Teil 4 der Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen…

22/07/2010
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Wir sitzen bei den Schwiegereltern in Spe auf der Terrasse, es war ein schöner Tag bis eben. Ich hatte sechs Wochen lang dicht gehalten, was schon sehr schwer für mich war.  Habe so vielen Freunden und Familienmitgliedern Bescheid gegeben, alles bis ins kleinste Detail geplant und jetzt ist es vorbei.

Die Überraschung geplatzt!

Mein Lebensgefährte hatte gemerkt das irgendetwas nicht stimmte an dem Tag. Obwohl niemand Heimlichtuerei betrieben hat. Nur die ständigen Anrufe und SMS auf meinem Handy  hatten ihn Misstrauisch gemacht. „Was wollen Die denn?“  „ Wer war das denn schon wieder?“  „Was verheimlichst du mir?“

Leaf, 25 J. aus Norddeutschland schreibt exklusiv für das Afghanistan-Blog über ihre Gedanken und Gefühle, während ihr Lebenspartner im Einsatz am Hindukusch ist.

Und das waren nur einige wenige „nette“ Beispiele…

Wieso können sich Menschen denn nicht Dinge einfach aufschreiben? Wieso müssen sie noch fünfmal bestätigt werden, sich eine Uhrzeit zu merken ist doch gar nicht sooo schwer oder? Anscheinend schon denn es waren mehr als 20Leute die nochmal genau wissen wollten wie denn nun wann alles stattfindet…Und ich dachte ich hätte mich klar ausgedrückt… scheinbar nicht. Nun wurden seine Fragen direkter und irgendwann war er so stinksauer das er einfach heimfahren wollte…das ging aber nicht, denn zuhause war meine Familie mit Vorbereitungen beschäftigt.

Es sollte doch eine perfekte Überraschung werden!

Wir stritten uns noch vor der Haustür seiner Eltern, schmissen und blöde Bemerkungen an den Kopf und das nur weil er zu blöd war um zu merken das er gerade zuhause unerwünscht war! Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Ich musste ihn dann aufklären, sonst wäre es in einem Fiasko geendet…aber die Aufklärung war wohl das einzige was übrig blieb um die Wogen zu glätten.

Da stand er nun vor mir, mit Tränen in den Augen. Er hatte nicht gedacht das ich ihm eine Party schmeißen werde. Er hatte nicht gedacht das überhaupt Jemand an so etwas gedacht hätte.

Er hat sich so sehr gefreut, wollte mithelfen.

Also sind wir nach Hause gefahren dort trafen wir auf meine kleine Schwester, meine Eltern und einen Nachbarn. Alle fleißig mit Vorbereitungen beschäftigt. Eine große Tafel war aufgestellt worden, die Dachterrasse festlich geschmückt. So viele Speisen aus allerlei Länder standen auf dem Tisch. Um 2000 klingelte es das erste Mal, die ersten Gäste standen vor der Tür. 45x klingelte es an der Tür, es war eine tolle Feier, mit einem  weniger tollen Anlass. Kaum jemand wusste was er sagen sollte, also sagten viele einfach gar nichts zu dem Thema.

Mein Mann erklärte in einer „Ansprache“ einiges über das Land und die Leute.

Die Gäste der Party waren schwer beeindruckt, niemand hatte ihnen vorher etwas dazu erzählt, noch wären sie selbst auf die Idee gekommen sich zu informieren. Mit weit geöffneten Augen lauschten viele den Dingen die er erzählte, es waren schöne und auch weniger schöne Dinge. Manche konnten nicht verstehen wie man denn an solch einem Abend über solch schlimme Dinge sprechen konnte.  Ich fand es eine gute Idee, so vergisst niemand wofür all die ISAF Soldaten täglich kämpfen! Vergessen ist das schlimmste was passieren kann, wer vergisst, der hört auf sich Gedanken zu machen!

Ich hatte für meinen Mann ein Buch vorbereitet, in dieses schrieb jeder was ihm zu schwer viel zu sagen. Es wurde ein schönes Buch mit vielen Erinnerungen und Wünschen. Dieses überreichte ich ihm an der Feier. Dicke Tränen liefen ihm über das Gesicht als er es gelesen hatte. Tränen die sagten, ich danke Euch das ihr an mich denkt und mich nicht vergesst!

Dieses Buch wird bald mit nach Afghanistan reisen, denn es soll vor der Sehnsucht nach zuhause schützen und Traurigkeit nehmen. Ich hoffe es wird nicht oft gebraucht und wenn es gebraucht wird , dann soll es so gut wie möglich helfen!

Auch wird ihn Wilma das Pinselohrschwein begleiten, sie ist eine Erinnerung an zu Hause und an all die lustigen Tage und Stunden die wir verbracht haben. Außerdem soll sie ihn Beschützen, jeder benötigt einen Talisman der einem Hilft an sich zu glauben und sich zu erinnern.

Nur noch ein paar Tage,  dann heißt es Abschied nehmen für eine lange Zeit.

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2 Responses to Teil 4 der Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen…

  1. StFwdR on 22/07/2010 at 20:07

    Liebe unbekannte Leaf,

    Sie haben, bewußt oder unbewußt, mit dieser Idee mehr für Ihrem Partner getan als Sie jetzt ahnen können. Auch das sich daraus die Gelegenheit entwickelt hat zumindest der „näheren“ Bekanntschaft die Gründe, Motivation und Informationen über den Einsatz weiterzugeben ist ein Glücksfall.

    Ich wünsche Ihnen und Ihren lieben alle Kraft um die Zeit der Trennung zu überstehen und Ihrem Parter das nötige Soldatenglück um heil und unbeschadet an Leib und Seele aus dem Einsatz zurückzukehren.

    Reiner Mühlbauer

  2. Daniel Lücking on 22/07/2010 at 21:14

    Hallo Leaf,

    Vielleicht wäre Ihnen unter normalen Umständen die Überraschung geglückt, aber so kurz vor dem Einsatz ist ihr Freund sicherlich nicht immer nur „bereilts im Einsatz“ sondern auch mehr als „wach“ in Bezug auf das, was sich in seiner Familie tut.

    Alles erledigt wissen wollen, nur ja nichts vergessen und alles getan haben, was getan werden kann, damit die Famile auch gut durch den Einsatz kommt.

    Stoff für weitere „Ansprachen“ wird er sicherlich zu Hauf während der kommenden Monate sammeln.

    Weiterhin alles Gute, Ihnen beiden!



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