Reportage: Dem Volk auf´s Maul geschaut…

15/08/2010
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(Videos) Eyesblog: dem Volk auf´s Maul geschaut – eigentlich eine Idee meines Technikblog-Admins Cartsen aus Berlin. Kurz drüber nachgedacht: habe ich eigentlich nichts besseres zu tun? Inneres Nachhaken: Nein, diese Woche nicht 😉 Außerdem wollte ich schon immer mal  einfach drauf los. Das Biken meine letzte Traumerfüllungssmaßnahme vor dem letzten Einsatz. Man weiß ja nie, ob man am Stück wieder nach Hause kommt.  Lappen zwei Wochen vor Einsatzbeginn bestanden. Schnell noch die ersten 2000 km heruntergeratzt. Jetzt über ein Jahr später also ein willkommener Anlass, den Traum endlich mal Realität werden zu lassen.

Seit drei Jahren bloggen wir hier nun schon und diskutieren den Afghanistan-Einsatz, analysieren die Medienberichterstattung über ihre mögliche Authentizität, tauschen Erfahrungen und Ansichten aus, sind uns unterm Strich einer Meinung, führen Feinschmeckerdebatten über Panzerhaubitzen, schlechte Materialausstattungen der Soldaten, über Einsatztransparenz. Soldatenangehörige „klagen“ ihr Leid über mangelnde Kongruenz zwischen den Erfahrungen ihrer Soldaten im Einsatz und den Berichten in den Medien. Im Prinzip wollen wir hier alle  Menschen für Sicherheitspolitik interessieren, denn: der Afghanistan-Einsatz geht uns alle an. Egal, ob wir ihn für gut oder schlecht befinden.

Fünf Jahre ist es nun schon her, dass Bundespräsident a.D. Horst Köhler vom freundlichen Desinteresse der Gesellschaft  an der Bundeswehr, auf einer Kommandeurstagung in Bonn, sprach. Heute scheint es schon fast ein unfreundliches Desinteresse zu sein: seit dem wir den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr Krieg nennen dürfen, die Sicherheitslage am Hindukusch immer unübersichtlicher wird, kapriziert sich die Medienberichterstattung weiterhin nur auf Tod und Terror, führt eine deutsche Debatte, die keine ist und in Deutschland fragt sich manch einer  Was sollen wir da eigentlich in Afghanistan?

Auch ich frage mich immer wieder, warum tue ich das, was ich hier tue. Ist es nicht eine vergeudete Lebenszeit? Trüge ich weiter meine Scheuklappen, wäre das Leben dann nicht einfacher? Dann müsste ich mir keine dummen Bemerkungen gefallen lassen wie Du bist doch selber Schuld, wenn du da runter gehst! Ich bemitleide diese Menschen, die sich eines solchen begrenzten Horizontes outen. Aber auch dieses Phänomen, scheint Alltag zu sein. Während Staastbürger in Uniform als verlängerter Arm der Politik in einen Einsatz geschickt werden, dessen Entwicklung absehbar war und Frauen und Männer aus unserer Mitte ihr Leben für eine internationale Politik riskieren, ist es eigentlich kaum zu glauben, dass sich dafür niemand interessieren will. Ja, wir lesen hin und wieder darüber in der Zeitung. Aber ist es wirklich so? Ich will es wissen und nehme mir einfach die Zeit dafür! Journalisten sollen sehen, hören, fühlen und schmecken – so habe ich es einmal gelernt. Aber: tägliche Medienhektik und der Kampf um Quoten und Auflagen gibt den Redakteuren kaum noch Zeit, sich selbst zu überzeugen von Meinungen und Stimmungen ihrer Leser und  Zuschauer.

eyesblog - mit dem Bike unterwegs in Deutschland und dem Volk aufs Maul geschaut. was fällt Ihnen zum Thema Afghanistan ein?

Knapp 800 Kilometer bin ich mit meinem Motorrad durch vier Bundesländer gefahren. Immer der Nase nach. Start in Bonn, quer durch die Eifel runter nach Trier, immer an der Mosel entlang bis in die Rhön – Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pflaz, Hessen und Bayern. Vier Bundesländer in vier Tagen, viele Gespräche, Begegnungen mit Menschen, die nicht in unserer Online Blog-Community zu Hause sind. Was denken sie über den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr?

Meine eyesblog Tour vom 9. bis 12. August 2010

Eyesblog – eine Reportage über freundliches Desinteresse

von Boris Barschow

Montag Morgen, 7:30 Uhr. Der Wecker klingelt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr – schließlich habe ich übers Wochenende das eyesblog ins Netz gestellt und das Projekt vorgestellt. Eine reine Selbstmaßnahme, um im letzten Moment nicht wieder vom fahrenden Zug abzuspringen. Auch ich brauche manchmal Druck von außen 😉 Kurz noch die Facebookseite gecheckt, der Nachbar von oben drüber meldet sich dort noch mit einer kurzen Nachricht, schöne Idee meint er. Rucksack gepackt, das iPhone geladen, rauf auf die Tanke: Reifendruck prüfen und dann ab ins Abenteuer. Das Navi programmiere ich auf grobe Richtung Trier, die älteste Stadt Deutschlands – vermeide Autobahnen und Kehrtwenden klicke ich noch an…

Tourentalismann

Die ersten Kilomater noch in heimatlichen Gefilden biege ich dann in Remagen rechts ab, immer bergauf Richtung Nürburgring. Der Berufsverkehr ist schon längst dort, wo er hingehört: in den Büros. Eine traumhafte Ruhe, freie Straßen, Kurven, Landschaften, auf die man nur viel zu selten schaut. Blauer Himmel, eine leichte Morgenfrische liegt  in der Luft…Wald so weit man schauen kann. Ziemlich schnell verfalle ich dem meditativen Cruisen wie es wohl jedem Motorradfahrer ergeht. Eine Sucht. Freiheit. Unabhängigkeit. Klasse. Davon habe ich immer geträumt. Wenn nur Carsten aus Berlin nicht gewesen wäre und mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hätte. Plötzlich beginne ich das Zweifeln. Soll ich die Menschen nicht doch lieber in Ruhe lassen? Was bringt das schon? Was ist, wenn es dieses freundliche Desinteresse wirlich gibt?  Gott sei Dank bringen mich die 180-Grad Kurven wieder in die richtige Spur. Ich fahre jetzt weiter. Sollte ich mich hier irgendwo um den Baum wickeln, findet mich hier bestimmt niemand so schnell. Für den Fall der Fälle habe ich mir dann doch lieber meine Hundemarke um den Hals gehängt. Damit man weiß, wer ich bin 😉

Plötzlich – ein Schild nach links: das Auge der Eifel. Die Pulvermaaar. Sie liegt einen Kilometer östlich von Gillenfeld (Vulkaneifelkreis) in einem ringsum von hohen Kraterwänden eingeschlossenen Kessel, 410 Meter über dem Meeresspiegel. Maare sind entstanden durch das hochexplosive Zusammentreffen von aufsteigenem, heißen Magma und Grundwasser. Heute ist es hier ein Naturfreibad. Kristallklares Wasser und ein Naherholungsgebiet. Wer rastet, der rostet, denke ich – ich muss da trotzdem hin. Vielleicht treffe ich ich dort die ersten Gesprächspartner.

Das Pulvermaar in der Vulkaneifel...

Als ich am kleinen Kiosk stehe und mir einen Kaffee bestelle, überlege ich noch, wie ich die Dame hinterm Thresen eigentlich ansprechen soll. Sonst bin ich ja immer mit einem Kamerateam „bewaffnet“ unterwegs und alle Erklärungen erübrigen sich. „Guten Tag, meine Name ist Boris Barschow, ich bin Journalist und Blogger und hätte ein paar Fragen an sie“, sage ich zu der ca. 60 Jahren alten Frau im Kittel. „Was sind Sie?“, fragt sie zurück.  „Äh…Journalist und Blogger.“ „Blogger, was ist das denn“, fragt sie zurück. „Es ist so“, beginne ich und ehe ich fortfahren kann , meint sie: „Ich mag keine Journalisten, für den Kaffee bekomme ich 1,90.“ Mmmh. Blöd. Die beiden älteren Herren unter dem Regenschirm gucken grinsend zu mir rüber. Also setze ich mich zu ihnen und stelle mich auch ihnen vor und probiere diesen etwas irritierenden Dialog zuvor zu erklären. „Ach, Sie waren in Afghanistan“, meint der eine, der andere fragt: „Wie ist es dann so?“  Ich beginne zu erzählen und nach einer gefühlten halben Stunde lasse ich die Katze aus dem Sack: „Was fällt Ihnen denn beim Stichwort Afghanistan so ein?“ Betretenes Schweigen. „Eigentlich nichts“, grummelt der eine. Ich erspare mir die Frage, ob ich die beiden Herren fürs eyesblog fotografieren darf, schlürfe meine Kaffee aus und schwinge mich wieder aufs Bike und fahre weiter. Das geht ja schon gut los, denke ich noch…Augen zu und durch – weiter Richtung Trier.

Der Dom in Trier

Hier in Trier muss man in der Altstadt selbst fürs Moped parken zahlen. Unglaublich! Nun erst mal nen Plan aushecken wie es weitergehen soll. Hier bleiben oder weiter ins nächste Kaff. Mal gucken, was das iPhone so aus der Umgebung ausspuckt? Was lesen ich gerade? Atomalarm im Ural???? Uff!!!!  Brauche sofort einen fernseher! Ich sitze in einem Restaurant auf der Domplatte und begutachte das hektische Treiben der Menschen. Am Rande der Fussgängerzone sind sie alle unterwegs: die Touristen und Berufstätigen. Womit die sich wohl geistig gerade beschäftigen, denke ich noch. Doch bevor ich mich in meine ersten Interviews stürze, muss ich erst mal eine Unterkunft finden und verschwinde in den Tiefen meines iPhones. Von Bikerhotels keine Spur hier. Die Pensionen in der Innenstadt alle ausgebucht. Mist. Schnell mal den Tischnachbarn gefragt und eine fünf Sterne-Empfehlung bekommen. Nein, das muss nicht sein, entgegne ich zurück. „Sind Sie auf großer Tour“, fragt mich der Mann und zeigt mit seinem Zeigefinger auf meinen Helm, der auf dem Tisch steht. „Ja.“ „Und was tragen Sie da für eine Plakette am Hals?“ Strike. Jetzt habe ich jemanden gefunden 😉 Kurze Erklärung, eyesblog und so, Journalist und Reservist, dem Volk aufs Maul geschaut. „Darf ich“, frage ich. „Eigentlich gerne, aber ich muss wieder ins Büro. Aus Afghnaistan hört man nicht viel Gutes, ich muss weiter. Hals und Beinbruch für Ihre Tour.“

Mein iPhone spuckt mir dieses Hotel aus. Kurzes Telefonat. Ich bin in 10 Minuten da. Am anderen Ende der Leitung ein älterer Herr, der mich noch verwundern wird.

Die Szenerie dieses kleinen Hotels erinnernt mich an einen Grusel-Thriller von David Lynch hätte hier eine passende Kulisse für eine wahnsinnige Geschichte. Lade gerade meinem Akku auf dem Zimmer. iPhone ist nicht immer praktisch 🙁 Anyway…Jetzt teppel ich mal runter zum Gastwirt, stelle mich vor und werde mein erstes Interview machen.

Meine beiden Gastgeber Jahrgang 1934! Er sitzt am Tisch neben dem Thresen, sie steht in der Küche und kocht. Ob ich mich dazu setzten dürfe, frage ich, ich hätte da gerne ein paar Fragen „Nein“, das hier ist der Tisch des Hauses, Sie können sich gerne woanders hinsetzten.“  Woow. „O.k.“  „Nein, man möchte hier nicht über Politik sprechen – nicht gut fürs Geschäft. Frage: “Was wissen Sie über Afghanistan?” “Mmmh, nicht viel. Der Volksfreund (Tageszeitung) berichtet manchmal darüber. Ob es gut ist, dass wir da unten sind? Keine Ahnung. Wir wissen ja heute noch nicht mal, warum der 1. Weltkrieg ausbrechen musste – vom zweiten ganz zu schweigen.” Seine Gattin hört zu und nickt.

Nein, hier komme ich nicht weiter. Man möchte nicht über Afghanistan reden. Als ich meine leere Kaffeetasse wieder an die Theke bringe und mich aufs Zimmer verabschiede, ruft er mir hinterher: “Wir waren hier früher schon immer Garnisionsstadt, wissen Sie, jetzt habe ich hier noch mein kleines unbedeutendes Hotel, das reicht mir. Über Politik sollen lieber die anderen reden.” Seine Frau nickt wieder und meint: “Frühstück gibt es von 06.30 bis 10.00 Uhr…” „Na, dann bis morgen“, sage ich und verschwinde wieder in die Innenstadt.

"Sie dürfen nur meinen Bus fotografieren."

Auf dem Weg dorthin komme ich an diesem Bus vorbei, dessen Fahrer offenbar gerade ein kleines Päuschen einlegt.  Er sitzt hinter seinem lenkrad, die Tür des Busses steht offen. Der ca. 50jährige macht einen entspannten Eindruck. „Wo wollen Sie denn hin?“, fragt er mich als ich an der Tür in seinem Blickfeld erscheine. Ich schildere ihm kurz mein Anliegen und erhalte eine überraschende Antwort: “Klar kann ich Ihnen etwas über Afghanistan erzählen, aber fotografieren dürfen Sie nur meinen Bus”, sagt mir dieser Busfahrer. “Ich bin im öffentlichen Dienst, da käme ein Foto bei diesem Thema nicht gut.” Abgemacht. “Wissen Sie, wir erfahren viel zu wenig über diesen Einsatz der Bundeswehr. Das wird enden wie damals in Vietnam oder wie für die Russen. Wäre ich heute noch Soldat und müsste darunter – ich würde meine Dienst quittieren! Passen Sie gut auf sich auf – ich bin auch Biker. Ich muss los, meine nächste Tour beginnt in 30 Sekunden.” Na super.

Als mir ein junger Mann in der Fußgängerzone vom dt. Videoring wenige Minuten später einen Flyer in die Hand drücken will, oute ich mich wieder als Blogger und Journalist. “Mein bester Freund hat in Afghanistan einen Kumpel verloren. Nee, hören Sie bitte auf, weiter zu fragen.” Er geht weiter.

Tja, nicht repräsentativ diese Aussagen, aber verblüfft bin ich schon über diese Zurückhaltung hier. Vielleicht muss ich meine Taktik ändern. Erst mal in ein banales Gespräch verwickeln und dann erst die Katze aus dem Sack lassen 😉 Das hat aber am Pulvermaar aber auch schon nicht funktioniert! Also weiter am Porta Nigra vorbei und ins nächste gut besuchte Cafè.

Doch auch hier keine bessere Ausbeute als zuvor - die Bedienung dieses Cafés hat ihre ganz besondere eigene Meinung: “Politik hat mich noch nieinteressiert, Afghanistan auch nicht. Ich weiss, dass das falsch ist, aber ich muss das ja nicht jedem sagen. Insofern tue ich damit auch niemandem weh und alles ist gut.” Foto? “Bitte nicht. Die Rechnung: 10 Euro 20 bitte.”

Auf diesen Schock hin beschließe ich, mir jetzt erst einmal Trier anzuschauen und verschwinde in der Masse der Menschen. Am Abend kehre ich übermüdet in eine Gastwirtschaft ein und kurz bevor ich sie nach einem guten Mahl wieder verlassen will, lerne ich zufälligWladimir, einen Taxifahrer, kennen. Er stammt aus Kiew, ist 32 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Seit 2004 lebt er in Deutschland. Vorher war er Leutnant der ukrainischen Nationalgarde.

Wladimir der Taxifahrer...

Wladimir ist der Erste, der mit mit über Afghanistan reden will. “Bei uns zollt man Afghanistan-Veteranen den grössten Respekt”, sagt er mit glänzenden Augen. Dennoch meint er, der Krieg in Afghanistan sei schon lange verloren. Wenn die USA damals nicht die Taliban unterstützt hätten, “hätten wir heute nicht das Problem.” Es seien bereits Hopfen und Malz verloren, davon ist der Ukrainer überzeugt. “Wahrscheinlich erhalten die in Pakistan lebenden Taliban ihre Waffen aus dem Iran, der in Russland einkauft”, grinst Wladimir. Auch von ihm darf ich kein Foto machen: “Wenn mich jemand erkennen würde, müsste ich mich um mich und meine Familie sorgen. Hier in der Gegend leben Menschen, die legen dem Koran sehr streng aus. Ich möchte keine Probleme bekommen.” Er hat seit 18 Uhr erst 58 Euro Umsatz gemacht. “Eigentlich kann ich mit die Pizza hier nicht leisten, aber ich habe heute noch nicht viel gegessen.” Das ist Leben pur. Abseits einer sicherheitspolitischen Mediendebatte über Ausstattungsmängel der Bundeswehr. Wladimirs Augen glänzen weiter: “Hey Mann, Du kannst stolz auf Dich sein. Du und die vielen anderen deutschen Soldaten, ihr macht das, weil es Euer Job ist. Meine Anerkennung habt ihr. Ich war Soldat und ich kenne russische Soldaten, die in Afghanistan waren. Sie haben es heute immer noch nicht leicht.” Wladimir würde gerne noch weiter reden, er muss weiter. Bis vier Uhr geht seine Schicht noch. “Wärest Du heute mit gefahren, Du hättest nicht bezahlen müssen.”Wir reichen uns die Hand – ein kräftiger Händedruck…”Pass auf Dich und Dein Bike auf.”

Nun gehe auch ich in meinem David Lynch Hotel auf Koje. Morgen geht es weiter Richtung Osten: 350 km Richtung Rhön. Gute Nacht...

Am nächsten Morgen erreicht die Tour einen ersten grotesken Höhepunkt. Das Personalamt der Bundeswehr meldet sich auf meinem Mobiltelefon. Aber das ist eine andere Geschichte – passt aber irgendwie zum Thema 😉 Bad Girl wartet schon in der Garage. Beim morgentlichen Wiedersehen mit dem Pensionbesitzer ernte ich beim Frühstück  nur verständnislose Blicke.  Ich schaue genauso verständnislos zurück, zahle und verdünnisiere mich. Jetzt warten schönstes Wetter, viele Kurven und schöne Aussichten auf mich. Wenn ich durch die Dörfer cruise, atme ich den Duft der Natur ein. Kühe auf grünen Wiesen, der Duft der diversen Räucherkammern, die auf Hochtouren laufen, sind eine reine Gaumenfreude. In Afghanistan haben wir nur selten Bäume, Gräser und blühende Landschaften gesehen. Ein Kontrast, der plötzlich das Hirn durchstreift. Weiter an der Mosel, durch die Weinberge. Herrlich. Irgendwie nimmt man sich im Leben für solchen Momente viel zu wenig Zeit.

Weiter Richtung Rhön. Fantastische 300 Kilometer liegen vor mir. Zeit zum Nachdenken und Revuepassierenlassen...

Auf dem Weg zu meinem Kumpel Mario in der Rhön treffe unterwegs während einer Rast den Biker Stephan. Er ist 20 Jahre alt, Abiturient. BMW´ler unter sich 😉 Er fährt ne 650 xChallenger, die Kleinversion meiner BMW für fiese Schlammratten. Stephan ist ein cooler Typ. Wollte immer zur Bundeswehr, die wollten ihn aber nicht haben, weil wachstumsbedingte Knieprobleme: ausgemustert (T5). Ein Drama damals für ihn – vielleicht hat er ja nach der BW-Struktureform und Abschaffung der Wehrpflicht eine neue Chance…soviele Menschen wollen heutzutage ja nicht freiwillig zum Bund…vielleicht kommen Zeiten, da nehmen die jeden 😉

Frage: Stephan, was fällt Dir bei Afghanistan als aller erste ein? “Für mich war das schon immer ein Kriegseinsatz. Dieses Gelaber von vor einigen Jahren – nach dem Motto “Brunnenbauen” – hat nun endlich ein Ende. Klar, hätte ich gerne meinen Dienst geleistet und wäre auch freiwillig nach Afghanistan gegangen…” Zwischenfrage: Aber? “Nichts aber, ich würde auch heute noch gehen wollen, auch, bei der derzeitgen Sicherheitslage am Hindukusch. Ich bin der Meinung, wenn man in einer Demokratie lebt, darf man nicht nur reden, sondern muss seinen Worten auch Taten folgen lassen. Für mich wäre das selbstverständlich.” Ich habe auch kein Problem, wenn Du mich fotografierst, so´n Schisser wie viele der anderen, die Du befragt hast, bin ich nicht. Jeder soll seine seine eigene Meinung haben, aber jeder sollte sich auch mal damit befassen,was wir da unten überhaupt tun. Meines Erachtens nach ist das , was ich in den Medien erfahre, nur die Hälfte einer Wahrheit, da muss doch noch mehr passieren als nur Mord und Todschlag, oder?”

Stephan ist mein erste Interview-Highlight und ich darf ihn sogar fotografieren.

Im Grunde genommen bin ich etwas gerührt von der Einstellung dieses jungen Mannes. Denn: viele seiner Freunde haben keinen Bock auf Bundeswehr und interessieren sich nicht für Sicherheitspolitik. Wir tauschen kurz die Bikes, drehen eine gemeinsame Runde. Stephan will jetzt auch den Afghanistan-Blog lesen. Charmanterweise erwähnt er im Nebensatz, dass er “Kabul, ich komme wieder” gelesen hätte. Wow. Und? “Ich habe es an einem Abend komplett gelesen…”

Ich fahre weiter. In der Nähe von Bad Brückenau lerne ich einen Soldaten kennen. Nächstes Interview, jetzt geht es aufeinmal Schlag auf Schlag. Ja, ich dürfe ihn auch fotografieren, damit habe er kein Problem. Er bereitet Bundeswehrsoldaten auf ihren Afghanistaneinsatz vor und war auch selber schon am Hindukusch. Spontan lädt er mich sogar zu einem Gespräch zu sich nach Hause ein. Klasse…

Josh ist Soldat. Ich darf ihn sogar fotografieren. Woow. Das freundliche Desinteresse der anderen Interviewten schockiert ihn nicht. “Wenn die Politik den Menschen mit der Salamitaktik begegnet, darf man sich nicht darüber wundern.” Er verurteilt diese Menschen nicht. Die Menschen können eben nur das lesen, was in der Zeitung steht. “Transparenz ist für viele noch ein neues Terrain”, sagt der Soldat Josh. Als ich ihm dazu meine persönlichen Ansichten schildere (Transparenz spüre ich dann, wenn sie vom Minister auch auf den Kasernenhof herunter dekliniert wird) unterbricht er mich: “Wenn ich das höre, muss ich an Glasnost und Perestroika denken.” Das wäre doch ne Superschlagzeile für den Minister…;-)

Als seine Frau von der Arbeit kommt, beschliessen wir, gemeinsam nach Fulda in ein indisches Restaurant zu fahren, um unsere Gespräche dort gemeinsam fortzuführen. Auch sie darf ich fotografieren. Es ist ihr Beruf. Vor ein paar Monaten war sie zwei Wochen in Indien unterwegs und war von der Armut der Menschen dort schockiert. Für sie ist das Thema Bundeswehr ein leidiges Thema. Denn: in ihrer Berufswelt sind die Menschen nur mit den schönen Dingen des lebens beschäftigt. Anja ist Fotomodel. Bundeswehr und Sicherheitspolitik findet in dieser welt nicht statt, meint Anja.

Anja wird beim Thema Afghanistan wird sehr ernst: “Mein Mann ist doch auch bei der Bundeswehr. Und wenn ich in meinem Job Menschen kennenlerne, die wissen wollen, was er beruflich macht, dann läuft bei den Menschen das komplette Klischeeprogramm ab. Was, nen Bundeswehrler, das geht doch gar nicht…und so weiter und sofort. Ich bekomme dann immer wieder einen Hals.” Für sie gehört Afghanistan zum Alltag, nicht zuletzt deswegen, weil ihr Mann auch schon dort war und hier in Deutschland andere Soldaten auf ihren Einsatz vorbereitet. “Und einige von ihnen sind nicht lebendig wieder in die Heimat zurück gekommen. Darüber sollten sich die Menschen hierzulande auch mal Gedanken machen.”

Der Abend wird lang und wir haben uns sehr viel zu erzählen. Josh bietet mir freundlicherweise das Gästezimmer an. Wenn ich nichts gegen katzen hätte, dürfe ich bleiben. Habe ich zwar, aber nur wegen meiner Allergie. Habe die beiden Viehcher dennoch irgendwie in mein Herz geschlossen. peterle, der Jüngere, wich nicht mehr von meiner Seite 😉

Peterle, die kleine Bestie, wollte mich am nächsten Morgen gar nicht wieder weglassen oder er wollte endlich auch mal Motorrad fahren 😉 und mummelt sich in meine tasche ein...

Nach dem Frühstück mit Anja und Josh geht´s weiter. Vielen Dank für Eure gastfreundschaft ihr Zwei. Drei Ortschaften später am Ziel, in der Nähe eines Bundeswehrstandortes in Wildflecken. Vielleicht sind die Menschen hier etwas aufgeschlossener. Schließlich arbeiten viele von hier dort, wo die Bundeswehr unter anderem ihre Kontingente auf den Afghanistaneinsatz vorbereitet. Auch ich habe hier einige Lehrgänge absolviert. Mario bin ich das letzte mal in Afghanistan begegnet. Spontan stehe ich vor seiner Hautür und falle mit selbiger ins Haus. Die Wiedersehensfreude ist groß. „Coole sache, was Du da machst mein Lieber“, meint der ehemalige Volksmarinesoldat.

Mein Kumpel und Kamerad Mario, der ehemalige Bundesbubenjäger der DDR Volksmarine und nun passionierter Bundeswehr Reservist: “Das Leben mancher findet nur von der Tapete bis zur Wand statt. Diese gesellschaftliche Ignoranz finde ich traurig. Ein Armutszeugnis. Früher hatten wir einen klaren Auftrag im Kalten Krieg - heute pfuschen viel zu viele Politiker aller Ebenen oder auch Kommandobehörden im AFG- Einsatz mit herum, haben aber von Militär keine Ahnung…Hauptsache die Papierlage stimmt…was soll davon der Soldat im Einsatz halten, der immer mehr gegen deutsche Bürokratie kämpfen muss und nicht gegen irrsinnige Vorschriften verstossen darf, die sich Verwaltungsbeamte ausgedacht haben, die noch nie im Einsatzland waren. Ich bin stolz auf meine Einsätze und die, die das nicht verstehen können oder wollen, sind die ersten, die schreien, wenn man das Land wieder sich selbst überlässt Und dadurch die nächste Flüchtlingswelle ausgelöst wird.”

„Warum zeigt ihr Fernsehfuzzies eigentlich die wichtigen Filme über Afghanistan eigentlich immer so spät?“, fragt mich Mario vorwurfsvoll. „Meinst Du, die Leute bleiben so lange wach, warum zeigt ihr sowas nicht mal zur besten Sendezeit? Kein Wunder, dass sich kein Arsch für Bundeswehr, Afghnaistan und Sicherheitspolitik interessiert.“ Ich würde ihm gerne eine nachvollziehbare Antwort geben, mir fällt aber keine ein 🙁

Plötzlich hält er mir die TV-Zeitschrift unter die Nase. "Hier, sowas zum Beispiel. Alle reden über die schlechte Polizeiausbildung in Afghanistan, wann kommt die Reportage? Um 23 Uhr 30. Wunderbar." Als ich ihm erzähle, dass sie wohl bald auf PHOENIX wiederholt wird, klopft er mir auf die Schulter: "Versprochen?" Versprochen, ich schaue, was ich tun kann...

Als wir uns auf den Weg nach Bad Brückenau zum Essen machen, treffen wir draußen seinen Nachbarn Helmut. iPhone-Interview? „Damit habe ich kein Problem.“ Sehr gut, dann lassen Sie uns anfangen. danach laufen mir noch Angelika und Lutz über den Weg. Ich bin baff. Hier scheinen die Menschen nicht so zugeknöpft zu sein, wenn es um Afghanistan geht:

Am nächsten Morgen geht es zurück Richtung Heimat. Nach einem Monsunregen schwinge ich mich aufs Bike, um endlich mal wieder  eine UMTS-Zone zu erreichen, damit ich meine Posts hochladen kann. Zufrieden mit der Ausbeute fahre ich durch die Serpentinen in der Rhön Richtung Autobahn und ertappe mich dabei wie ich ab Tempo 160 beginne „Wir lagen vor Madagaskar“ zu singen. Geht das anderen Motorradfahrern auch so oder habe ich einen an der Waffel? 😉

Als ich nach einem heftigen Hagelschauer endlich wieder UMTS-Gebiet erreiche, verzweifle ich fast, weil die iPhone-Technik nicht funktioniert. Ich hocke mich ins nächste Café und rufe Leaf an, die Soldatengattin, deren Mann gerade in Afghanistan ist. Leaf schreibt seit einigen Wochen ein Live-Tagebuch hier in meinem Blog. Wir hatten uns über Facebook kennengelernt, haben uns aber noch nie gesprochen oder gesehen. Vielleicht jetzt ein richtiger Zeitpunkt, sich endlich mal persönlich kennenzulernen? Schnell ein Anruf. „Ich bin ich in 1,5 Stunden bei Dir“, antwortet die 25-jährige. Im eyesblog schreibe ich natürlich nicht, in welcher Stadt wir uns treffen. Ich möchte Leafs identität schützen, damit sie und ihr Mann keine Probleme bekommen.

Seit der Abreise ihres Mannes schreibt Leaf eine Art Live-Tagebuch in meinem Blog, während ihr Mann im Einsatz ist. Leaf hatte mich vor einiger Zeit bei Facebook angemailt und schrieb mir, dass sie das AFG-Blog zu schätzen wisse und bat mich, damit weiter zu machen - auch würde sie dabei gerne mithelfen. Also machte ich ihr das Angebot, dieses Tagebuch zu schreiben. Schreiben macht einen klaren Kopf - das kenne ich selber - so könne sie vielleicht die langen Monate des Einsatzes ihes Mannes besser überstehen und sie helfe damit vielleicht auch anderen Angehörigen, die ähnliche Gedanken und Ängste haben. Das Problem war nur: ich kannte Leaf nicht persönlich, wir hatten nie miteinander telefoniert. Da waren sich zwei Menschen im Netz begenet, die beide nicht wussten, ob der andere auch der ist, für den er sich ausgibt. Anyway…lange Rede gar kein Sinn: jetzt weiß ich, dass sie sie ist und sie weiß, dass ich ich bin. So einfach ist das. Nicht, dass ich mir noch vorhalten lassen muss, ich täte mir dieses Tagebuch selber aus den Fingern saugen…oder ich wäre einem Schlapphut aufgessen 😉 Einige Stunden haben wir uns unterhalten und ich muss sagen: Leaf ist eine starke Frau, die das erste mal einen Einsatz “mitmacht”, während das für ihr Herzblatt nicht der erste ist. Sie und ihr Mann hatten sich geschworen, nicht zu weinen. An einem der Abschiedstage verschwand ihr Mann während einer Standortfeier in seinem Dienstzimmer und Tränen liefen aus seinen Augen. Dieses Schilderung sehr ergreifend. Leaf hatte mir gestattet, diese Szene hier zu beschreiben. Später offenbarte er sich ihr und gestand seiner Frau ein, dass er Angst habe…

Das Treffen mit Leaf war das I-Tüpfelchen meiner viertägigen Bikertour durch vier Bundesländer. Ich war in NRW, Rheinland-Pfalz, Hessen und Bayern unterwegs. Knapp 800 Kilometer bin ich mit dem Motorrad gefahren und ich war skeptisch, was dieses Projekt angeht. Dem Volk aufs Maul geschaut… ja…es war teilweise ernüchternd, es war aber auch überraschend, es machte nachdenklich…es war richtig, dies zu tun. Selber mit den Menschen reden, die sonst niemand fragt, die nicht in der sicherheitspolitischen Onlinewelt daheim sind oder dort mitreden. Meine Gesprächsergebnisse (hoffentlich) nicht repräsentativ. Ich habe selber erlebt wie desinteressiert die Gesellschaft sein kann. Und mit einigem Einsatzabstand hat mir die Kälte mancher Menschen ein Gänsehaut bereitet.

Als ich nach dem Treffen mit Leaf daheim wieder ankomme, finde ich schon ihren nächsten Tagebucheintrag in meiner Mailbox:

Ich eiere also in einer wildfremden Stadt herum und suche ein Café. Mein Navi leitet mich zwar schon sehr gut, nur irgendwie ist da, wo es meint, das Ziel sei erreicht, nichts, außer ein Parkplatz und viele Bäume. Ich wunderte mich doch schon sehr, aber ich bin ja kein Navi. Also hab ich ihm vertraut und das Auto geparkt. (Parken nur mit Anwohnerausweis… toll, das fehlte mir dann auch noch!) Ich lief um ein großes Gebäude herum und entdeckte das Café, welches ich gesucht hatte. Naja sooo falsch lag das Navi nicht. Im Café wartete Boris Barschow auf mich. Er wollte mich kennenlernen, hätte ja genauso gut sein können, dass ich überhaupt nicht existiere, eine Fiktion meiner selbst. Man weiß ja nie, wer so durchs Internet geistert und irgendwelche Persönlichkeiten vorgibt, die dieser zu sein scheint. Recht hat er, wer weiß, welch böser Bube hinter meiner „Fassade“ steckt? Natürlich steckt kein Bube dahinter, sondern ich, Leaf, Strohwitwe oder wie man das nennen mag. (…)

Kannte diesen Mann genauso wenig wie er mich, wusste nicht, worauf ich mich einlasse, wer im Endeffekt nun tatsächlich dort im Café auf mich wartet, ob mir diese Person auch im realen Leben sympathisch ist und ich mich dieser offenbaren werde. Ich habe ja quasi meine Maske abgenommen… Aber ich denke es war ein wichtiger Schritt für uns Bbide und ich werde mich gerne wieder mit ihm treffen. Danke Boris! (Leafs kompletten Tagebucheintrag können Sie hier lesen)

Eyesblog – dem Volk aufs Maul geschaut. Ein spontanes Projekt. Ein Leser mailte mir unterwegs: „Sowas hat es meines Erachtens nach ich noch nie gegeben. Zumindest habe ich in den zeitungen darüber noch nichts erfahren. Danke für Ihr Engagement, Herr Barschow.“ Danke ebenfalls. Und wenn Sie wissen möchten, wie es weiter geht, dann sage ich, ich werde irgendwann wieder losfahren und weiterfragen.

Haben Sie ein iPhone oder ein anderes Gerät, mit dem Sie Interviews aufzeichnen können? Dann mailen Sie mir an admin@afghanistan-blog.de und ich veröffentliche Ihre Interviews dann hier im Blog. User generated content. Und wer das nächste Mal mitfahren möchte, darf sich auch gerne melden…


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10 Responses to Reportage: Dem Volk auf´s Maul geschaut…

  1. carsten on 15/08/2010 at 19:28

    Yep, cool, Danke Dir, habe gut gelacht!So habe ich es mir auch gedacht, irgendwie typisch DEUTSCH.

  2. Helga D. on 16/08/2010 at 09:15

    Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass die deutsche Gesellschaft nicht nur „höflich desinteressiert“ ist, sondern „dumm-ignorant“ oder „vermeintlich strategisch/politisch allwissend“!

    Supertreffend der Ausspruch von Mario: Das Leben mancher findet nur zwischen Tapete und Wand statt! Besser geht es nicht.

    Haben sich noch eine Handvoll Menschen im meinem Umfeld dafür interessiert, ob mein Soldat wieder heil nach Hause gekommen ist – hat noch niemand gefragt, wie es ihm oder vielleicht auch mir jetzt geht oder was man zu berichten hat…

    Am Rande eines Kirchweihfestes und in einem munteren Gespräch über „alte Schlager und Evergreens“ einiger nicht mehr taufrischer Menschen, erwähnte ich u. a. das Lied „Lilli Marleen“ und dass dies heute noch in Radio Andernach als „Zapfenstreich“ gespielt wird – Entsetzen, Drittes Reich, so etwas heute in der Bundeswehr etc. pp – mir verschlug es die Sprache und das will etwas heißen. Plötzlich strategischer und politischer Austausch der akademischen Männer am Tisch, was in Afghanistan los ist, wieso und warum alles keinen Sinn hat, was „wirklich dahintersteckt“ blablabla – alle wussten Bescheid!
    Keiner kam auf die Idee, mal vielleicht Menschen zu fragen, die etwas „mehr“ dazu hätten beitragen können, die über „Insider“-Berichte verfügen. Fazit: Um nicht „völlig auszurasten“ ob dieser „Dummheit“ und „Klugscheißerei“ haben wir wort- und grußlos die Gesellschaft verlassen – draußen vor der Tür hatte ich das gleichzeitige Gefühl, ich müsse mich übergeben und gleichzeitig stößt mir jemand ein Messer ins Herz. Zu frisch sind noch die vielen Monate der Angst und Sorge, der authentischen Bilder und Berichte meines Soldaten.

    Ich kann jeden Tag mehr nachvollziehen, warum die SoldatInnen kaum etwas erzählen wollen – mir geht es doch nicht anders: Ihr (die Gesellschaft) habt doch alle keine Ahnung und davon viel!!! Und die gefährliche Mischung von „Dummheit und Arroganz“ ist eine ganz besondere weit verbreitete Spezies in unserer Gesellschaft!

    Haue ich auch gerne mal auf „die Medien“ drauf, aber die breite Masse will ja gar nicht wissen – wie gesagt, deren Leben passt nur zwischen Wand und Tapete und nicht nur in Sachen Afghanistan! Dass man damit den Politikern leichtes Spiel bietet, mit uns allen machen und belügen zu können, wie sie wollen, haben sie immer noch nicht durchschaut. Sind wir Deutschen mittlerweile „verblödet“ oder geht es uns nur „zu gut“, wo sind die jungen Menschen, die verändern wollen, die dies auf der Straße auch zeigen? Gibt es für „die Zukunft Deutschlands“ heutzutage nur noch Love Parade, Christopher Street Day, DSDS, Publik Viewing u. ä.? Normale Herausforderungen des Alltags und Probleme des Lebens werden zu- und weggedröhnt mit Alk und Speed, oder sich in der „sozialen Hängematte umgedreht“, dann wird aber selbstverständlich nach dem Staat und der Solidargesellschaft gerufen, die ihnen „die Stirn kühlen und das Händchen halten“ sollen.
    Leben eben zwischen Tapete und Wand…

  3. jugendoffizier on 16/08/2010 at 18:15

    Ich bin jeden Tag unterwegs, um über Sicherheitspolitik mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – von Berufswegen sozusagen.
    Und ich kann zum Glück sagen, dass ich zumeist mit interessierten Menschen zu tun habe, die mir gerne zuhören und sogar auch noch austauschen möchten. Jedoch muss auch ich mich immer wieder mit den „besser wissenden“ auseinander setzen. Diese Menschen waren niemals in Afghanistan und haben vermutlich noch niemals einen Menschen aus diesem Land kennen gelernt – ich durfte dies sehr intensiv sogar.
    Und dennoch wissen sie alles besser und es ist manchmal wirklich schwierig, die Fassung zu behalten.

  4. Jenni Thier on 17/08/2010 at 01:12

    Liebe Helga,
    ich kann verstehen, wenn sie aufgrund der erlebten Begegnungen frustriert sind. Aber Pauschalisierungen – gerade gegen die Jungend – lösen das Problem auch nicht. Es muss auch eine Sensibilisierung für das Thema Afghanistan stattfinden, sei es durch die Politik, Medien oder in den Schulen. Sonst kann einfach kein gesteigertes Interesse bestehen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es eigentlich immer Interesse weckt und zum Denken anregt, wenn jemand vor einem steht, der authentisch über ein Thema berichten kann. Da die Politik als authentischer Vertreter seit einiger Zeit nicht mehr wirklich in Frage kommt, muss dies also durch die Medien und direkt Betroffenen geschehen. Durch gut recherchierte Filme wie z.B. „Nacht vor Augen“, der ja heute nacht in der ARD lief, kann eine solche Senibilisierung vorangetrieben werden. Man könnte auch eventuell darüber nachdenken, dass z.B. Soldaten mit Afghanistanerfahrung mit interessierten Schulen zusammenarbeiten (z.B. während Projektwochen oder im Rahmen des Politikunterrichts) und dort von ihren Erlebnissen und Erfahrungen berichten. Das ist meiner Meinung nach ein sinnvollerer Ansatz, als zu resignieren und sämliche Menschen in der Gesellschaft über einen Kamm zu scheren.

  5. Helga D. on 17/08/2010 at 09:18

    Liebe Jenni,

    gute Gedankenansätze von Ihnen – habe ich mit verschiedenen Betroffenen schon mehrfach versucht! Schulen, Lehrer winken ganz schnell ab – zu heikel! Selbst Solidaritätsbekundungen wie das Malen von Bildern, die man an die Soldaten in den Einsatz schicken könnte, werden verschreckt von Kindergärten und Schulen – vor allem aber von den Eltern – abgelehnt „mit so was will man lieber nichts zu tun haben.“ Kontaktversuche mit einer in der Nähe befindlichen Fachhochschule mussten leider auch wegen Nichtinteresse abgebrochen werden. In privaten „Aufklärungsarbeiten“ in Gesprächen mit Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen, aber auch älteren Semestern wird man wie ein „Außerirdischer“ betrachtet, „wie ist die denn drauf, Soldaten, Krieg?“

    Dies sind leider nicht nur meine persönlichen Erfahrungen, sondern dies kommt in Berichten von Süd nach Nord, von West nach Ost innerhalb unseres Netzwerkes immer wieder zu Tage.
    Und diese Erfahrungen betreffen leider die gesamte politische Landschaft in Deutschland, nicht nur, wenn es um den Krieg geht. Es sei denn, es geht jemandem persönlich an die Geldbörse und/oder die Bequemlichkeit.

    Von Resignation meinerseits kann auch keine Rede sein, ich versuche nur, meine „Energie“ Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen dort einzubringen, wo man auch gehört werden will und das sind überraschenderweise nicht die Menschen, die ein „Diplom“ in der Tasche haben, sondern die über gesunden Menschenverstand und Herz verfügen, wie z. B. die Kassiererin im Supermarkt oder die Zeitungsfrau, bei der man monatelang die Zeitung für den Soldaten im Einsatz gekauft hat. Viele mit „Diplom“ wollen nichts wissen, denn die wissen doch schon alles und wie gesagt auch noch besser – zu dieser Sparte gehören übrigens auch viele Soldaten, die noch nie in einem Einsatz waren! Auch dies leider eine gemeinsame und „traurige“ Erfahrung von Betroffenen.

    Ob „Nacht vor Augen“ und ähnliche Filme, gut recheriert sind, stelle ich mal dahin. Ich habe diesen Film vor Monaten kopfschüttelnd ausgemacht, ich habe die „Realität vor Augen“, Bilder, Filme und Berichte von denen, die die Hauptakteure in diesem Krieg sind. Aber die Betroffenen als „authentische Vertreter“ dürfen ja nicht zu Wort kommen – da sorgt schon die Politik und vor allem der Dienstherr selber für! Schon vergessen, wie schnell heutzutage ein General von der Bildfläche verschwindet, wenn er sich wagt, unbequeme Fragen zu stellen? Meinen Sie, da setzt ein kleiner Unteroffizier seine und die Existenz seiner Familie aufs Spiel? Auch kein Chefredakteur einer Zeitung oder Intendant eines Fernsehsenders wird wegen unbequemer Wahrheiten seine Karriere aufs Spiel setzen. Also bleiben die Wahrheiten weiterhin im endlosen Geröll und Sand oder auch Kunduz River Afghanistans…

    Versuchen Sie selbst Ihr Glück mit der Übermittlung von Wahrheiten – sofern Sie über authentische Berichte der Betroffenen verfügen – ich würde mich freuen, wenn Sie hier über Erfolge berichten können. Sie suchen die Stecknadel im Heuhafen, aber es gibt sie tatsächlich, aber meistens nicht da, wo man sie vermutet. Viel Glück bei der Suche 😉

  6. Klaus on 17/08/2010 at 10:07

    Meine Frustrationserfahrungen:

    Nachbarschaft – Null Interesse und auch Ahnung, Freunde – bis zu einem gewissen Grad, nur nicht überstrapazieren, Bekannte – „lebt er noch, der Soldat“, Parteikollegen – „kein Thema“, Kollegen – dumme Sprüche wie „da haben wir nichts verloren, selber schuld, wenn man Soldat wird, die gehen doch alle freiwillig hin, die kriegen doch alle viel Kohle dafür“.
    Die Kameradschaft der ehem. Soldaten und Reservisten lauscht lieber den Reiseberichten eines Reservisten mit dem Glacier-Express und sollte in einer Unterhaltung doch mal am Rande das Thema Afghanistan/Bw angesprochen werden, dann ergreift der pensionierte General, der zwischen den Kriegen seinen ruhigen Dienst versehen hat, sofort das Wort und erklärt, wie sich alles verhält bzw. zu verhalten hat und bezeichnet die Kriegsberichte der Soldaten aus den Einsatzgebieten als „dummes Geschwätz“.
    Ebenso die Gattin eines ehem. Generals, die ein soziales Hobby sucht und sich im Familienbetreuungszentrum als tätschelndes Händchen betätigt. Kommentiert unseren Austausch mit „muss ich alles meinen Mann fragen“, um dann beim nächsten Mal mit „mein Mann hat gesagt, das ist alles soundso, und das, was Sie hier sagen, kann gar nicht sein, also mein Mann muss das schließlich ja wissen“ – ja, muss er? Auf genaues Nachfragen erfuhren wir, auch ein „General der Glückseligen“, die zwar beim Diskutieren funkelnde Strategenaugen kriegen, aber niemals auch nur einen Tag im Einsatz waren. Klar, der weiß Bescheid!

    Und die mir gegenüber wohnende Studenten-Wohngemeinschaft, die will auch nichts wissen, die hat auch keine Zeit, weil tags sind die Rolläden zu und nachts die Lichter an – wir treffen uns nie, wenn wir aufstehen, gehen die schlafen.

    Der Versuch, über befreundete Lehrer mit dem Thema an die Schüler zu gehen, wurde mit dem Hinweis auf sich brüskierende Eltern abgetan. „Das verträgt sich nicht mit den Idealen unserer Schule, wir propagieren den Frieden, nicht den Krieg…“

    Aber es darf ja jeder seine persönlichen Erfahrungen machen – mal sehen, wie schnell die „Frustrationsgrenze“ erreicht ist.

  7. Jugendoffizier on 17/08/2010 at 10:45

    Die Idee mit den erfahrenen Soldaten, die in interessierten Schulen zur Sicherheitspolitik vortragen halte ich persönlich für hervorragend. Jedoch sehe ich auch die Reaktion darauf, wenn die Bundeswehr Kooperationsabkommen mit den Kultusministerien schließt, die inhaltlich zur bisherigen Praxis der Kooperation ja nichts neues bringen. Auch vorher waren Jugendoffiziere bereits in den Schulen unterwegs.
    Man schaue sich allein die Reaktion der GEW (eine Lehrerinteressensvertretung) auf diese Kooperation an…

  8. J.R. on 17/08/2010 at 17:46

    Zum Schlagwort „Sensibilisierung für das Thema Afghanistan“:
    Meist geht es dabei doch „nur“ um Empathie für die Soldaten. An einer sicherheitspolitischen Diskussion besteht da – so ist zumindest mein Eindruck – eben meist kein Interesse. Spätestens wenn man anfängt die Bundeswehr zu hinterfragen (etwa in Hinblick auf die hohen Kosten und die geringe Wirkung) gehört man automatisch zu den linksideologischen Besserwissern, die sich doch bitte selbst mal beschießen lassen sollen bevor sie den Mund aufmachen. 😉

    Ganz allgemein zum „Interesse wecken“, gerade mit Bundeswehr-Angestellten an Schulen:
    Die Leute merken, wenn man ihnen was verkaufen will – Sich zu wundern, wenn auf hauptberufliche Lobbyisten mit Skepsis reagiert wird finde ich schon etwas seltsam. Das heißt nichtmal, dass diese persönlich ideologisierte Betonköpfe sein müssen. Aber das sind die Pressesprecher von Atomkraftwerken ja auch nicht. Trotzdem ist die Agenda dahinter klar.

    Deutlich besser käme es wohl an, wenn nicht nur eine Seite der Medaille vermittelt würde.
    Das fängt mit dem Brigadegeneral A.D. an, der nebenbei noch für CASH wirbt. Da erhofft man sich viel eher realitätsnahe Einblicke und „ungesponnene“ Informationen, und sojemand kriegt dann auch eine Uni-Aula gefüllt.
    Noch besser wären vermutlich mehrere Experten, die ein Thema – etwa Afghanistan – aus möglichst vielen Blickwinkeln beleuchten. Das müßten nichtmal Gegner des Bundeswehreinsatzes sein. Aber gerade eine Perspektive von jenseits der Feldlager – ob durch Afghanen, NGOs oder Journalisten – könnte helfen dass die Leute sich wirklich einen verwertbaren Informationsgewinn von einer solchen Veranstaltung versprechen.

    Und selbst wenn es solche Veranstaltungen gibt, dann kommt noch hinzu dass sie meist recht miserabel beworben werden. Wenn zum Beispiel eine parteinahe Stiftung eine solche „Expertenrunde“ abhält, dann wird das meist kaum jenseits der eigenen Publikationen beworben; mit Glück gibt es vielleicht noch irgendwo eine kurze Notiz im hinteren Teil der Lokalzeitung. Selbst Rundfunkanstalten als Veranstalter werben für soetwas oft nicht im eigenen Programm (anders als etwa bei Konzerten).
    Entsprechend zufällig erfährt man überhaupt davon (oder eben nicht). Hier fehlt es imho oft an Multiplikatoren, die regional auf solche nicht-einseitigen politischen Veranstaltungen hinweisen. Noch besser wäre natürlich ein direkter Draht zu den Lehrern, und eine Schulstruktur die den Besuch solcher Veranstaltungen fördert statt erschwert…



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