Armee und Gesellschaft – Gates kritisiert Freiwilligenarmee

30/09/2010
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Die Diskussion in der Bundesrepublik ist gerade an ihrem Ende angekommen. Die Wehrpflicht wird mit höchster Wahrscheinlichkeit ausgesetzt und beendet damit ein Kapitel der deutschen Geschichte, in dem immer wieder von der „Klammer für Bundeswehr und Gesellschaft“ oder dem „Garanten der Verankerung in der Bevölkerung“ gesprochen wurde. Die Wehrpflicht und ihre Wurzeln in der deutschen Geschichte wurde seit Gründung der Bundeswehr als ideales Zugpferd einer demokratischen Armee gesehen. Ihr Vorhandensein garantiere, dass die Armee nicht zum Staat im Staate werde, argumentierten viele.

U.S. Defense Secretary Robert Gates addresses a news conference at the end of a two-day NATO defence ministers meeting at the alliance headquarters in Brussels June 11, 2010. REUTERS/Thierry Roge  (BELGIUM - Tags: POLITICS MILITARY)

Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates (Quelle: Reuters via picapp)

In der Debatte um die Wehrpflicht wurden auch immer andere Nationen als Beispiel hinzugezogen. Neben unseren europäischen Nachbarn waren es auch die USA, wo nach dem Vietnamkrieg nicht mehr eingezogen wurde, die als Beispiel für eine Freiwilligenarmee galten. Dieses Bild wird jetzt durch den amerikanischen Verteidigungsminister Gates getrübt, der bei einem Vortrag an der Duke Universität in North Carolina eben dieses Freiwilligenprinzip kritisierte. Es sei problematisch, dass mit etwa 2,4 Millionen aktiven Soldaten und Reservisten nur noch weniger als ein Prozent der Bürger Anteil an der Last des Krieges hätten.

„Das führe auch dazu, dass viele Bürger die Einstellung hätten, Militärdienst sei ‚etwas für die anderen‘. Denn so trügen nur relativ wenig Menschen Lasten, die die Kriege in Afghanistan und dem Irak mit sich gebracht hätten, erklärte Gates. Weil viele gerade in Kriegszeiten nicht zum Militärdienst bereit seien, müsse das Verteidigungsministerium wesentlich mehr Geld für die Anwerbung und Bezahlung von Rekruten ausgeben: Seit der Invasion in Afghanistan vor neun Jahren habe sich der Betrag dafür von 90 Milliarden auf 170 Milliarden Dollar verdoppelt. Mit der Rede wollte er nach eigenen Angaben auf langfristige Probleme hinweisen. Er sagte nicht, wie er die von ihm beschriebene Kluft zwischen Amerikanern in Uniform und Zivilpersonen schließen wolle. ‚Für die meisten Amerikaner bleibt der Krieg abstrakt – eine weit entfernte und unangenehme Serie von Nachrichten, die sie nicht persönlich betrifft.“ (Weiter zur Meldung auf ad-hoc-news.de)

Minister Gates machte damit auch auf das Problem der Entfremdung zwischen Armee und Bevölkerung aufmerksam, wie der Stern meldet. Die Intention der Rede, mehr Geld oder Wehrpflicht, wobei die Wiedereinführung letzterer von ihm als „politically impossible“ bezeichnet wird, drängt sich in den Meldungen von ad-hoc-news und Stern.de förmlich auf. Allerdings gehen Gates Forderungen nicht in Richtung der Wiedereinführung einer allgemeinen Wehrpflicht. Dazu seien die heutigen Bedingungen in der Armee zu komplex. Allerdings sollen weitaus mehr Freiwillige, gerade junge Akademiker, den Dienst für ihr Land leisten. Auch die Ehrungen von ehemaligen Militärs in zivilen Spitzenpositionen sowie eine lobende Erwähnung der Mitglieder der Reserveoffizierkorps der Universität unterstreichen diese Sichtweise. (Weiter auf der Homepage der Duke-Universität)

Gut so! Minister Gates und junge Soldaten eines texanischen Kadettenkorps. (Quelle: Wikipedia/US DoD)

Hier gibt es die gesamte Rede.

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6 Responses to Armee und Gesellschaft – Gates kritisiert Freiwilligenarmee

  1. Stefan on 30/09/2010 at 15:05

    Das vereinfacht seine Aussage etwas zu stark. Es ging nicht darum, dass generell zu wenige dienen. Sondern auch darum, dass diese zu einer großen Mehrheit aus bestimmten Bevölkerungsschichten und bestimmten Regionen kommen. Vor allem aus dem Süden und dem Mittleren Westen, sowie kleineren Städten. Was dadurch verstärkt wird, dass das Heer seine Truppen auf einigen wenigen, aber riesigen Basen dort konzentriert.

    Wehrpflicht löst dieses Problem auch nicht. Zumindest nicht in Deutschland. Wenn man die Wehrpflichten in den Krieg schicken würde, vielleicht. Aber alle die ins Ausland gehen sind so oder so Freiwillige. Außerdem wurden schon lange viel zu wenige Leute eingezogen als dass das gesellschaftlich irgendeinen Effekt hat.

    • Robert on 04/10/2010 at 20:02

      Das die Rekrutierung regionale Schwerpunkte haben wird, ist auch bei uns zu erwarten. Die niedrige Arbeitslosigkeit im Süden dürfte sich bspw. auswirken. Ein Punkt, den ich bisher noch nie gelesen habe, (vielleicht liegt das an meinem Lesestoff?) könnte die zunehmende Zahl Deutscher mit Migrationshintergrund sein. Werden die in der Bundeswehr einen möglichen Arbeitgeber sehen?

      • Georg on 09/10/2010 at 13:07

        Sicherlich ist dies so !

        Die Bundeswehr sieht auch in der zunehmenden Zahl von jungen Migranten in Deutschland ein Rekrutierungspotential, besonders für die Mannschaftslaufbahn, aber auch für die gewillten und geeigneten Aufsteigertypen für die Unteroffizier- und Feldwebellaufbahn.

  2. Georg on 04/10/2010 at 20:53

    Einen Auszug aus der Rede von dem amerikanischen Verteidigungsminister finde ich schon merkwürdig um nicht zu sagen zynisch:
    Zitat:
    Denn so trügen nur relativ wenig Menschen Lasten, die die Kriege in Afghanistan und dem Irak mit sich gebracht hätten, erklärte Gates. Weil viele gerade in Kriegszeiten nicht zum Militärdienst bereit seien, müsse das Verteidigungsministerium wesentlich mehr Geld für die Anwerbung und Bezahlung von Rekruten ausgeben: Seit der Invasion in Afghanistan vor neun Jahren habe sich der Betrag dafür von 90 Milliarden auf 170 Milliarden Dollar verdoppelt.
    Zitatende
    Gates tut gerade so als sie der Irakkrieg eine Naturkatastrophe gewesen (den Krieg in AFG will ich mal außen vor lassen). Dabei war dies ein völkerrechtswidriger Angriff der von der Regierung der USA gegen den Irak geführt wurde. Dieser Angriff und der geführte Krieg kostete Geld und zwar wesentlich mehr als der damalige Minister Rumsfeld in seiner arroganten und zynischen Art kalkulierte.
    Und plötzlich greifen die Mechanismen der Marktwirtschaft. Wenn es gefährlicher wird, wird die Nachwuchsrekruitierung eben teurer !
    Nach seiner Meinung sollen also mehr junge Akademiker einen Dienst für ihr Land leisten. Welchen Dienst ? Dass Amerika langfristig an billiges Öl kommt, oder dass der völlig marode Dollar weiterhin dadurch gestützt wird, dass Öl ausschließlich in Dollar abgerechnet wird ?

  3. Klaus on 10/10/2010 at 10:48

    @ Georg

    Treffend betrachtet und formuliert!!!

    • Georg on 10/10/2010 at 21:28

      Danke

      Gruß Georg



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