Teil 9 einer Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen

14/08/2010
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Wenn einer eine Reise tut… so in etwa müsste ich wohl starten.

Ganz überraschend erhielt ich heute eine SMS ich bin in… wo bist du? Zu Hause bin ich, wo denn sonst. Also ins Auto gesetzt und  1Std. nach… gefahren.  Es war ein nettes Gespräch mit einem netten  Menschen. Vielen Dank nochmals!

Leaf, 25 J. aus Norddeutschland schreibt exklusiv für das Afghanistan-Blog über ihre Gedanken und Gefühle, während ihr Lebenspartner im Einsatz am Hindukusch ist.

Nun aber zu meinen vergangenen Tagen.

Fleißig streiche ich die Tage aus dem Kalender und heute habe ich gesehen, dass wir nächste Woche schon einen Monat über uns gebracht haben.  Irgendwie vermutet man nicht dass die Zeit doch so schnell vergangen ist. Ich hab mal hier, mal dort etwas unternommen und mich von meinen Eltern entertainen lassen J  Wir waren Frühstücken am Wochenende, ich habe einer Freundin beim Umzug geholfen, bin ins Fitnessstudio gegangen und habe etwas für meinen „Schwarzenegger-Körper“ getan. Naja ,nicht besonders viel, mir fehlte einfach die Kraft und ich habe nur einen Satz jeweils überstanden. Dabei dachte Ich, ich sei eine Kämpfernatur, meine Muskeln erzählten mir was anderes… „Leaf, du hast gar keine Muskeln, du bist sooo schwach! Nein, das war gelogen, WIR sind sooo schwach, das wird nichts mehr mit uns heute“ so oder so ähnlich hätte der Wortlaut wohl geheißen.

Ich kann jedem und jeder nur empfehlen, in solch einer Situation so viel Ablenkung wie Möglich zu ersuchen. Es tut gut ,wenn man nicht ständig wie ein Geier um den Pc-schwirrt mit der Annahme, man verpasse jeden Moment das nächste Lebenszeichen (E-Mail) Ich habe mir nun Internet fürs Handy besorgt, leider lässt mich dieses sehr oft im Stich. So zum Beispiel beim Email-Empfang. Diese kommen sehr häufig eine halbe bis ganze Stunde verspätet an und dann wars das auch schon mit der Möglichkeit ,eventuell zu telefonieren. Wofür bezahle ich denn eigentlich das Geld? Ich ärgere mich sehr darüber! Geht es euch nicht ähnlich? Dann, wenn man das Handy braucht ,gibt es entweder keinen Empfang oder der blöde Akku geht leer. So heute geschehen!

Ich eiere also in einer wildfremden Stadt herum und suche ein Café . Mein Navi leitet mich zwar schon sehr gut, nur irgendwie ist da, wo es meint das Ziel sei erreicht, nichts außer ein Parkplatz und Bäume. Ich wunderte mich doch schon sehr, aber ich bin ja kein Navi. Also hab ich ihm vertraut und das Auto geparkt. (Parken nur mit Anwohnerausweis… toll, das fehlte mir dann auch noch!) Ich lief um ein großes Gebäude herum und entdeckte das Café, welches ich gesucht hatte. Naja sooo falsch lag das Navi nicht.

Im Café wartete Boris Barschow auf mich. Er wollte mich kennenlernen, hätte ja genauso gut sein können, dass ich überhaupt nicht existiere, eine Fiktion meiner selbst. Man weiß ja nie, wer so durchs Internet geistert und irgendwelche Persönlichkeiten vorgibt, die dieser zu sein scheint. Recht hat er, wer weiß, welch böser Bube hinter meiner „Fassade“ steckt? Natürlich steckt kein Bube dahinter, sondern ich, Leaf, Strohwitwe oder wie man das nennen mag. Der Mann im Einsatz. Die Frau allein daheim, mit all diesen Problemen die einen sonst nicht im Geringsten interessiert hatten. Wer weiß schon als Frau wie eine Bohrmaschine funktioniert, oder wie man ein Auto überbrückt. Oder falls man wie ich, so doof ist und zum zweiten Mal den Schlüssel innen stecken lässt, die Tür hinter sich zu zieht um dann zu merken. „OH shit…Schlüssel steckt! Hups, wie komm ich da wieder rein?“ GARNICHT …weil dein Mann ist ja nicht zuhause und du stehst nun hier und kannst gucken wie du das machst. (so geschehen am Tag an dem mein Mann geholt wurde) Welch Glück, jaaa ich kann nicht anders davon sprechen, hatte meine Mutter einen Ersatzschlüssel zuhause. Es ist immer gut wenn man einen jemandem anvertraut.  Ich hätte sehr blöd vor der Tür gestanden.

Auch als ich mich Boris getrroffen habe, musste ich wieder schreiben...

Boris erklärte mir , das man sich mit solchen Problemen auch getrost an das FBZ wenden könnte, ich hätte den Schlüsseldienst gerufen *hihi* Naja ,nein er hat ja recht, manchmal weiß man ja tatsächlich nicht, was man tun muss und wenn man dann jemanden am Telefon hat der einen versteht und die Ängste kennt (weil er eben genau dies als seinen Beruf betitelt) so sehe ich die FBZ-Einrichtungen als sehr sehr förderlich an. Es hilft sich auszutauschen mit Menschen, die in derselben scheinbar verzwickten Situation sitzen und keinen Ausweg wissen. Es ist nicht leicht sich zu offenbaren, auch ich hatte meine Zweifel mit dem Treffen… wusste ja nicht was auf mich zu kommt. Kannte diesen Mann genauso wenig wie er mich, wusste nicht worauf ich mich einlasse, wer im Endeffekt nun tatsächlich dort im Café auf mich wartet, ob mir diese Person auch im realen Leben sympathisch ist und ich mich dieser offenbaren werde. Ich habe ja quasi meine Maske abgenommen… Aber ich denke es war ein wichtiger Schritt für uns Beide und ich werde mich gerne wieder mit ihm treffen. Danke Boris!

Momentan kümmere ich mich wieder um Karlchen, aber nur für zwei Tage, seine Besitzer sind noch einmal über das Wochenende in den Kurzurlaub gefahren. So ein Haustier ist schon was tolles, es wärmt einen nicht nur von außen sondern auch von innen, mich zumindest. Es tut gut ihn im Arm zu halten, sein weiches Fell zu kraulen und sein Schnurren zu spüren. Karlchen ist ein wirklich guter Seelentröster! Ich danke ihm dafür das er da ist wenn ich Jemanden brauche der nicht antwortet und einfach nur zuhört. So Jemanden kann man oft mal gebrauchen, vor allem in dieser schweren Zeit.

Ja, genau aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden dieses Tagebuch zu führen. Ich kann schreiben was mir auf dem Herzen liegt. Wer nicht möchte muss es ja nicht lesen und ansonsten weiß ich nicht ob sie nun gerade den Kopf schütteln, lachen oder weinen. Ich weiß nur das es meine Seele ein klein wenig befreit und ich dadurch immer freier werden kann. Ich danke sehr für die netten Kommentare zu meinen Beiträgen, auch wenn es bei weitem nicht so viele sind wie ich vermutet hätte (traut euch ruhig J , sagt mir was euch fehlt. Was ihr gern wissen möchtet, was euch auf dem Herzen liegt, worüber konnten wir Diskutieren oder einfach nur still lesen? Nur durch Rezession kann ich herausfinden ob das ganze hier Anklang findet. Ansonsten werde ich Euch, die Leser, weiterhin einfach als Stille Zuhörer verwenden.)

Ihr seid meine Karlchen, die dafür sorgen dass meine Tränen verebben und das Lachen zurück kehrt. DANKE!

Eure Leaf


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3 Responses to Teil 9 einer Tagebuchserie einer Soldatenangehörigen

  1. Gaby on 14/08/2010 at 20:05

    Hallo Leaf,
    ich lese immer mit sehr viel Emotionen dein Tagebuch. Ich muss jedesmal weinen, ganz ehrlich. Besonder als du von euerm Abschied, also als sie deinen Mann geholt haben, geschrieben hast. Mir war als würde es mich selbst betreffen….kann da sehr gut mitfühlen, hab ein ähnliches Schicksal, nur ist mein Freund nicht im Krieg, sondern in einem fernen Land. Na ja egal… Ich bewundere dich wirklich und ich denke sehr oft darüber nach, was wäre wenn es mir genauso ginge. Ich finde es furchtbar. Bleib‘ tapfer und so wie du bist, dann werdet ihr das überstehen. Lass dich ab und an von „Karlchen“ trösten. Ich glaube, dass so ein Tier Einem wirklich Trost spendet. Wünsche dir noch einen ganz schönen Samstag-Abend.
    Liebe Grüße
    Gaby

  2. Moni on 14/08/2010 at 20:53

    Hallo Leaf…
    Ich finde das dein online-tagebuch eine super idee ist!! es hilft, wenn man sich die dinge von der seele schreiben kann und für mich, als eine deiner leserinnen kann ich sagen, das es hilft dein tagebuch zu lesen. mein freund ist auch seid 1.Juli in Afganistan und ich kann dir sehr gut nachempfinden. ich habe das glück, das wir bis jetzt täglich chatten (mit cam) und gelegendlich telefonieren konnten. und ich bekomme täglich sms von ihm 🙂 noch funktioniert das, aber ich weis das es nicht mehr lange möglich sein wird…
    ich hoffe du schreibst fleissig weiter!!
    Liebe Grüsse, Moni

  3. Helga D. on 15/08/2010 at 10:49

    Liebe Leaf,

    auch ich möchte Ihnen weiter Mut zusprechen, schreiben Sie sich alles von der Seele…

    Dass Sie mehr Resonanz erwartet hatten – „Gefühle“ ist in der Regel nicht das Ding der Männer, sie diskutieren lieber über die Reichweiten von Panzerhaubitzen oder ob manches schwere Gefährt überhaupt in AFG einsetzbar ist. Meistens sind es die, die niemals einen kleinen Zeh in einen Einsatz gesteckt haben, aber wissen tun die (fast) alles!

    Ich habe gerade frisch mehr als Tausend Bilder aus den unterschiedlichsten Provinzen im Norden AFG´s gesehen, teils mit O-Ton versehen, und auch den Berichten von Soldaten lauschen dürfen, die jeden Tag und oft genug in der Nacht draußen waren, so manches Gefecht überstanden haben und auch Leicht- bis Schwerverletzte in den Sanitätsbereich haben bringen und leider auch mehrere Trauerfeiern für deutsche und internationale Kameraden haben erleben müssen – nichts, aber auch gar nichts hat irgendwie Ähnlichkeit mit dem, was uns hier via Medien ins Haus flattert!

    Zum Glück – im Gegensatz zum ersten Einsatz – waren gute Truppenpsychologen vor Ort, die den Soldaten eindringlich ans Herz gelegt haben, „etwas für sich zu tun“, Teilnahme an den Nachbereitungstagen, Kur, etc.

    Auch mein Hinweis, dass wir es dieses Mal besser machen müssen und dass ein guter Soldat nur der sein kann, der verantwortungsvoll mit sich umgeht, dass er nur auf Dauer Leistung bringen kann, wenn er körperlich und seelisch gesund sowie motiviert ist, hat wohl Früchte getragen!

    Die „wir sind die harte Kerle-Truppe ohne Gefühle“ bringt den meisten Soldaten und Familien nichts, die, die dazu stehen, dass sie normale Reaktionen auf unnormale Situationen zeigen und dies aktiv angehen, sind für mich die „wahren Soldaten mit einem A… in der Hose“, denn sie verkraften alles besser und stehen den Kameraden und dem Dienstherrn letztlich auch wesentlich schneller und besser zur Verfügung, vor allem aber sich selber und ihren Familien. Warum nicht Angebote annehmen, sie haben es sich doch alle mehr als redlich verdient? Im zivilen Leben scheut sich doch auch keiner, eine Kur oder Kurlaub wegen Rücken, Herz oder auch Psyche o. ä. anzutreten.

    Ich persönlich gehe mit der „Gesellschaft“ nach zwei Einsätzen verständnisvoller um, denn die „Lieschen Müllers“ können doch nichts dafür, dass sie keine Wahrheiten erfahren. Journalisten, die Wahrheiten erlebt und gefilmt haben, dürfen diese nicht zeigen!
    Brauchen wir uns da wundern, dass wir Angehörigen als „schizophren“ oder „nervlich strapaziert“ angesehen werden, weil sich unsere Erkenntnisse überhaupt nicht mit denen decken, die „zensiert“ und bewusst gestreut ans Licht kommen? Wenn es der Verteidigungsminister wirklich ernst meint, dann hat er in seinem „Stall“ noch eine Menge zu tun…

    Bleiben Sie weiter aktiv, liebe Leaf, sorgen Sie aber auch zwischendurch für „Ruhephasen“, ihr Körper und ihre Seele werden es Ihnen danken – das ist meine persönliche Erfahrung. Gehen auch Sie gut mit sich um, Sie müssen es für zwei tun, denn auch nach dem Einsatz braucht Ihr Soldat Sie!

    Alles Liebe für Sie und Ihren Soldaten, er soll – wie alle – jederzeit zum richtigen Augenblick am richtigen Ort sein! Ich weiß erst seit ein paar Tagen, wie wichtig und passend diese Wünsche an meinen Soldaten waren – alles kam „knapp daneben, davor und/oder danach.“

    Ihre Helga D.



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