Radiotipp für heute: Frauenhäuser in AFG

16/06/2011
By

Heute möchte ich Ihnen ein ganz besonderes Thema empfehlen: Frauenhäuser in Afghanistan. Diese sind den Konservativen am Hindukusch ein Dorn im Auge (lesen Sie das Interview dazu mit Tom Königs auf Zeit online) und sie wollen sie unter staatliche Kontrolle bringen. Über die Rechte der Frauen in Afghanistan müssen wir hier wohl nicht große Erklärungsversuche starten…Ich erinnere mich noch an die ersten ISAF Jahre, da hörte man hinter vorgehaltener Hand hierzulande immer das Argument  „wir sind nicht in AFG angetreten, um die Frauenrechte zu stärken...heute nach fast 10 Jahren Einsatz sollte jedem Einzelnen klar sein, dass nicht nur Bildung, sondern auch die Rolle der Frau eine Grundlage für eine neue/bessere gesellschaftspolitische Neuordnung sein sollte.

Deshalb möchte ich Ihnen heute einen besonderen Sendehinweise geben: heute von 19 bis 21 Uhr beschäftigt sich die Radiosendung HamAwas (teilhaben) mit den Frauenhäusern in Afghanistan. Moderiert von zwei Afghaninnen: Elham Massuod und Ramzia Rahmani.  Zum Livestream heute Abend geht es hier.

Tom Königs im Zeit-Interview: "Frauenhäuser werden von verschiedenen Organisationen finanziert, zum Beispiel von der UNDP, und von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Women for Afghan Women geleitet. Das funktioniert ähnlich wie beim Bau eines Brunnens – in unterschiedlichen Trägerschaften. Es ist im Grunde nicht viel anders als bei uns."

Seit 2002, nachdem die Welt  auf Afghanistan aufmerksam wurde, entstanden Frauenheime „Khane Amn“ (sichere Häuser). Und bis heute existieren laut Ghazanfar, die afghanische Frauenministerin, 11 solcher Häuser in Afghanistan, wobei Human Rights Watch 14 Frauenhäuser aufzählt. Diese Schutzeinrichtungen für Opfer häuslicher und ehelicher Gewalt werden bisher von Hilfsorganisationen geführt und von internationalen Organisationen unterstützt. Sie sind Islamisten ein Dorn im Auge.

 


ZEIT ONLINE Interview mit Tom Königs:

ZEIT ONLINE: Die afghanischen Regierung plant, Frauenhäuser zu verstaatlichen. Warum?

Tom Koenigs: Einrichtungen, die von der internationalen Gemeinschaft finanziert werden, werden in Afghanistan immer mit Misstrauen beäugt. Denn die Konservativen befürchten, dass westliche Werte gepredigt werden. Die Frauenhäuser sind ihnen besonders ein Dorn im Auge. Deshalb hat die Regierung 2009 eine Kommission eingesetzt, die die Frauenhäuser begutachtet hat. Sie kam zu dem Ergebnis, dass Frauenhäuser nicht mit afghanischen Traditionen übereinstimmen. Der Bericht ist jetzt der Regierung vorgelegt, aber nicht veröffentlicht worden – wir kennen ihn nicht. Auf der Grundlage des Kommissionsberichtes hat das Ministerium für Frauenangelegenheiten nun einige Gesetze entworfen. Die Finanzierung aller Einrichtungen soll nun möglichst über den Staat gehen. Sie sollen auch stärker kontrolliert werden. Das Richtige daran ist: Es darf keinen rechtsfreien Raum geben. Das Falsche: Es muss trotzdem einen Schutzraum geben. Eine Frau muss in ein Frauenhaus gehen können, ohne sich vorher staatlichen Maßnahmen aussetzen zu müssen.

ZEIT ONLINE: Welche Maßnahmen erwarten Frauen denn, sobald die Frauenhäuser verstaatlicht werden?

Koenigs: Nach dem Gesetzesentwurf soll jede Frau zunächst ihre Notsituation vor einer achtköpfigen Kommission nachweisen. Sie würde polizeilich registriert und medizinisch untersucht. Auch ein Test auf Jungfräulichkeit soll möglich sein. Dann entscheidet diese Kommission, ob die Frau in ein Frauenhaus darf oder ob sie zurück zu ihrer Familie geschickt wird oder ob sie gar ins Gefängnis eingewiesen wird. Der Oberste Gerichtshof hat schließlich letztes Jahr entschieden, dass es eine Straftat darstelle, von Zuhause wegzulaufen. Außerdem entscheidet das Frauenministerium, wann sie die Einrichtung verlassen darf oder muss. Die Pläne der afghanischen Regierung sind offensichtlich darauf angelegt, Frauen davon abzuhalten, vor häuslicher Gewalt zu fliehen.

ZEIT ONLINE: Wie arbeiten Frauenhäuser bis jetzt in Afghanistan?

Koenigs: Sie werden von verschiedenen Organisationen finanziert, zum Beispiel von der UNDP, und von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Women for Afghan Women geleitet. Das funktioniert ähnlich wie beim Bau eines Brunnens – in unterschiedlichen Trägerschaften. Es ist im Grunde nicht viel anders als bei uns.

ZEIT ONLINE: Wie erfahren die afghanischen Frauen überhaupt von dem Angebot?

Koenigs: Die Diskussion wird in den Medien geführt und unter den Frauen selbst. Es spricht sich herum. Dass sich eine Frau jedoch entscheidet, einen solchen Schritt zu tun, ist ungleich schwieriger als bei uns. Denn die Ansicht, dass die Frau der Besitz der Familie sei, ist noch weit verbreitet.

ZEIT ONLINE: Um wie viele Frauenhäuser geht es überhaupt?

Koenigs: Es sind etwa 14 Projekte, die meisten davon in Kabul. Wenn dort im Schnitt 40 Frauen Zuflucht finden, ist es ein sehr kleines Angebot für den Umfang des Problems. (weiterlesen auf zeit.de)

 

Tags: , , , , , ,

3 Responses to Radiotipp für heute: Frauenhäuser in AFG

  1. Helga D. on 17/06/2011 at 09:53

    Sicherlich trifft einen ganz besonders als Frau hier im Westen diese Schicksale der Frauen in Afghanistan, aber um dies zu ändern, sind die internationalen Truppen nicht dort, nein dürfen sie nicht sein. Dies muss auf politischer und menschenrechtlicher Ebene geschehen und hätte viel früher und massiver von den entsprechendenen internationalen Institutionen eingefordert werden müssen.
    Bei den fadenscheinigen „Bemühungen“ des Präsidenten Karzai, wie „Schutz vor Gewalt in der Ehe“ etc. erinnert sich doch jeder daran, dass er nur auf massiven Druck von außen, ein paar Gesetzestexte verändert hat, na ja, und was dieser schon sagt, interessiert ein paar Kilometer außerhalb von Kabul eh keinen. Bei einer jetzt geplanten 8-köpfige Kommission, die darüber befinden soll, ob einer Frau geholfen werden darf, ob sie ins Gefängnis kommt oder in ihre Familie zurückgeschickt wird – was dasselbe bedeuten dürfte -, braucht man nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wohin der Weg führt.
    Nein, so lange, wie es in der kleinsten Zelle der Gesellschaft, in einer Familie, nicht funktioniert, wo Gewalt, denn Liebe herrscht, wird eine Gesellschaft, ein Volk, eine Nation niemals gesunden – auch mit allen Truppen dieser Welt nicht! Kultur und Religion hin oder her – aber eines sind wir alle: Menschen, Menschen mit einer Seele und niemand auf der Erde hat das Recht, die Seele des Anderen zu verletzen oder gar zu zerstören. Das solcherlei Verbrechen nichts mit dem Islam zu tun hat, dies bestätigen und leben mir bekannte Muslime immer wieder vor. Und deshalb hat nach meinem Empfinden die internationale Menschenrechtskommission nicht nur das Recht, nein, auch die Pflicht, dagegen etwas zu unternehmen, aber Waffen gegen „Ehemann, Vater und Brüder“ dürften wohl nicht zum Erfolg führen, damit wird man keine Köpfe, keinen Geist erreichen.

    Wann sehen das die politischen Verantwortlichen im Westen endlich ein und wann ändert man endlich den Weg, der bisher zu keinem annähernden Ziel geführt hat?

  2. Paul on 22/06/2011 at 22:25

    Das ist knallhartes Patriarchat. Ich möchte gerne anmerken, dass dies nicht nur ein afghanisches Problem ist. In Pakistan sieht das nicht großartig anders aus, oder in Amerika, Afrika, oder anderswo in Asien. Natürlich in anderen Formen. Was jedoch gemeinsam besteht ist Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Dieses sind allgemeine globale (menschliche) Probleme und bestehen sogar in den entwickelten Ländern. Dieser Zusammenhang sollte öfters angesprochen werden, wenn Frauenrechte egal wo auf dieser Welt zum Thema werden, nur so kann ein internationales Bewusstsein für diese Geisteskrankheit (in Männerhirnen) geschaffen werden. Afghanistan stellt natürlich eine besondere Ausnahme dar. Nach 30 Jahren permanenten Unfrieden sind so einige Menschen in geistige Schieflage geraten.
    Was müssen das für krankhafte Männerhirne sein, die so eine krude Weltsicht haben. Es wurde schon angemerkt. Dieses Denken steht im Widerspruch zum Islam. Was sich dort ausprägt sind archaichste Traditionen von anno dazumal. Diese Traditionen stammen aus den Dörfern Afghanistans, in denen die Menschen in feudalen Strukturen leben.
    Ich frage mich, wer oder was so ein Verhalten auslöst.
    Zu Zeiten der Demokratischen Republik Afghanistan sind viele Frauen zumindest in Kabul unverschleiert in der Öffentlichkeit erschienen. Mensch, war das eine Zeit.

  3. Helga D. on 23/06/2011 at 10:44

    @ Paul

    Und das Beunruhigende daran ist, dass diese Perfidität nicht aus „greisen verklärten Methusalem-Gehirnen“ stammt, sondern dass die Zukunft, die jungen Männer, Brüder, Cousins diese „Geisteskrankheit“ weiterführt. Sie haben nichts anderes als „Machtgehabe“ zu bieten und Angst davor, diese zu verlieren. So wie hier in unseren Kulturen der prügelnde Mann – übrigens gibt es auch FRauen, die ihre Männer verprügeln, darüber spricht man aber nicht – nicht das „starke Wesen“, sondern die Schwachheit in Person ist. Wenn Worte fehlen, dann schlägt man eben zu.
    So lange, wie die jungen Menschen in AFG nicht einen anderen, menschenachtenden Weg gehen wollen, wird keine Streitmacht der Erde das ändern können.



Archive