Naser Ahmadi: „Das Schachspiel Afghanistan…“

05/02/2012
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Heute darf ich Ihnen einen Artikel des afghanischen Journalisten Naser Ahmadi präsentieren. Das freut mich besonders, da sich nun endlich auch afghanische Journalisten in die aktuelle Diskussion um eine Zukunft für Afghanistan einmischen. Taschakor Naser jan. Naser arbeitete von 2005 bis 2009 als Nachrichtensprecher und als Redakteur für den afghanischen Fernsehsender Ariana TV und lebt nun hier in Deutschland. Somit bekommen wir jetzt eine afghanische Perspektive auf die aktuellen Entwicklungen. Sicherheitspolitik, Nachrichten, Meinungen und andere Blickwinkel…das Blog soll eine Plattform für alle sein, die sich für die Afghanistandebatte interessieren.

Naser Ahmadi, Journalist, Ariana TV

Die Rolle von Deutschland  beim komplexen Schachspiel in Afghanistan
von Naser Ahmadi 

Nach der Vertreibung der Taliban sollte Afghanistan Frieden, Demokratie und Wohlstand erhalten, aber diese Werte sind immer noch ein Traum geblieben. Diese Situation ist das Ergebnis des großen Fehlers der internationalen Gemeinschaft: diese beschloss im Jahr 2001 im Bonner Abkommen, statt mit den liberalen und demokratischen Gruppierungen aus Afghanistan, mit den Warlords, Kriegsverbrechern und Verletzern der  Menschenrechte zusammen zu arbeiten. Das war ein großer Fehler.

Nach der Bonner Konferenz

Heute, elf Jahre nach der Bonner Konferenz  beherrschen immer noch Krieg, Armut, Drogenhandel und Korruption den Alltag der Menschen. Die  ausländischen  und afghanischen Soldaten sind nicht in der Lage, für die Sicherheit im Land zu sorgen. Milliarden Dollar der internationalen Hilfe für Afghanistan sind durch Korruption verschwunden.

Die Macht der Taliban und ihrer Verbündeten hat dramatisch zugenommen. Leider müssen Bürger von Afghanistan und die Steuerzahler von Europa und Amerika die Kosten für diese Fehler tragen. Außerdem werden immer mehr Menschen getötet.

Wiederholung des gleichen Fehlers

Geheimverhandlungen mit Taliban

Zusammenarbeit mit  den angeklagten Gruppierungen

In Afghanistan haben wir ein Sprichwort: ‚AzmodaraAzmodadkhatast’.  Im übertragenen Sinne bedeutet das: ‚ Es ist ein Fehler, jemanden lehren zu wollen, der schon weist’.

Heutzutage versucht Deutschland die Lage in Afghanistan durch politischen Maßnahmen zu verbessern. Laut einem Bericht von Spiegel online am 10.01.2012 eröffnet die deutsche Diplomatie einen Weg für Taliban und Amerikaner, wodurch zum ersten Mal Friedenhandlungen mit den Taliban möglich wurden. Gerade eröffneten die  USA und Deutschland eine Botschaft in Katar für Taliban. Hier werden Geheimverhandlungen geführt, an denen weder staatliche noch zivilgesellschaftliche Organisationen aus Afghanistan teilnehmen, obwohl über  das Schicksal von Afghanistan entschieden werden soll..

Gleichzeitig Taliban erklärten den Medien  sie werden ihre Militäraktionen nicht einstellen, auch wenn sie ein Büro in Katar eröffnen lassen. Sie sind der Ansicht, dass   dieser Schritt nicht das Ende ihres Kampfes  bedeutet.

Außerdem lud die Bundesregierung die Oppositionsgruppen von Hamed Karzai, dem afghanischen Präsidenten vor kurzem nach  Berlin ein und sprach mit Ihnen über die  Veränderung des politischen Systems von Afghanistan. Die Leute die von Berlin eingeladen wurden, sind wegen  Kriegsverbrechen und  Menschenrechtsverletzungen angeklagt. Diese Gruppierungen sprachen sowohl mit  amerikanischen als auch mit deutschen Abgeordneten  über die Zukunft von Afghanistan nach dem Jahr 2014. Das Jahr 2014 ist sehr wichtig und bedeutsam   für Afghanistan, weil in diesem Jahr die internationalen Soldaten abziehen werden und die afghanische Bevölkerung  in der Zwischenzeit einen neuen Präsidenten gewählt haben werden.

Angesichts der neuen Politik und Strategie der internationalen Gemeinschaften – vor allem von Amerika und Deutschland – für Afghanistan, kommt man zum Ergebnis, dass wieder die gleichen Fehler wie 2001 begangen werden.

Man sollte aus den Erfahrungen lernen und deshalb sollte Deutschland  seine Politik für Afghanistan korrigieren. Es ist sehr gefährlich mit denselben Leuten zusammen zu arbeiten, die schon ein schlechtes Erbe hinterlassen haben. 

Wenn Deutschland wirklich den Frieden in Afghanistan will, muss es sich mit den demokratischen und liberalen Gruppierungen des unterhalten und sie als seine strategischen  Partner wählen.

Nur so kann es gelingen einen demokratischen Staat in Afghanistan zu gründen und zu etablieren. Wenn dies nicht gelingt, müssen  die Deutschen  damit rechnen, dass ihre Truppen noch lange in Afghanistan eingesetzt bleiben sollen und viele Soldaten Opfer einer  vergeblichen Mission werden.

Diese Gruppierungen existieren  immer noch in Afghanistan und im Ausland, aber da die Machtverhältnisse immer noch von Warlords geregelt werden, haben diese leider keine Chance. Sie sind hochqualifizierte Experten  und denken für Freiheit, Unabhängigkeit, Entwicklung und Gemeinwohl  in Afghanistan.

Sehen Sie eines von vielen Interviews von Naser Ahmadi auf Ariana TV:

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4 Responses to Naser Ahmadi: „Das Schachspiel Afghanistan…“

  1. Georg on 08/02/2012 at 22:30

    Sehr geehrter Herr Ahmadi,

    ihr Einsatz für die freiheitlichen und demokratischen Kräfte in Afghanistan ist löblich und anerkennenswert. Leider ist die politische und militärische Machtverteilung anders gelagert. Wenn man 2001 wirklich ein demokratisches AFG gewollt hätte, dann hätten die westlichen Nationen nicht einer Staatsform in Form einer „Islamischen Republik“ mit der Scharia als Gesetz zustimmen dürfen. Die Staatsform einer „islamischen Republik“ und Freiheit und Demokratie schließen sich in den allermeisten Ländern gegeneinander aus.

    Ja, der Westen hat 2001 einen Fehler gemacht. Er hat sich von den Taliban in einen massiven Militäreinsatz in AFG locken lassen. Der Kampf gegen Al Kaida und die Taliban mit den Kräften der Nordallianz und den Spezialtruppen der USA waren richtig und erfolgreich (OEF). Danach hätten die westlichen Staaten ihre Truppen abziehen müssen und die verschiedenen ethnischen Gruppen mit ihren bewaffneten Kräften hätten ein Gleichgewicht der Macht in AFG hergestellt.

    Afghanistan hat noch nie als Zentralstaat funkioniert, mit Ausnahme eines kurzen Zeitraumes im 20. Jahrhundert unter dem König. Das Land war immer sehr zerrissen in die einzelnen Regionen und Ethnien. Es kann sich nicht selbst ernähren. Es gibt zu wenig Ackerbauflächen in AFG. Die letzten 100 Jahre erhielt es immer finanzielle Unterstützung von ausländischen Mächten um seine Bevölkerung zu ernähren.

    Wenn bis hierher meine Analyse stimmt, dann muss man AFG in die einzelne Regionen aufteilen und jeder regionale Machthaber finanziert sich selber durch Verkauf der neu entdeckten Bodenschätze. Damit haben die einzelnen Regionen eine wirtschaftliche Zukunft. Die Rechtssicherheit in AFG ist heute genauso schlecht wie 2001. Es hat sich in dieser Hinsicht nichts verbessert.

    Das einzige international exportfähige Produkt aus AFG ist das Rauschgift Opium. Es verdienen viele unterschiedliche Menschen in AFG am Opium. Die Bauern, die Opiumlabore, die Händler, die bewaffneten Gruppen, der Staat in Form von Wegezoll und Steuern. Ich will diesen Wirtschaftskreislauf nicht verurteilen, denn ohne die Konsumenten des Rauschgiftes in den westlichen Ländern gebe es keine Drogenökonomie !
    Insofern ist der Handel mit Rauschgift ein ähnliches Geschäft wie der Handel auf der Seidenstraße in den vergangenen Jahrhunderten.

    Es tut mir leid, aber ich sehe keine andere Zukunft für ihr Land. Pakistan und Indien streiten um Einfluss. Saudi Arabien exportiert seinen islamischen Extremismus mit Geld in die Moscheen und die Madrassas. Iran unterstützt die schiietischen Hazara gegen die sunnitischen Paschtunen.
    China und Amerika wollen die Rohstoffe des Landes ausbeuten. Ich denke es wird eine langfristige Kooperation des Westens mit der Nordallianz geben und die Zusammenarbeit mit den Paschtunen im Süden wird insbesonders wegen der Einflussnahme Pakistans auf die Taliban geringer werden.

  2. Naser Ahmadi on 10/02/2012 at 16:14

    Sehr geehrter Herr Georg

    Afghanistan hat eine 5000 Jahre alte Geschichte und war die Herz von große Ariana. Das Volk dieses Landes lebte mit Stolz und Wertschätzung. Sie glauben an Demokratie ; Pluralismus und Zivilgesellschaft. Die ethnischen Gruppen haben in Afghanistan immer zusammen gelebt und sind damit einig immer unteilbare zu bleiben.
    Aber Leider werden sie immer Opfer wegen die geopolitische Lage ihres Landes.
    Westliche und östliche Mächte provozierten die ethnischen Gruppen in Afghanistan ,gegen einander zu kämpfen, damit sie ihre strategische Ziele erreichen zu können. Die oben genannten Mächten lassen nicht in Afghanistan ein demokratischer Staat zu gründen und Frieden zu erhalten. Sie fangen Fisch aus dem trüben Wasser und dafür brauchen sie eine Marionettenregierung, ein inkompetenter Staat und Instabilität in unserem Land.
    Das ist die Wahrheit.

  3. Emran Feroz on 13/03/2012 at 18:17

    Sehr schön geschrieben, Agha-e Ahmadi!



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