Teil 5 der Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen…

25/07/2010
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Abends klingelte das Handy um 0530 wollten sie hier sein. Irgendwie hing schon die ganze Zeit ein komisches Gefühl in der Luft…Wir lagen noch auf der Couch und schauten meinen Lieblingsfilm „Findet Nemo“ .

Ich kann diesen Film mit synchronisieren, aber ich schlief mittendrin ein war so erschöpft von dem vielen Stress der sich aufgebaut hatte. Irgendwann gingen wir ins Bett um die wachte ich auf weil ich dachte was gehört zu haben. Drehte mich dann um und sah das mein Schatz auf seine Uhr schaute. Auch er hatte eine schlechte Nacht hinter sich, sich von einer Seite auf die Andere gedreht.

Leaf, 25 J. aus Norddeutschland schreibt exklusiv für das Afghanistan-Blog über ihre Gedanken und Gefühle, während ihr Lebenspartner im Einsatz am Hindukusch ist

Ich wusste nicht wie ich liegen soll. Mal hielt er mich im Arm , dann wieder nicht, dann dreht er sich weg, dann wieder zu mir. Solch Unruhigen Schlaf kannte ich nicht von ihm, normaler weise schläft mein Schatz auf dem  Rückenliegend ein und wacht am nächsten Tag genauso wieder auf. Ich kann das nicht, ich drehe mich wie ein Propeller in der Nacht. Liege manchmal sogar mit den Füßen auf dem Kopfteil oder quer über das ganze Bett… schon komisch worüber man sich wundert wenn es bald sowieso alles leer sein wird.

Um 0430 klingelte die Kirchturmuhr, dann der erste und der zweite Wecker. Vermutlich hätten wir keinen der beiden Wecker benötigt, wir waren nämlich beide wach! Er lief die Treppen hinab ich folgte ihm, wir redeten nicht viel, mir viel es sogar schwer ihn anzusehen.

Nach seinem Frühstück (er zwang sich dazu, wusste ja nicht wann er wieder etwas bekäme) putzen wir gemeinsam Zähne und dann packte er die restlichen Dinge in seinen Rucksack. Er zog die Uniform an und dann stand er da, ich wusste nicht was ich sagen sollte. Also sagte ich nichts. Er lief ins Büro und kam mit verweinten Augen wieder, es ist schlimm den eigenen Partner weinen zu sehen!  Es tut so unsagbar weh, zerreißt einfach alles in einem. Er wollte es mir ersparen.  Ich nahm ihn in den Arm, küsste ihn. Wir hielten uns einfach nur fest.  Ich wollte ihn nicht gehen lassen.

Dann saßen wir auf der Couch und ich kam mir vor als würde mir gleich die Henkersmahlzeit serviert. Der Regen prasselte gegen das Fenster, draußen wurde es immer heller. Das erste Auto fuhr durch die Straße und wir schreckten zusammen. Es war nicht der Bus! Er hielt mich fest im Arm, drückte mich, küsste mich Tränen liefen über sein Gesicht. Leise weinten wir. Dann klingelte das Handy, „in zwanzig Minuten sind wir da“ hörte ich den Spieß sagen. Wir saßen auf der Couch und wollten uns einfach nicht mehr loslassen.

Es ist ein schreckliches Gefühl Abschied auf lange Zeit zu nehmen, das wusste ich schon vorher. Aber es ist noch ein viel schrecklicheres Gefühl, wenn man weiß das der von dem man Abschied nimmt in den Krieg geht!

Als der Bus in die Straße bog, klingelte es kurz drauf. Wir brachten das Gepäck runter. Der Spieß und der Hauptmann standen schon im Treppenhaus.  Da stand er groß, weiß und bedrohlich vor mir. Der Reisebus für unsere Soldaten. Die Scheiben getönt , ich konnte nur erahnen das fast jeder Sitz besetzt war. Auf jedem Sitz saß ein Mensch der für unsere Sicherheit in den Krieg zieht. Hätte ich einen Hut gehabt, hätte ich ihn vielleicht zum Gruß gezogen, ich hatte keinen…Aber dennoch möchte ich das alle Soldaten wissen das ich an sie denke und meine Gebete für sie gen‘ Himmel sende! Jeder Einzelne hat es verdient!

Der Spieß begrüßte mich, nahm mich in den Arm…da liefen sie schon wieder, die Tränen. Dabei wollte ich stark sein, meinen „Mann“ stehen und nicht flennen. Es ging nicht, die Situation war einfach zu surreal. Ich wollte einfach die Augen schließen und aufwachen aus diesem Alptraum.

Leider ist es erst der Anfang. Immer wieder bekommt man gesagt, nach dem Abschied ist alles besser. Besser wäre wohl kein Abschied! Aber es ist nun mal so und ich kann die Situation nicht ändern.

Das Gepäck wurde im Bus verladen ich drückte meinen Engel noch ein letzes mal wir küssten uns und dann musste er auch schon einsteigen. Im Bus vernahm ich nur noch Schatten, da stand er begrüßte seine Kameraden, es wirkte als hätte er mir zum Gruße noch gewunken, aber ich konnte es nicht richtig erkennen.

Bestimmt hat er das!

Dann fuhr der Bus los, ich drehte mich um und ging.

Musste den Kater Karlchen unserer Vermieter versorgen, sie sind im Urlaub. Karlchen wartete schon. Mit lautem gemaunze kam er mir entgegen gerannt. Er weiß auch was es heißt Abschied zu nehmen, es ist nicht sein erster Urlaub allein daheim. Manchmal wünschte ich , ich wäre eine Katze. Dann wäre vieles einfacher!

Später lag ich auf der Couch, mir war nicht nach reden. Aber trotzdem brauchte ich Jemanden, also rief ich meine Mama an. Sie sagte dann zu mir:“ Leaf, heulen bringt nichts! Davon kommt er auch nicht zurück. Du hast es doch gewusst, außerdem geht er freiwillig dorthin. Er hätte ja auch Zivildienst machen können“

Meine Mama kennt mich gut und sie wusste was sie mit diesem Satz bewirkt, zumindest dachte ich das.

Ich antwortete : „ Mama  du wusstest das das Leben irgendwann mal ein Ende hat und das alte Menschen sterben, wieso hast du dann geheult als Opa gestorben ist? Wenn du so weise bist, dann hättest du da auch nicht weinen dürfen. Menschen weinen um überschüssige Emotionen loszuwerden. Wenn ich jetzt nicht weinen würde, dann würde ich vermutlich demnächst explodieren.“

Meine Mama sagte dann: „Du hast recht, es ist ganz ganz schlimm ich weiß wie du dich fühlst. Dein Papa war auch Soldat und musste für 11 Monate weg und ich war auch noch schwanger. Dein Opa hat mir alles verboten. Ich durfte nicht mehr weggehen, denn für eine verheiratete Frau gehört es sich nicht, weg zu gehen. Ich durfte keine Freunde treffen oder mal was trinken gehen. Alles war verboten. Ich hatte niemanden! Sei froh das diese Zeit vorbei ist und du so liebe Eltern hast.“

Meine geliebte Mama, natürlich bin ich froh solch tolle Eltern wie euch zu haben. Ich bin froh das es euch gibt und das ihr immer für mich da seit egal wann und wo! Manchmal muss man weinen, manchmal muss man schreien und dann kann man wieder lachen und sich freuen wenn die Wut und die Trauer vorrüber sind!

Vermutlich werde ich noch öfter weinen, und vermutlich kann mich auch niemand daran hindern zu weinen. Trotzdem werde ich stark sein, stark für mich, stark für meine Familie, stark für meinen Engel! Wir schaffen das und wenn ich es alleine nicht schaffe, dann schaffen wir es eben zusammen!

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