Teil 2 der Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen…

11/07/2010
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Jetzt sitze ich hier vor diesem imaginären Blatt Papier und weiß überhaupt nicht was ich schreiben soll, oder ob ich überhaupt irgendwas scheiben soll. Stunde um Stunde rückt Tag X näher, je näher er kommt desto weiter weg möchte ich ihn schieben.  So langsam wird mir bewusst was da auf uns „zu rollt“ . Ein riesiger Haufen von Gedanken, Ängsten, Wünschen, Hoffnungen und nichts davon kann ich greifen. Ich stecke einfach mitten darin.

Leaf, 25 J. aus Norddeutschland schreibt exklusiv für das Afghanistan-Blog über ihre Gedanken und Gefühle, während ihr Lebenspartner im Einsatz am Hindukusch ist.

Oft denke ich, ich will die Augen schließen und erst wieder aufwachen wenn alles vor rüber ist. Aber wie unfair wäre dies meinem Lebenspartner gegenüber?  Er, der jetzt bald im Flieger sitzt und für Frieden in einem Land sorgen soll in dem schon seit so vielen Jahren Krieg herrscht. Natürlich frage auch ich mich nach dem Sinn, aber je mehr ich mich damit beschäftige desto mehr Sinn kann ich im Unsinn finden.

Ich, ein kleines Licht am Horizont, wünschte trotzdem man könne mit dem Finger schnipsen und allen Menschen auf Erden ginge es gut. Eine Illusion die so leider niemals stattfinden wird! Traurig aber wahr. Auf der einen Seite fühle ich mich ohnmächtig, kraftlos, ausgelaugt und schwach, aber auf der anderen Seite kämpfe ich wie ein wildes Tier, bin stark, mächtig und versuche der Situation gewachsen zu sein.

"Mein Mann ist im Krieg, ich fühle mich so alleine daheim..."

Vor ein paar Wochen jedoch habe ich den Kampf verloren, habe nur noch geweint. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, die Tränen liefen einfach ohne irgend einen Grund. Heimlich hatte ich mir den In-Termin herbei gesehnt, mir gewünscht das er endlich weg wäre. Denn je schneller er weg ist, desto schneller kommt er wieder.  Dann habe ich mich gehasst überhaupt nur annähernd jemals so gedacht zu haben, hätte mich am liebsten eingegraben.  Ein Häufchen Elend inmitten der schnellen Zeit, die einfach nicht auf hören will zu zerrinnen. Der Kampf gegen die Zeit, ist wie Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen…Niemand kann ihn jemals gewinnen.

Vor drei Jahren hätte ich nicht gedacht das ich überhaupt jemals in dieser Situation sein werde, dass ich mich gegen Aussagen von „fremden“ Menschen wehren muss, dass ich irgendwann aufhöre mich zu wehren und es hinnehme. Hinnehme das es so viele engstirnige Menschen in Deutschland gibt, die nicht im Traum daran denken hinter einem Soldaten einen Menschen zu  sehen. Einen Menschen mit Gefühlen- der es verdient hat, das man hinter ihm steht, stolz auf ihn ist, stolz auf seine Arbeit, ihm den Rücken stärkt auch wenn man ihn eigentlich gar nicht kennt. Dass man ihn empfängt mit einem Lachen im Gesicht und das man um jedes Leben das durch den Einsatz beendet wurde traurig ist und diesem Menschen und seiner Familie sein aufrichtiges Mitgefühl entgegenbringt.

Früher hätte ich vermutlich laut geschrien wenn es um Krieg und Dinge dergleichen ging. Auch heute bin ich kein Fan davon, nein ich habe sogar richtig Angst davor. Aber ich kenne mittlerweile so viele Menschen,  die dem selben Schicksal erlegen sind wie Ich und ich kenne ihre Geschichten, ihre Familien, Freunde. NIEMALS würde ich auch nur annähernd auf die Idee kommen, ihnen nicht den Rücken zu stärken oder sie nicht mit einem Lachen zu empfangen.

ICH will stark sein, nicht nur stark für meinen Lebensgefährten, für uns und die Aufgabe der wir uns nun stellen. Sondern, ich will stark sein für alle Frauen und Männer die in der selben Situation leben. Will an Diejenigen denken die traurig sind, will an Diejenigen denken die nie mehr unter uns sein werden, will Denen ein gutes Vorbild sein die vergessen haben was es heißt Vorbild zu sein.

Ich denke das muss ich tun um mir selbst treu zu bleiben, um nicht unter zu gehen im Wirrwarr welches in meinem Kopf herrscht. Ich habe große Angst. Keine Angst davor alles allein zu meistern. Nein, das tue ich seit drei ein halb Jahren. Eine Fernbeziehung ist nicht immer einfach, aber schon allein das zeigt wie stark ich sein kann und vor allem will für den Menschen den ich liebe. Ich habe Angst davor das alles anders sein wird wenn er wieder kommt, Angst vor den vielen schrecklichen Berichten. Angst vor schlimmen Erlebnissen, Angst davor nicht helfen zu können. Angst an Kraft zu verlieren, vielleicht doch Angst im Nachhinein allein zu sein. Für mich, als soziales Wesen, der Weltuntergang!

Ich bin gespannt wie die nächsten, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden werden. Wie ich den Abschied verkrafte,  die Zeit danach verarbeite. Ob sich Alles ändert oder doch beim Alten bleibt. Es ist ein komisches Gefühl sich so zu offenbaren. Fremden Menschen all meine Gedanken zu veröffentlichen. Aber auf der anderen Seite ist es ein befreiendes Gefühl, ein Loslassen, ein Frei werden. Frei von all der Angst, dem schlechten Gefühl. Für mich fühlt es sich an als hätte ich mir von der Seele geschrieben, was mich belastet hat. Auch wenn ich noch gar nicht wirklich viel erzählt habe, aber das Gefühl, welches ich vorher nicht kannte, ist ein befreiendes!

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5 Responses to Teil 2 der Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen…

  1. Daniel Lücking on 11/07/2010 at 14:35

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    Hallo Leaf,

    ein ähnlich schlechtes Gewissen hatte ich immer, wenn der Flieger in Köln bestiegen war und ich für ein bis zwei Tage verschnaufen durfte. Die Vorbereitungszeit, die eine intensive Auseinandersetzung mit Familie, Tod und Verwundung für die Soldaten bedeutet hinterlässt da deutliche Spuren – zumindest bei mir.

    Auf dem Flug stellte ich fest, dass es „Nichts zu tun gibt“ und dass der Flug eigentlich eine kleine Verschnaufpause ist. Ich denke nicht, dass du in irgendeiner Form Gewissensbisse haben musst, wenn der Stress bei dir Gefühle aufwirft, die du eigentlich nicht haben möchtest.

    Niemand macht sich bewusst, was es bedeutet, im Alter von unter dreißig Jahren ein Testament aufzusetzen, eine Lebensversicherung abzuschließen und zu Bangen, dass diese womöglich Anwendung finden muss. Ganz zu schweigen vom Ausfüllen von Vollmachten für den Fall der eigenen Handlungsunfähigkeit und die Vorabregelung von Betreuungsmaßnahmen.

    Ich brach insgesamt vier Mal in den Einsatz auf:

    – zuerst nach Mazedonien/Kosovo als verheirateter Mann
    – dann – vor Weihnachten – als Vater eines elf Monate alten Sohnes nach
    Afghanistan
    – erneut AFG als zweifacher Vater – wieder vor dem ersten Weihnachten meines zweiten Sohnes
    – zuletzt für einen Kurzeinsatz von 5 Wochen in AFG

    Ein Einsatz fordert die Familie in Deutschland gleichermaßen – nur erhalten Familien keine Einsatzmedaillen, Urkunden oder „A(ngehörigen)VZ“. Bevorzugte Berücksichtigung bei der Vergabe von Kindergartenplätzen? Ebenso Fehlanzeige, wie eine Familien-Kurmaßnahme nach dem Einsatz.

    Danke, dass du hier bloggst und damit das Thema endlich an die Öffentlichkeit heran trägst. Egal, ob Soldaten, Polizisten, zivile Aufbauhelfer oder deutsche Angestellte : es sind viele Angehörige und Familien, die beim Wort „Afghanistan“ die Nachrichten lauter drehen…

  2. Jakob on 15/07/2010 at 21:06

    Ich möchte mich auch hier nur in aller Form bedanken! Sie helfen vielen Menschen mit Ihren Aufzeichnungen.

    Viele Grüße

  3. lila on 30/08/2011 at 09:54

    hallo… Ich bin 26 und mein Freund ist als Polizist nun das 2. Mal in den Auslandseinsatz gestartet. Er war 2008 bereits für ein Jahr weg und nun ist seine Rückkehr für Juli 2012 vorgesehen. Kann sich jemand vorstellen wie lang so ein Jahr sein kann? Man soll regelmäßig telefonieren. Es würde einen stark machen. Lauter solche hilfreichen Ratschläge. Ich kann es nicht mehr hören. Wenn ich ehrlich bin… Ich bin einfach nur enttäuscht und so unendlich wütend auf ihn. Er ist freiwillig dort unten. Er hat sich freiwillig entschieden nicht hier bei mir zu sein. Er redet von Liebe und Zukunft. Aber den Glauben daran hab ich verloren. Ansprechpartner? Fehlanzeige. Hier ist niemand. Und Freunden kann man sich nicht anvertrauen. Alle bewundern mich und finden mich stark. Nichts davon hilft mir. Ich halt das hier nicht aus. Zwei lange Jahre ohne sich zu verlieren?



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