Leichenschändung, Koranverbrennung & Amokläufer

12/03/2012
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Eigentlich wollte ich ja mal ausprobieren, wie lange es dauert, bis mal etwas Neues in Afghanistan passiert, worüber wir hier noch nicht diskutiert haben. Aber jetzt juckt es mit in den Fingerspitzen. Dass am Wochenende ein US Soldat bei einem Amoklauf 16 afghanische Zivilisten, darunter auch Kinder, getötet hat, ist die Spitze eines Eisberges an diversen Vergehen von Militärs. Ich möchte nicht wissen, was sonst noch so alles passiert, wovon wir gar nichts mitbekommen. Zuvor dann noch die angeblich versehentliche Koranschverbrennung  – von US Soldaten begangen – und…widerum die Amerikaner…das Urinieren auf einen offenbar getöteten Taliban. Absonderliche Nachrichten, die in den vergangenen Wochen um die Welt gegangen sind. Es hagelt seit dem an Entschuldigungsbekundungen aus Amerika. Beim jüngsten Amoklauf eines US Soldaten wird nun die „Aburteilung“ des Täters diskutiert. Die Afghanen fordern die Übergabe des Täters. Indes bringt sich Präsident Hamid Karsai wieder unrühmlich ins Gespräch, indem er die Gewalt an Frauen erlauben will. Und Bundeskanzlerin Merkel stellte heute während ihres Truppenbesuches In Mazar-e Sharif fest, dass der Aussöhnungsprozess mit Taliban noch nichts ausreichende Fortschritte gemacht habe. Und Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) wirbt gleichzeitig für Investitionen am Hindukusch und bemerkt fast unbemerkt, dass die Amerikaner ihren Soldaten in der Vorausbildung bessere interkuturelle Kompetenz vermitteln sollten. In meiner Facebookgruppe zum Blog schreibt ein Bundeswehrsoldat auf die Amoklaufmeldung vom Wochenende: „Besser die als unsere Jungs!“ Herr Niebel: das gilt dann doch wohl für alle truppenstellende Nationen, oder?!

Wie behalten wir den Durch- und Überblick?

Einem Bekannten von mir, der für eine Hilfsorganisation in AFG arbeitet, antwortete ich neulich als er mich fragte „Was machte denn Afghanistan so?“  mit „Das interessiert doch niemanden mehr“. Daraufhin er: „Dann könnender wenigstens in Ruhe weiter arbeiten.“ Dieser Dialog spricht Bände!

Nicht, dass Sie denken, ich sei mit meinem Latein am Ende. Nach 5 Jahren Bloggerei, Vorträgen, Zwiegesprächen, Diskussionen mit Afghanen in Deutschland, deutschen Intergrationsstudien über angeblich nichtintegrierbare Muslime und vom hörensagen informierter Journalisten, nach einer enttäuschenden Bonner Afghanistan-Konferenz und zig Militärdokus im TV über Bundeswehrsoldaten im Einsatz – die Jahre zu spät gekommen sind – wird eine Einsatztransparenz vorgegaukelt die mit einem seidenen Schleier einer Bundeswehrstrukturreform überdeckt wird. Ich frage Sie meine werten Leserinnen und Leser: sind wir in Afghanistan gescheitert? Hat das gesellschaftspolitische Desinteresse gesiegt und wir wulffen in Deutschland  jetzt nur noch vor uns her? Wofür sind über 50 deutsche Soldaten in Afghanistan gefallen? Wer kümmert sich um die PTBS belasteten Soldaten und um ihre auseinanderbrechenden Familien? Ist Afghanistan nur noch eine Feinschmeckerdebatte von sicherheitsolitischen Freaks? Helfen Sie mir bitte! Wie sollen wir mit dem Blog weitermachen? Was wollen Sie diskutieren? Das aktuelle Geschehen? Weitere Gastkommentare von Prof Jäger und mehr Analysen? Mehr über Kultur und Menschen in Afghanistan? Oder doch lieber Sicherheitspolitik? Mehr afghanische Stimmen? Oder soll ich selber nach Afghanistan reisen, um von dort zu berichten??

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3 Responses to Leichenschändung, Koranverbrennung & Amokläufer

  1. Boris Barschow on 12/03/2012 at 18:01

    Irgendwie setzt die Software gerade keine Links mehr. Bitte dies zu entschuldigen…ich arbeite dran.

  2. Sebastian Schlutz on 12/03/2012 at 20:47

    Danke für Ihren heutigen Blog.

    Zuerst: ich bin selber Soldat und verurteile auf das schärfste die Aussage „lieber die als wir“. Sowohl Amokläufe von ANSF Kräften gegen ISAF Angehörige, als auch umgekehrte Taten, wie der Amoklauf eines US Soldaten sind Verbrechen, die durch nichts zu rechtfertigen sind. Ich bedauere nur, das all diese Taten so in den Vordergrund geraten, dass sie die mühevolle Aufbau- und Friedensarbeit der hunderttausenden engagierten Afghanen und ISAF Angehörigen hintertreiben und in Gefahr bringen.

    Zu Ihren abschließenden Fragen: Ich würde mir mehr Nachrichten und Recherchen zu den Erfolgen in Afghanistan wünschen. Es gibt positives zu berichten, noch mehr, wenn man bedenkt wohin Afghanistan zurückzufallen droht:
    Wir müssen uns doch im Klaren sein, dass es ein furchtbares Massaker geben wird, ausgerichtet von den Terroristen und Taliban an all denen, die die Freiheit der letzten 10 Jahre genossen haben und mit ISAF an dem Aufbau Afghanistans gearbeitet haben!
    Wie viele tote Frauen und Kinder werden nicht mehr gezählt werden können, wenn die Taliban die gesundheitliche Versorgung wieder in die Steinzeit zurückversetzen und Frauen nicht mehr allein auf die Straße lassen? Die zwischen 2000 und 3000 Toten Zivilisten, mehrheitlich Opfer der Taliban-Verbrecher sind furchtbar schlimm, aber meiner Überzeugung nach ein elend-geringeres Übel als die Zahl der Opfer einer neuen Taliban-Herrschaft.
    Wie kann man mit Verbrecher, Fanatikern, Terroristen, Nazi-gleichen Organisationen verhandeln?
    Ich würde mir eine Debatte wünschen, wie die deutsche und europäische Zivilgesellschaft das militärische Engagement ergänzen und langfristig überflüssig machen können. Es gibt alle möglichen Partnerschaften und Hilfsvereine für Entwicklungsprojekte in der ganzen Welt, doch für das Land, dem 2001 zuerst von Deutschland aus ein Versprechen der Hilfe gegeben wurde, dorthin wo deutsche Soldaten im Namen Deutschlands geschickt werden, da spart das deutsche Volk an Bemühungen. Wie viel hätte sich und würde sich noch erreichen lassen, wenn deutsche (europäische) Kliniken, Kommunen, Schulen, Universitäten, Firmen und Verbände Kooperationen mit afghanischen Partnern eingingen?!
    Wie könnten Deutsch-Afghanen verstärkt in die Partnerschaft und Entwicklung einbezogen werden?

    Ganz wichtig ist in meinen Augen die kritische Verfolgung des begonnenen Verhandlungsprozesses mit den Verbrechern. Wird es Vereinbarungen auf Kosten von Menschenrechten geben? Wenn das der Fall ist, entfällt die Legitimation deutsche Soldaten, die dem Grundgesetz verpflichtet sind, für einen solchen Einsatz zur Verfügung zu stellen! Die Errungenschaften der letzten zehn Jahre dürfen nicht für einen Frieden in Unfreiheit und Herrschaft des Terrors geopfert werden!

  3. Gisi on 22/03/2012 at 16:06

    Das Bundeswehrsoldaten seit 2001, am Hindukusch im Einsatz, Ihr Leben lassen mußten, ist bekannt. Ihre Mission war: Stabilität und Demokratie im Norden Afghanistans schaffen und den Wiederaufbau zu unterstützen. Doch die Sicherheits­lage in diesem Land war und ist eine Katastrohpe – immer wieder gibt es Tote und Verletzte, weil sich die Mission gewandelt hat. Es ist kein Wiederaufbau mehr , sondern ein KRIEG geworden.
    Und die Gräuel eines Krieges hinterlassen nun mal Spuren, bei allen
    Soldaten. ( Das bedeutet nicht , daß ich das gut heiße, was US-Soldaten angerichtet haben , weit gefehlt!), aber tausende der Internationalen leiden unter traumatischen Stresserkrankungen – möglicherweise auch der Amokläufer Robert Bales.
    Erst konnte der Präsident Afghanistans , nicht froh genug sein, daß die Welt zu Hilfe eilte. Und nun : … stößt Herr Karsai die Nato mit seinem Plan vom schnelleren Abzug der ausländischen Truppen vor den Kopf. Da erscheint mir der mühsam ausgehandelte Zeitplan bis 2014 als Makulatur. Es könnte der größte Horror für Afhganistan werden: ein Wettlauf raus aus dem Land.
    Ich frage mich jetzt: WAS hat es dann bebracht, daß die Soldaten dort waren ? Mit persönlich wäre es lieber gewesen, die Truppen aller Länder , wären zu Hause geblieben.
    Man kann ein Land , mit tausenden von Jahren Traditionen , eben nicht umkrempeln, selbst , wenn viele es sich wünschen.



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