Teil 3 der Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen…

18/07/2010
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Heftige Gewitter über Deutschland, selbiges Gefühl macht sich in meiner Magengegend bemerkbar wenn ich daran denke das uns nur noch wenige Tage bleiben…Was man plötzlich alles noch zu erledigen hat, was alles noch fehlt.  Ein Fass ohne Boden, zumindest fühlt es sich so an.  Mir wird ganz schlecht wenn ich daran denke das ich nicht mal mehr an den Wochenenden für die nächsten paar Monate auf Hilfe warten brauche und das jetzt wo unser Ökosystem Aquarium ständig irgendwelche neuen Probleme hat.  Planarien, welcher Mensch denkt daran das es solch widerlichen Tierchen gibt? Ich hatte mir noch nie Gedanken über Würmer im Aquarium gemacht welche Garnelen und Fischbabies angreifen und auffressen. Mir wird schon wieder schlecht…Diese Viecher kriechen durch unser wunderschönes Biotop, welches wir mit so viel Liebe und Pflege errichtet haben.  Ein Ruhepol an Stressreichen Tagen, einfach nur wunderschön es zu betrachten.

Leaf, 25 J. aus Norddeutschland schreibt exklusiv für das Afghanistan-Blog über ihre Gedanken und Gefühle, während ihr Lebenspartner im Einsatz am Hindukusch ist.

Jetzt ist es dahin, eine „Wurmkur“ steht uns bevor ich habe keine Lust drauf! Ständig Wasserwechsel und alles Allein… ich schaffe dass das weiß ich aber: will ich das überhaupt? Momentan will ich einfach gar nichts, mich nervt jeder Abend und jeder Morgen. Jeder Tag der vorbei geht, ist ein schlechter Tag. Denn jeder Tag weniger ist ein Tag näher am In- Datum.

Die Gedanken um den Abschied ziehen sich immer mehr zusammen, schnüren die Luft ab, machen Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Herzschmerzen.  Aber ich will mir ja nichts anmerken lassen. Bin natürlich top fit und habe überhaupt kein Problem damit, dass mein Mann in den Krieg geht.

Andauernd neue Nachrichten von Verwundeten und gefallene Soldaten und Zivilisten. Jeden Morgen wenn ich das Radio einschalte halte ich die Luft an sobald die Nachrichten kommen.
Ich bete zu Gott das keine Nachrichten über Afghanistan zu hören sind und danke ihm wenn dem so ist. Wenn ich von der Arbeit komme ist mein erster Gang der zum PC etliche Seiten über Afghanistan zu kontrollieren, auch die Nachrichten im Internet lese ich. Ich fühle mich schon richtig schlecht, vermutlich weiß ich mittlerweile mehr über dieses Land als so manch Anderer.
Eigentlich erdrückt mich jegliche Information mehr, die ekligen Gefühle in der Magengegend werden nur stärker, aber es MUSS sein. Ich MUSS Informationen sammeln, meinen Wissensdurst stillen.  Jedes Wissen auch wenn es unnütz ist, wirkt wie eine Art Seil.  Ein Seil an dem ich mich festhalten kann, entlang hangeln, stoppen wenn es zu viel wird, weiter klettern wenn ich mich im Stande fühle, festhängen wenn ich drohe zu fallen. Ein Sicherungsseil… an vielen Stellen war ich schon sooft und sooft bin ich weiter geklettert und wieder hinunter gefallen. Aber meine Muskeln werden stärker, meine Nerven härter. Ich werde es schaffen auch wenn es schwer werden wird. Momentan kann ich nur Mutmaßen, denn wissen tue ich nicht wie es sich anfühlt wirklich allein zu sein. Ich hoffe ich bin es nur körperlich, hoffe noch mehr das ich nicht abstumpfe und noch viel mehr das er nicht abstumpft. Von so vielen Beziehungen habe ich gehört die leider nach oder während des Einsatzes zerbrochen sind, aus den kuriosesten Gründen… ich will nicht dazu gehören! Man merkt vermutlich wie seltsam Gedanken werden können wenn man sich in Situationen befindet die so ganz und gar nicht normal sind. Wer kann schon sagen: „ Einsatz? Klar kein Thema , morgen geht’s los ich freu mich schon wenn mein Mann weg ist!“
ICH kann das nicht, auch wenn ich vielleicht manchmal so „cool“ tue!  Mein Mann tut auch cool, wie cool er tatsächlich ist weiß ich nicht. Ich kann es nicht abschätzen, er ist ein guter Schauspieler. Es ist sein zweiter Einsatz für ihn. Für mich der Erste. Er sagt es freue sich auf das was ihn erwartet…

Ich freue mich nicht! Ich habe Angst, Todesangst um Jemanden der mir am Herzen liegt, Todesangst um mein Herz! Alpträume kehren immer häufiger zurück und nachts wacht man schweißgebadet auf und weiß nicht wie einem geschehen ist.Ja, Ich kann sagen Ich habe Angst!

So viele Tage und Nächte in Angst und Schrecken leben, das wird hart!

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6 Responses to Teil 3 der Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen…

  1. BausC on 18/07/2010 at 17:20

    Und Jogi Löw bekommt das Bundesverdienstkreuz.

  2. Boris Barschow on 18/07/2010 at 22:14

    „Schießt Papa auch auf Menschen?“ – Das Protokoll einer Soldatenfamilie:

    http://www.zeit.de/2010/29/Afghanistan-Soldaten?page=all

    Leaf, offenbar regst Du mit Deinem Tagebuch hier auch andere Medien dazu an, Gedanken und Gefühle von Soldatenangehörigen zu veröffentlichen…

  3. Jenni Thier on 20/07/2010 at 01:20

    Mein Mann ist in Afghanistan

    Für viele sind deutsche Soldaten in Afghanistan wahrscheinlich nur ein Thema aus den Nachrichten. Doch wie ist es, wenn der eigene Mann dort stationiert ist? Ein Paar berichtet.

    http://woman.brigitte.de/leben-lieben/beruf-gesellschaft/soldaten-afghanistan-1060920/

  4. politisch inkorrekt on 20/07/2010 at 16:52

    Jetzt wirds bunt. Bundeswehr.de will Berichte von Angehörigen anonym veröffentlichen.

    Partner im Einsatz – Ernstfall für die Familie

    http://www.bundeswehr.de/portal/a/bwde/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLd443DnQHSYGZASH6kTCxoJRUfW99X4_83FT9AP2C3IhyR0dFRQCsXOUq/delta/base64xml/L2dJQSEvUUt3QS80SVVFLzZfQ180QzU!?yw_contentURL=%2FC1256EF4002AED30%2FW287HFKU826INFODE%2Fcontent.jsp

    Unser Aufruf

    Ihr Partner oder Ihre Partnerin, der Vater oder die Mutter, der Freund oder die Freundin ist im Einsatz? Wie erleben Sie diese Zeit? Was hilft Ihnen? Was ärgert Sie? Schicken Sie uns bitte Ihre Erfahrungen. Anonymisiert möchten wir eine Auswahl Ihrer Beiträge hier veröffentlichen.

    pi

    • Boris Barschow on 20/07/2010 at 18:14

      Wenn unser Engagement dazu beigetragen hat, Medien und jetzt auch bundeswehr.de anzuregen, dann ists doch eine gute Sache. Im Übrigen schreiben hier fürchterlich viele Anghörige…;-) und das schon seit fast drei Jahren…;-)

  5. Klaus on 20/07/2010 at 20:30

    Nach dem Motto, wenn die Angehörigen bei der Bw veröffentlichen, halten sie woanders den Mund! Man hat zusehends gemerkt, dass die Angehörigen sich immer öfter trauen, den Weg in die Öffentlichkeit zu suchen, dieses „wir wollen sie und den Soldaten nur schützen, deshalb halten sie sich besser von allem fern“, wirkt nicht mehr, jetzt geht man von Seiten der Bw in die Offensive. Wir Familien aber auch!!! Mal sehen, wie man auch die Seiten der Bw bereichern kann 😉



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