Prof. Dittmann: Zwölf zentrale Thesen für Afghanistan

02/08/2012
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Heute möchte ich Ihnen einen sehr kompetenten Gast- und hoffentlich auch bald Dauerautoren des Blogs vorstellen: Prof. Andreas Dittmann,  Geograph der Justus Liebig-Universität in Gießen,  Nahostexperte und Vorsitzender der deutsch-afghanischen Universitätsgesellschaft Bonn, deren Mitglied ich jetzt werden darf. Prof. Dittmann ist geschätzer Nahostexperte (Libyen, Syrien und Afghanistan) beim Ereignis- und Dokumentationskanal PHOENIX in Bonn. Und als Vorsitzender seiner Universitätsgesellschaft bringt er viele deutsche und afghanische Afghnaistanexperten unter ein Dach. Irgendwie haben wir uns lange gesucht, aber nie gefunden, weil die aktuelle Hektik nie Zeit für einen intensiven Austausch ließ. Jetzt hat es aber geklappt und wir freuen uns auf eine gegenseite Bereicherung, weil wir gleiche Ziele haben und Defizite in der öffentlichen Wahrnehmung zum Thema Afghanistan erkennen.  Zum Auftakt hat un sProf. Dittmann einen Artikel zu Verfügung gestellt, den er Ende 2011 für die Geographische Rundschau geschrieben hat. Lesen Sie seine 12 Thesen zu „AFGHANISTAN – 10 Jahre danach. Versuch einer kritischen Bilanz.“

AFGHANISTAN – 10 Jahre danach. Versuch einer kritischen Bilanz
von Prof. Andreas Dittmann

Vor fast genau zehn Jahren wurden im Rahmen der ersten internationalen Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn die neue Afghanische Verfassung und die Kooperationsvereinbarungen zum Wiederaufbau Afghanistans beschlossen. Für viele Afghanen kommt diesem Ort und der mit ihm verbundenen Symbolkraft bis heute eine große, besonders verehrte Bedeutung zu. Jubiläen sind potentiell immer Gelegenheiten, Bilanz zu ziehen – besonders dann, wenn sich die Frage stellt, ob es denn etwas zu bejubeln gibt. Der afghanische Präsident, Hamid Karzai, und Bundesaußenminister, Guido Westerwelle, vereinbarten daher im letzten Jahr eine Folgekonferenz auf dem Petersberg für den Spätherbst 2011. Anlässlich dieses historischen Ereignisses gibt die geographische Rundschau das vorliegende Afghanistan-Themenheft heraus.

Eine Bilanz der Ziele der internationalen Afghanistan-Konferenz fällt nach zehn Jahren nicht nur eher bescheiden, sondern sogar ausgesprochen ernüchternd aus. Kaum eines der übergeordneten internationalen Verantwortungskooperationen zugeordneten Ziele scheint erreicht. Dies gilt insbesondere für den Bereich der inneren Sicherheit, aber auch für viele Entwicklungsprogramme. Erklärungsversuche für das bisherige Ausbleiben des afghanischen Wiederaufbaus können weder vollständig sein, noch können sie direkt umsetzbare Alternativprogramme aufzeigen. Sie dürfen aber versuchen, auch auf solche Aspekte hinzuweisen, die allgemein zu den weniger häufig veröffentlichten Aspekten oder sogar zu den ungeliebten Wahrheiten gehören. Zwölf zentrale Thesen dazu lauten:

1. Es fehlt noch immer ein klares Entwicklungsziel, das auch das Ende der massiven internationalen Präsenz in Afghanistan markieren könnte.

2. Die Sicherheitsprogramme sind gescheitert. Vom Frieden ist Afghanistan heute weiter entfernt, als noch vor fünf Jahren (RASHID 2010, YAMAGUCHI 2006).

3. Die sog. „sicheren Zonen innerhalb des Landes sind seit 2005 immer weniger und immer kleiner geworden. Heute sind sogar der lange Zeit als relativ sicher geltende Norden und die Hauptstadt Kabul Risikogebiete.

4. Kompetenzgerangel und das zögerliche bzw. nur teilweise erfolgte Bereitstellen der auf der ersten internationalen Afghanistan-Konferenz fest zugesagten Entwicklungs­budgets behindern den Wiederaufbau des Landes.

5. Aufbau-Aktivisten wirken in ihrer Massierung als „Flut der Helfer“ (DITTMANN 2004 u. 2006) in vielen Bereichen sogar eher entwicklungshemmend.

6. Mit der Durchsetzung seines Entwicklungs- und Sicherheitskonzeptes hat der Westen nicht nur seine Kräfte überspannt, sondern in der Vernachlässigung afghanischer Lösungsansätze (z.B. Warlordism) sogar zum Wiedererstarken der Taliban beige­tragen.

7. Westliche Akteure, die in militärischen Belangen offiziell als verbündete, wenn auch nicht immer besonders gut koordinierte, Partner agieren, konkurrieren in vielen Aufbaubereichen (z.B. im Hochschulsektor, DITTMANN 2006) hart miteinander (siehe Abb. 1).

8. Die große Gruppe der Exil-Afghanen (allein 71.000 in Deutschland), auf die in den Anfangsjahren große Hoffnungen als Mittler im Wiederaufbauprozess gesetzt wurden, hat sich nach ersten (oft einmaligen) Besuchen im alten Heimatland weitgehend mit der niederschmetternden Bilanz „hoffnungslos“ größtenteils wieder in die Privatheit zurückgezogen.

9. In der deutschen (und allgemein westlichen) Öffentlichkeit ist das Interesse an afghanischen Belangen in den letzten fünf Jahren rapide zurückgegangen. Afghanistan interessiert in Deutschland heute kaum noch eine breitere Öffent­lichkeit. Ein weitgehend unklares Einsatzbild für die Bundeswehr und die unsinnigen Diskussionen darüber, wann ein Krieg als solcher bezeichnet werden darf, haben ihren Teil dazu beigetragen.

10. Dieser Interessenverlust an Afghanistan spiegelt sich auch in den Programmen akademischer Fördereinrichtungen (z. B. DAAD) deutlich wider (KOENIGS 2010).

11. Die traditionellen nationalistischen Konfliktkonstellationen zwischen Paschtunen und Nicht-Paschtunen wirken sich zunehmen als ernste Entwicklungshemmnisse aus (KOHISTANI 2011).

12. Das Scheitern vieler Aufbau und Entwicklungsprogramme in Afghanistan ist – um es politisch korrekt auszudrücken – nicht nur auf externe Einflussfaktoren zurückzu­führen.

Das Nichterreichen wichtiger Ziele in den Wiederaufbau- und Sicherheitsprogrammen internationaler Akteure in Afghanistan wird in letzter Zeit vielfach damit begründet, dass viele der zur Anwendung gekommenen Konzepte vom Ansatz her „un-afghanisch“ seien bzw. zu wenig Rücksicht auf vorhandene traditionelle Strukturen genommen hätten (RASHID 2010). Auch wenn diese Einschätzung zunächst verallgemeinernd und generalisierend klingt, so kann sie doch für einen Großteil des Scheiterns des Wieder­aufbaus in Verteidigungs- und Sicherheitsprogrammen gelten, zu denen die Einrichtung einer eigenständigen afghanischen Armee (ANA = Afghan National Army), der Sicher­heitsdienste, der Polizei und der Projekte der Minenräumung und Entwaffnung früherer Kombattanten gehören (DITTMANN u. KOHISTANI 2004). Lediglich im Bereich größerer Minensäuberungsaktionen konnten rasch einige Erfolge verzeichnet werden. Der Aufbau der ANA steckt auch nach sechs Jahren noch ebenso in den Anfängen wie die Entwaffnungsprogramme ziviler Gruppen. Auch der Deutschland als verantwortlichem Kooperationspartner übertragene Aufbau der afghanischen Polizei kann derzeit beim besten Willen nicht als erfolgreich abgeschlossen bewertet werden. Offensichtlich übersteigen die Aufgaben des Wiederaufbaus nach westlichen Konzepten – soweit vorhanden – die logistischen, personellen und finanziellen Möglichkeiten vieler der invol­vierten Akteure.

 „Afghanische Trilogie“

Man darf sich also begründet eingeladen fühlen, über Alternativkonzepte nachzudenken. Eine afghanische Perzeption dazu formulierten die Teilnehmer an der ersten akademischen Gießener Afghanistan-Konferenz im Jahr 2008 mit den folgenden eindrücklichen Worten:

„In our area we organize our living from three major sources. One is animal husbandry, the second is agriculture, and the third is warlordism.”

Unter “warlordism” (= Kriegsherrenwirtschaft) ist dabei das zeitweise Verdingen in den Diensten eines lokalen Kriegsherren auf Zeit zu verstehen. Damit werden für die jeweiligen Haushalte Zusatzeinkommen generiert, welche die Lücken stopfen, die aus Viehzucht und den Anbau landwirtschaftlicher Produkte allein nicht ausgeglichen werden können. In die Dienste eines Warlords tritt man, soweit sich dies einrichten lässt, außerhalb der Haupternte oder anderer wichtiger Zeiten im landwirtschaftlichen Jahr. Wahrzunehmen sind beim War­lord Aufgaben aus den Bereichen Militär, Polizei und vor allem (Wege-)Zoll, während die Grenzen zu kriminellen Betätigungsfeldern (Waffen- und Drogengeschäfte) nicht unbedingt immer im allgemeinen Unrechtsbewusstsein verhaftet sind.

Trotz der potenziellen Implikation des Handels mit illegalen Gütern, die Warlordism natur­gemäß beinhaltet, muss darüber nachgedacht werden dürfen, ob nicht dieses traditionell afghanische System ein erörterungswürdiges Alternativ-Programm zu den bislang – trotz allen Aufwandes – weitgehend gescheiterter Konzepte darstellen könnte. Warlordism würde manche Aufgabenbereiche im Sicherheitssektor erfüllen können, die zu gewährleisten die Gemeinschaft der internationalen Akteure derzeit nicht in der Lage ist. Polizeiliche Aufgaben und Zollbestimmungen sowie Landes- bzw. Gebietsverteidigung im eigenen Verantwor­tungsbereich würden die Warlords (wieder) übernehmen – inklusive des Kampfes gegen die Taliban und andere Konkurrenten. Eine Übertragung solcher hoheitlicher Aufgabenbereiche in Warlord-Strukturen würde zudem den Taliban im wahrsten Sinne des Wortes den ideologischen Boden unter den Füßen entziehen, da ihr Hauptfeindbild, der Kampf gegen nicht-islamische Fremdbestimmung, wegfiele.

Schlimmer als die Taliban: Die American University

Zu den wenigen Bereichen mit einer gewissen Erfolgsbilanz gehören die Anstrengungen im Wiederaufbau bzw. Neuaufbau akademischer Strukturen in Afghanistan (DITTMANN 2004; KOHISTANI 2011). Den Steuerungsfunktionen, die dabei vom Ministry of Higher Education (MoHE) und der Universität Kabul ausgehen, kommt darin zentrale Bedeutung zu. Auch ohne die Zerstörungen universitärer Infrastruktur im Zuge der kriegerischen Auseinander­setzungen der letzten Jahre und dem jahrzehntelangen Brain Drain, den Afghanistan erlitten hat, wären die Herausforderungen zur Einrichtung eines nachhaltig funktionierenden Universitätssystems in Überwindung der noch von der Sowjetunion eingerichteten, zentralistischen Altlasten groß genug (KOHISTANI 2011). Verschärfend kommen – seit 2005 latent und in den letzten drei Jahren verstärkt – die Bedrohungen der Sicherheit von Univer­sitätseinrichtungen, Personal und Studierenden durch die Taliban hinzu. Aber auch die Konkurrenzen und Intrigen der verschiedenen außer-afghanischen Aufbauhelfer tragen ihren Teil dazu bei. Sie konzentrieren sich, dem ebenso zentralistisch wie hierarchisch ausgerichteten Universitätssystem entsprechend, vor allem auf Kabul. Dabei treten vor allem, z.T. selbst ernannte, Aufbauhelfer aus Westeuropa, den USA und aus Japan in den Vordergrund. Die jeweils verfolgten Strategien der akademischen Aufbaubemühungen sind von Methodik und Zielsetzung her sehr unterschiedlich angelegt. Während die westeuro­päischen Partner (v.a. Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien) auf nachhaltige, breit angelegte, langjährige und auf solider Grundausbildung basierende Programme des Capacity Building vor Ort ausgerichtet sind, strebt Japan fast ausschließlich über (im Vergleich zu anderen Akteuren überaus großzügige) Stipendien für afghanische Doktoranden und Studierende eine engere Bindung vor allem der ingenieurwissenschaftlichen Studien­gänge an. Die Anstrengungen der USA hingegen sind auf eine kurzfristige Erfassung begabter junger Menschen und ihre Einbindung in Stipendienprogramme in den USA ausgerichtet. Instrumentalisiert wird dafür die American University in Kabul. Diese hat ganz bewusst weniger das nachhaltige Capacity Building an afghanischen Universitäten zum Ziel (KOHISTANI 2011), als vielmehr die Rekrutierung junger Afghanen mit entsprechendem intellektuellen Potential als künftige amerikanische Botschafter in der afghanischen Wirtschaft und Gesellschaft. Konkret bedeutet dies im Alltag des Capacity Building an afghanischen Universitäten einen ständigen Abwehrkampf von Anwerbungsversuchen für afghanische Dozenten von Seiten der American University und unausgesetzte Versuche, die Lücken zu füllen, die an den staatlichen Universitäten durch einen ebenso persistenten wie systemimmanenten Brain Drain durch die Aktivitäten einer verbündeten Nation überhaupt erst entstanden sind.

Literatur:

AREZ, G.J. u. A. DITTMANN (Hg.) (2005): Kabul – Aspects of Urban Geography. Peshawar.

Arez, G. J. u. A. Dittmann (Hg.) (2008): Urban Geography of Kabul. Changing Face of the Central and Western Parts of Kabul City. Kabul.

CLEMENS, J. u. A. DITTMANN (2004): The Power of Maps and the War against Terrorism in Afghanistan. A critical Review of German News Maps. In: Internationales Asienforum, 35, 1/2, S. 31-45.

DITTMANN, A. (2003): Wiederaufbau akademischer Strukturen im Rahmen des Solidaritätspaktes Afghanistan. In: Petermanns Geographische Mitteilungen 147, 5, S. 88-89.

DITTMANN, A. (2004): Das „New Great Game“ der Aufbauhilfe in Afghanistan. In: Petermanns Geographische Mitteilungen 148, 2, S. 66-71.

DITTMANN, A. (2006): Kabul – Afghanistan’s Capital as a Chessboard for International Donors. In: Geographische Rundschau – International Edition 2, 1, S. 4-9.

DITTMANN, A. (2007): Recent Developments in Kabul’s Shar-e-Naw and Central Bazaar Districts. In: Asien – The German Journal of Contemporary Asia 104, S. 34-43.

Dittmann, A.: (2008): Afghanistan – Konfliktherd mit internationaler Militärpräsenz. In: Diercke-Handbuch, Braunschweig, S. 290.

DITTMANN, A. u. H. BUSCHE (2006): Revitalizing the Bazaar of Kabul. In: Geographische Rundschau – International Edition, 2, 4, S. 34-37.

DITTMANN; A. und S. M. KOHISTANI (2004): Wiederaufbau an afghanischen Hochschulen. Disaster- und Hazardforschung in den Geowissenschaften. In: Südasien, 24, 2/3, S. 41-45.

DITTMANN, A., KOHISTANI, S.M. u. W.A. NOORI (2007): Bonn – Kabul. Zwischenfazit einer geographischen Partnerschaft. In: Universität Bonn Geographie – Jahresbericht 2005/2006. Bonn, S. 21-23.

HIPPLER, J. (2008): Das gefährlichste Land der Welt? Pakistan zwischen Militärherrschaft, Extremeismus und Demokratie. Köln.

KOENIGS, T. (2010): Frieden machen. Berlin

KOHISTANI, S. M. (2011). Nation Building in Afghanistan. – Gießener Geographische Manuskripte 81, Gießen.

RASHID, A. (2010):  Sturz ins Chaos. Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban. Düsseldorf.

YAMAGUCHI, K. (2006): Building a State in Afghanistan. In: Geographische Rundschau – International Edition 2/4, S. 10-13.

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