Afghanistan zurück. Wünschen wir beiden eine erfolgreiche „Reintegrationsphase“. Diese Serie war und ist einzigartig in Deutschland. Ihr Inhalt war mutig und auch umstritten. Dennoch wurde diese Tagebuchserie von Bundeswehr.de verlinkt und brachte unserem Blog viele neue Leser und Interessierte. Ich möchte Leaf für ihre Einträge danken. Es war nicht immer einfach für sie: die Höhen und Tiefen einer Daheimgebliebenen bekam sie in einer vollen Breitseite mit. Einige Soldaten mailten mir, dass sie mit dieser Serie nichts anfangen konnten und dass sie das  eine oder andere „Wehwehchen“ für übertrieben hielten. Ich sehe das anders: diese Serie legte offen, welche Sorgen und Nöte Angehörige haben, wenn ihre Lieben im Einsatz sind. In einschlägigen Soldatenforen im Web ist dies immer wieder Thema, aber nur in einem geschlossenen Kreis. Hier hat und hatte nun jeder Interessierte die Möglichkeit, die Gedanken einer Betroffenen zu lesen – und ich bekam auch viele Mails von anderen Angehörigen, denen es ähnlich erging. Nichtsdestotrotz: Leaf, ich sage DANKE. Ich wünsche Dir und Deinem Mann eine schöne Weihnachtszeit…

Leaf, 25 J. aus Norddeutschland schreibt exklusiv für das Afghanistan-Blog über ihre Gedanken und Gefühle, während ihr Lebenspartner im Einsatz am Hindukusch ist.

Und dann hab Ich Ihn wieder…

Es war ein Mittwoch. Ich war weder aufgeregt noch sonderlich hibbelig. Morgens wachte Ich auf und erledigte noch restliche Dinge. Klebte ein Plakat an die Haustür und um 13.00Uhr fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Ich fuhr zu den Eltern meines Freundes, dort warteten wir auf seinen kleinen Bruder und fuhren um 14.30Uhr Richtung Flughafen. 250Kmh ca. hatten wir zu meistern und im Nacken saß ständig der Feierabendverkehr auf einer stark frequentierten Autobahn.

Um 16.30 erreichten wir den Flughafen, seine Mama war sehr nervös und hielt es kaum noch aus. Ich war immer noch die Ruhe selbst. Am Flughafen angekommen versuchte Ich seinem Vater klar zu machen das es der falsche Flughafen sei, das Dauergerede des Bruders hatte alle irritiert. Auch war er sich ja so sicher dass wir am richtigen Flughafen seien. Ich rief den Spieß an und erläuterte ihm dass wir trotz Navi falsch gefahren sind, dieser erklärte mir den Weg zum militärischen Teil. Wieder hörte Niemand zu (Ich liebe Niemand…wenigstens er ist immer bei mir und hört zu *haha*)  Wildes Gerede, teilweise Gekeife. Der Vater hält mitten auf der Autobahn auf einem Standstreifen… gute Idee *NICHT!*

Hinter uns ertönte eine Stimme „Dies ist KEIN Parkplatz, bitte fahren sie weiter!“ Alle drehten sich erschrocken um. Polizei, wo kamen DIE DENN HER?! Egal wo man sie nicht braucht, sie sind da…und wo man sie benötigen könnte sieht man nicht einen. Aber recht hatten sie, es war KEIN Parkplatz. Also überzeugte Ich den Vater endlich mal die Autobahn zu verlassen damit das Ziel ins Navi eingegeben werden konnte. Scheiß Technik funktioniert logischerweise nur im Stand *nerv*

Die Mutter wurde immer nervöser, endlich hatten wir die richtige Route und fuhren weiter. Am ersten Kasernentor bog sein Vater ab und parkte, für mich war klar „ Dies ist KEIN Flughafen“ keiner wollte mir glauben schenken, also bin ich zur Wache gestiefelt habe mein Anliegen erläutert und ihn gebeten möglichst laut zu sprechen das auch Jeder ihn hören kann. Als alle überzeugt waren das dies NICHT der Flughafen war folgten wir seinen Instruktionen und landeten man möge es fast nicht glauben am Flughafen.

Dort konnten wir ohne große Prüfung durch die Kontrollen und standen dann in einer erbärmlich stinkenden Wartehalle. Ich bin fast rückwärts wieder raus gelaufen. Wahnsinn, es hat so furchtbar nach faulen Eiern gerochen, keine Ahnung woher der Gestank kam.

Ich setzte mich erst einmal auf eine Bank und dann klingelte im Minuten Takt das Telefon (teilweise sogar während Ich noch mit Anderen telefonierte.) Alle wollten natürlich auf dem neusten Stand gehalten werden. Ich telefonierte mit meinen Schwestern, mit meiner Mutter, mit meiner besten Freundin, drei guten Freundinnen aus Berlin. Meine Freundinnen waren etwas brüskiert über meine Gelassenheit, so habe Ich es zwei Wochen zuvor doch geschafft sie auf einen Puls von 180 zu bringen, während sie auf ihre Männer am Flughafen warteten. Sie schafften es nicht.

Ich witzelte mit ihnen, dass der Gestank sicherlich durch die Lüftungsanlage des Flughafens kam und ein gemeiner Biogasanschlag von Terroristen sei. Neben mir saß eine nette junge Frau und es „schlief“ ein Hauptfeldwebel. Dieser lachte ab und an weil ich doofe Kommentare und Witze Riss. Später kamen wir ins Gespräch, er holte seine Jungs Heim. Die Frau kam zufällig aus derselben Ecke Deutschlands wie Ich. Nach sechs Monaten konnte sie ihren Mann endlich wieder Heim holen, SIE WAR AUFGEREGT! Die kurzweiligen Gespräche halfen Ihr und uns die Zeit zu überbrücken.

Ständig wurde die Ankunftszeit verändert. Ständig landete der Flieger um eine andere Uhrzeit. Ich wartete auf den Spieß und die Kameraden, dieser war immer noch nicht da. Naja, er wird es schon schaffen, dachte Ich mir.

Plötzlich fiel mir auf das eine Treppe am Fenster vorbei fuhr. Eine solche wie sie an Flugzeugen befestigt wird damit man aussteigen kann. Ich erwähnte dies beiläufig im Gespräch mit den beiden Soldaten und der netten jungen Frau. Diese wurde noch nervöser und mein Kommentar „Naja die braucht man ja NUR wenn ein Flugzeug landet und heute kommt nur eins aus Afghanistan.“ Machte es nicht besser. Manchmal bin Ich gemein. Sie stand auf und lief hin und her.

Zwei Soldaten in Warnwesten liefen an uns vorbei und öffneten eine zuvor geschlossene Glastür. Es kam Bewegung in die Bude. Anscheinend hatten noch mehr Leute den Braten gerochen. Unsere Männer und Frauen waren tatsächlich im Landeanflug!

Da standen wir, vor GLASSCHEIBEN wie im Zoo… die Kinder riefen ihre Väter. Dann kamen die ersten Männer und Frauen mit Bussen. Drei Stück an der Zahl. Durch das teilweise milchige Glas konnte man nur an manchen Stellen durchsehen. Als die Kinder ihre Väter und Mütter erblickten hielt sie nichts mehr, sie begannen zu weinen, schrien nach ihnen und schlugen gegen die Scheiben. Ein ganz furchtbarer Moment! Sie taten mir so unendlich leid, es zerriss einem fast das Herz. Nach so langer Zeit wurden sie noch einmal auf die Folter gespannt. Sie konnten ihre Eltern schon sehen, durften aber nicht zu ihnen. Keine gute Lösung.

Die junge Frau stand bei mir, begann zu weinen. Ich hielt ihre Hand und erzählte ihr viele tolle Sachen damit sie sich etwas beruhigte. Meinen Humor wusste sie anscheinend zu schätzen, denn sie lachte und das war besser als Tränen.  Zwischenzeitlich erschien der Spieß und machte Fotos von uns (heimlich) wie wir gespannt da standen und hofften es möge nicht noch länger dauern.

Dann ging ich aus dem vorderen Wartebereich und es dauerte genau noch eine Flasche ACE Schorle bis ich sah dass mein Mann von seinen Eltern und dem Bruder begrüßt wurde. Unwissend liefen sie zu uns hinaus. Mein Schatz wusste nicht dass ich am Flughafen sein würde. Er dachte Ich hätte keinen Urlaub bekommen und würde zu Hause auf ihn warten. Ich versteckte mich hinter einem seiner Kameraden und als er den Spieß begrüßt hatte trat ich nach vorn und sagte „Naaa, und was ist mit mir?!“  Seinen Blick werde Ich nicht vergessen. Die ersten Worte waren vielleicht nicht sonderlich aufschlussreich sie klangen in etwa so: „ Ähh, ähm ab..was  neee…“  und dann lagen wir uns in den Armen, nach vier langen Monaten.

Nun ist er seit 1,5 Wochen wieder in Deutschland, wieder zu Hause, wieder bei Mir. Ich muss gestehen, es ist noch etwas befremdlich. Aber wir sind auf einem guten Weg!

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3 Responses to Er ist wieder daheim: Leafs letzter Tagebucheintrag

  1. StFwdR on 13/12/2010 at 13:56

    Euch beiden alles gute für die Zukunft, eine gesegnete Weihnachtszeit und einen guten Rutsch in ein hoffentlich friedliches Jahr 2011.

  2. Daniel Lücking on 14/12/2010 at 10:54

    Schliesse mich dem StFwdR an 🙂 Alles Gute!

  3. Leaf on 14/12/2010 at 19:08

    Vielen Dank,
    dies wünsche Ich ebenfalls allen Lesern und Leserinnen des Afghanistan Blogs!
    Danke



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